Deutsche Kirchen fordern mehr Mitmenschlichkeit
Die beiden großen Kirchen haben insgesamt an Weihnachten zu mehr Mitmenschlichkeit im alltäglichen Leben aufgerufen. Das Denken und Handeln der Menschen werde immer stärker von der Frage nach dem bloßen Nutzen der Dinge beherrscht, sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, am Montag bei seiner Predigt im Mainzer Dom laut Redetext. Selbst Beziehungen würden zunehmend auf diese Weise eingeschätzt, kritisierte Lehmann.
Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, forderte an Heiligabend mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit. Huber sagte laut Redetext in seiner Predigt zur Christvesper im Berliner Dom, man dürfe nicht die Geburt des Kindes als wichtigstes Fest begehen und zugleich die Gleichgültigkeit gegenüber Kindern fortsetzen. Es sei Zeit für einen Mentalitätswechsel und Weihnachten sei das richtige Fest, um damit zu beginnen. Kinder bräuchten eine Familie, um Liebe zu erfahren. Jesu Geburtsort in einem Stall sei zwar armselig gewesen, aber nicht das Niemandsland, in das heute bisweilen Kinder ausgesetzt würden, um buchstäblich zu verhungern oder zu verdursten, sagte der EKD-Ratschef.
Trotz Patchworkfamilien und zerbrechenden Ehen äußerten Jugendliche heute keinen Wunsch mit größerem Nachdruck als den, eine Familie zu gründen und in einer Familie zu leben. Die Formen dafür seien vielfältig, aber Beziehungen, in denen Liebe und Vertrauen, Verlässlichkeit und Fürsorge ihren Ort hätten, seien für das menschliche Leben unersetzlich. Huber kritisierte insbesondere mangelnde Kinderfreundlichkeit in Unternehmen: „So lange junge berufstätige Frauen den Vorhalt ihres Vorgesetzten fürchten müssen, ein Schwangerschaft komme gerade jetzt zum falschen Zeitpunkt, so lange hat die aktivste Familienpolitik kaum eine Chance“, sagte der Bischof laut Predigttext.
Der Mainzer Bischof Lehmann sagte, der wahre Sinn des Weihnachtsfests könne nur mit „der Ruhe der Besinnung und des Nachdenkens“ erfasst werden. An Weihnachten gehe es nicht um Geld und Macht, sondern um selbstlose Hingabe und Menschlichkeit.
Wetter warnt Christen vor Identitätsverlust
Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter warnte die Christen zu Weihnachten vor falsch verstandener Toleranz gegenüber anderen Religionen. Dies könne zum Verlust der christlichen Identität führen, sagte der Erzbischof von München und Freising am Weihnachtsmorgen bei seiner Predigt im Münchner Liebfrauendom laut Mitteilung. Zwar werde zu Recht Toleranz gefordert. Toleranz anderen Gläubigen gegenüber bedeute aber nicht, seine eigene Meinung aufzugeben, sondern den anderen in seinem Anderssein zu respektieren.
Der Glaube an die Menschwerdung Christi zu Weihnachten sei ein so hohes Gut, dass diese Wahrheit nicht dem heutigen Drängen nach Vermischung und Gleichschaltung religiöser Anschauungen preisgegeben werden dürfe. Der „feste unnachgiebige“ Glaube der Muslime sei eine Herausforderung an die Christen, in ihrem Glauben „nicht wankend zu werden oder sich irre zu machen“, heißt es in der Mitteilung. Als nicht weiterführend bezeichnete Wetter die „pädagogisch gut gemeinten Versuche“, nichtchristliche Kinder mit christlichen Kindern gemeinsam beten zu lassen oder sogar gemeinsame Gottesdienste zu feiern. Kinder müssten zunächst in ihrer eigenen Religion eine Heimat finden, sagte der Kardinal.


