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07.05.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Prada statt Politik

von Finn Mayer-Kuckuk

Chun Sue schreibt über ihr Leben – über Barbesuche und Markenklamotten, über Lust und Laster, über wechselnde Haarfarben und wechselnde Liebhaber. Sexy und aufreizend. Sie provoziert damit das prüde China. Teil zwölf der Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“.

Chun Sue in einem Pekinger Café: "Warum meine Bücher verboten wurden, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wen ich danach fragen sollte." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Chun Sue in einem Pekinger Café: "Warum meine Bücher verboten wurden, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wen ich danach fragen sollte." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Ich nahm Zhao Ping mit zu mir nach Hause, wo er auf dem Balkon saß, Gitarre spielte und einige von den Liedern sang, die er geschrieben hatte. Ich holte uns ein Eis und fütterte uns, ein Löffel für ihn, ein Löffel für mich. Er sagte, meine Beine seien sexy. Sobald wir in meinem Zimmer waren, küsste er mich. Es schien mir wie selbstverständlich, mit ihm ins Bett zu gehen. Da ich ein halbes Jahr keine Liebe mehr gemacht hatte, tat er mir weh. Ich schrie, als er mich bestieg. Er kicherte nur. „Ach, ich dachte, du bist noch Jungfrau“, sagte er.

Es waren wohl Zeilen wie diese, die den staatlichen Zensoren missfielen. Und solche Passagen gibt es viele in „China Girl“ von Chun Sue. Als 17-Jährige hat sie diesen Roman geschrieben über Schulabbruch und Barbesuche, über Lust und Laster, über wechselnde Haarfarben und wechselnde Liebhaber. Innerhalb weniger Monate verkaufte sich „China Girl“ fast 100 000 Mal, bevor die Behörden beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Das erste Werk der Chinesin kam auf den Index.

Chun Sue ist inzwischen 24, sie hat sechs Bücher geschrieben. Und sie liebt die Provokation bis heute – auch äußerlich: Stiefel, ein mit Kunstpelz besetztes Cape in Pinktönen und ein heller Lippenstift. So kommt sie zu einem Treffen in ein Pekinger Café. Die junge Frau will auffallen. Das gehört bei ihr zum Beruf, das hat sie bekannt und berühmt gemacht, ihr den Ruf einer Rebellin, einer Pop-Autorin verschafft.



In „China Girl“ reibt sich Chun Sue an den Konventionen der Volksrepublik. Ihre Figuren sind egoistisch und wollen sich nicht anpassen. Damit stehen sie – ebenso wie die Autorin – für eine ganze Generation von Großstädtern, denen das Weltbild der kommunistischen Partei zu eng ist, die sich mit ihrem Individualismus in China nicht wiederfinden.

Sie sind in den 80er-Jahren geboren und mit einem lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung groß geworden, der ihnen Mobiltelefone und tragbare Musikspieler bescherte. Anders als ihre Eltern lieben sie den westlichen Lebensstil mit Markenklamotten und McDonald's. Sie hören Rockmusik mit Texten über Rebellion und Wut, sie „chillen“ und „chatten“.

Doch zugleich haben sie als Oberschüler seitenweise Regeln auswendig lernen müssen. Wer sich die Haare färbte, musste sich vor Eltern wie Lehrern rechtfertigen. Für die Hauptfigur in Chun Sues erstem Roman sind diese Widersprüche unerträglich. Sie bricht immer wieder aus den vorgegebenen Bahnen aus. Letztlich kommt sie damit durch, doch sie handelt sich reichlich Ärger ein.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Alptraum aller chinesischer Eltern

Als ihr Buch vor sechs Jahren erschien, traf Chun Sue damit einen Nerv. „Ich bekomme bis heute Fanpost, und die, die mir E-Mails schicken, sind alle unter 30“, sagt sie. Die Protagonisten in ihrem Buch suchen das Vergnügen und konsumieren, was ihre Geldbörsen hergeben. Sie mögen Prada und Calvin Klein, essen Fast Food und hängen in Shopping-Malls herum. Sie reden über Musik, Liebeleien und den Sinn des Lebens.

So wie Chun Sue. „Ich hab in dem Buch auch mein eigenes Leben beschrieben“, sagt sie. Sie war demnach der Alptraum aller chinesischer Eltern. Schon mit 15 blieb sie über Nacht einfach so weg und zog sich den Zorn ihres Vaters zu, eines Offiziers der Volksbefreiungsarmee. Wenn sie etwas interessant fand, rückte alles andere in Hintergrund – vor allem die Schule. Mit 17 stand sie als Schulabbrecherin da, hatte dafür aber einen Job in der Redaktion eines Rockmagazins.

Wie üblich gingen wir zu einem Musikladen, dann weiter zum Converse-Laden, um die neuesten Turnschuhe anzuschauen. Als wir zu Badeanzügen kamen, sagte G., er bekomme gewisse Gefühle. Ich ging runter in die Kosmetikabteilung. Es gab vieles, was ich hier kaufen wollte, den neuen Nagellack von ZA, Eyeliner von Red Earth, farbiges Mascara und flüssige Foundation von L'Oréal, Colorstay-Lippenstifte von Revlon. Auf dem Weg heim hörte ich „Say Forever“ von Go Go & Me Me.


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Haare färben, Rockmusik hören, Klamotten kaufen – sind da nicht deutsche Durchschnittseltern einiges mehr gewöhnt? „Wenn ich in Deutschland oder Amerika gelebt hätte, hätte ich wohl eine andere Form der Rebellion entdeckt“, sagt Chun Sue. Doch für chinesische Verhältnisse ist ihr Verhalten schon drastisch genug. Es widerspricht dem staatlichen Bedürfnis nach Kontrolle und der Prüderie in diesem Land, in dem Nacktheit im Fernsehen auch heute noch verboten ist.

Die Führung der Volksrepublik hätte ihre jungen Chinesen lieber positiv eingestellt, sozial engagiert, mit den gesellschaftlichen Normen zufrieden, stets fleißig und gehorsam.

Leiden und Freude sind für mich eins. Wann immer ich Spaß habe, muss ich dafür bezahlen. Der einzige Weg, um Leiden zu vermeiden, wäre, auch die Freude zu vermeiden. Es lief alles auf ein Wort hinaus: Tod. Keine Gefühle. Das Land der höchsten Glückseligkeit. Nirvana. Ich suchte das absolute Nichts. Doch stattdessen weinte ich, weil ich zu einem Treffen mit einem Jungen gehen wollte und keine schickere Hose und keine neuen Schuhe hatte. Ich weinte, weil eine E-Gitarre 1 500 Yuan kostete, die ich mir nicht leisten konnte. Mein Zimmer war leer. Keine Freunde. Ich schluchzte schwach. Fühlte mich zu ewiger Schwäche verdammt. Nachdem ich mich ausgeweint hatte, war mir kalt. Ich hasste mich selbst.

Es dauerte fast drei Jahre, bis Chun Sue in China überhaupt einen Verleger für ihren Erstling gefunden hatte. Zunächst holte sie sich eine Absage nach der anderen – bis ein guter Freund, der in einem Verlag arbeitet, über seinen Schatten sprang. Nach dem Verbot ist „China Girl“ in China nur noch als Raubdruck zu haben.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kritik an China lässt sie rotz allem nicht zu

Offiziell kann man das Buch aber im Ausland kaufen. Es wurde inzwischen in 16 Sprachen übersetzt. Die Verlage haben den eigentlichen Namen der Autorin Chun Shu in Chun Sue abgewandelt, um ihn internationaler zu machen.

Kurz nach Erscheinen des ersten bringt sie ihr zweites Buch heraus: „Ein halber Tag Ekstase“. Auch der Roman wird in ihrer Heimat verboten. Erst beim dritten Buch, einem Gedichtband, gibt es keinen Ärger mit der Zensur. „Das Verbot der Bücher hat mich fast zur Verzweiflung gebracht. Warum die Bücher verboten wurden, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wen ich danach fragen sollte“, sagt Chun Sue.

Auch wenn ihr die Zensur am modernen China nicht passt, genauso wenig wie andere Dinge, etwa die Schere zwischen Arm und Reich: Kritik daran lässt sie nicht zu – zumindest nicht, wenn sie von außen kommt. Darauf reagiert sie allergisch und zählt gleich alle Versuche der chinesischen Führung auf, die angeprangerten Zustände zu beseitigen.


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Auch das ist typisch für ihre Generation. Sie interessiert sich durchaus für Politik, Missstände fallen ihr auf, sie fordert aber keine Veränderungen und stellt schon gar nicht das System infrage. Das Land erscheint trotz aller Reformen zu eng, und dennoch geben sich die Jugendlichen patriotisch. „Ich liebe China. Ich denke, es ist selbstverständlich, sein Vaterland zu lieben“, sagt Chun Sue.

Ihre Vaterlandsliebe geht so weit, dass sie derzeit freiwillig einen Kurs für junge Schriftsteller besucht, den der Künstlerverband anbietet – also eine staatliche Institution. „So ein Kurs nimmt einem aber nicht die Unabhängigkeit“, sagt Chun Sue. „Im Unterricht hat der Lehrer interessante Dinge erzählt, und als ein Teilnehmer hinter mir immer dazwischengeredet hat, wollte ich schon zu ihm sagen: ,Du, halt's Maul'.“

Sobald sich die Tür öffnet, ziehst du das Messer und gehst auf ihn los. Ah! Ah! Ah! Jeder Stoß ist von strahlendem Lachen begleitet, während sein Blut einen roten Schleier über dein Gesicht wirft. Schließlich brichst du in einem See aus Blut zusammen. Als Li tatsächlich die Tür öffnete, verfluchte ich ihn nicht nur, ich fand mich stotternd und murmelnd, als ob die Sache mit mir Schluss gemacht hätte, statt ich mit der Sache.

Chun Sue ist derzeit die Jüngste unter den Autoren, die über das wilde Leben der Jugend schreiben, Einblicke in das Szeneleben in Chinas Großstädten geben und mit der Zensur aneinandergeraten.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Der Staat schreitet nicht immer ein

Dazu gehört auch Wei Hui, zehn Jahre älter als Chun Sue, die Autorin von „Shanghai Baby“. Und Mianmian, die der Roman „Candy“ berühmt machte. In den Büchern geht es um Sex und Drogen, Selbstmordversuche und Liebesdramen, Lebenslust und Existenzangst. Altmeister dieser Art der Literatur ist Wang Shuo, 1958 geboren. Einige Werke dieser drei Autoren sind verboten. Doch der Staat schreitet inzwischen seltener ein. Bücher anderer Autoren, die ähnlich unkonventionell und provokant daherkommen wie Chun Sue & Co., sind frei erhältlich. Es ist nicht immer nachvollziehbar, woran die Zensoren Anstoß nehmen.

Chun Sue arbeitet an einem neuen Buch. „Liebe unterwegs“ lautet der Arbeitstitel. „Es soll nicht mein Image als erotische Autorin bedienen“, sagt sie. Probleme mit der Zensur sieht sie daher nicht bei ihrem neuesten Roman „Das könnte beim übernächsten Buch wieder anders sein“, erzählt sie. „Es spielt zur Zeit der Kulturrevolution. In den 60er-Jahren. Ein eher fiktionales Buch.“

Mit weitgehend autobiografischen Storys kann sie heute nicht mehr punkten. „Was eine Person erleben kann, reicht auf Dauer nicht“, sagt Chun Sue. Also muss sie sich Geschichten ausdenken.



In „Liebe unterwegs“ taucht auch erstmals ihr deutscher Freund Jakob auf. „Er ist auch ganz gespannt drauf. Zu Anfang habe ich eine fiktive Geschichte geschrieben, dazwischen kommen immer wieder nicht erfundene Teile“, sagt die junge Autorin.

Das haltlose Mädchen von damals hat sich gefangen. Sie schreibt Bücher, einen Internet-Blog und arbeitet als Journalistin für ein Lifestyle-Magazin. Parallel dazu hat sie eine Hauptrolle in einem Independent-Film übernommen, arbeitet als Foto-Model und singt auf Musikfestivals. „Ich lebe jetzt ein sehr normales Leben wie alle Leute“, behauptet sie.

Auch privat sei sie ruhiger geworden. „Ich verlieb mich nicht mehr alle zwei Wochen in einen anderen Typen, rauche nicht mehr so viel und gehe nicht mehr so oft zu Rockkonzerten.“ Dafür sei sie jetzt Buddhistin geworden. „Der Buddhismus hilft mir, ruhiger zu werden.“ Ihre Punkzeit mit purpurfarbenen Haaren und drei Ringen an jeder Hand sei endgültig vorbei. Doch dann seufzt Chun Sue angesichts ihrer neuen Bravheit. „Mein Leben ist heute zu langweilig, damit bin ich sehr unzufrieden.“

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