Als ihr Buch vor sechs Jahren erschien, traf Chun Sue damit einen Nerv. „Ich bekomme bis heute Fanpost, und die, die mir E-Mails schicken, sind alle unter 30“, sagt sie. Die Protagonisten in ihrem Buch suchen das Vergnügen und konsumieren, was ihre Geldbörsen hergeben. Sie mögen Prada und Calvin Klein, essen Fast Food und hängen in Shopping-Malls herum. Sie reden über Musik, Liebeleien und den Sinn des Lebens.
So wie Chun Sue. „Ich hab in dem Buch auch mein eigenes Leben beschrieben“, sagt sie. Sie war demnach der Alptraum aller chinesischer Eltern. Schon mit 15 blieb sie über Nacht einfach so weg und zog sich den Zorn ihres Vaters zu, eines Offiziers der Volksbefreiungsarmee. Wenn sie etwas interessant fand, rückte alles andere in Hintergrund – vor allem die Schule. Mit 17 stand sie als Schulabbrecherin da, hatte dafür aber einen Job in der Redaktion eines Rockmagazins.
Wie üblich gingen wir zu einem Musikladen, dann weiter zum Converse-Laden, um die neuesten Turnschuhe anzuschauen. Als wir zu Badeanzügen kamen, sagte G., er bekomme gewisse Gefühle. Ich ging runter in die Kosmetikabteilung. Es gab vieles, was ich hier kaufen wollte, den neuen Nagellack von ZA, Eyeliner von Red Earth, farbiges Mascara und flüssige Foundation von L'Oréal, Colorstay-Lippenstifte von Revlon. Auf dem Weg heim hörte ich „Say Forever“ von Go Go & Me Me.
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Haare färben, Rockmusik hören, Klamotten kaufen – sind da nicht deutsche Durchschnittseltern einiges mehr gewöhnt? „Wenn ich in Deutschland oder Amerika gelebt hätte, hätte ich wohl eine andere Form der Rebellion entdeckt“, sagt Chun Sue. Doch für chinesische Verhältnisse ist ihr Verhalten schon drastisch genug. Es widerspricht dem staatlichen Bedürfnis nach Kontrolle und der Prüderie in diesem Land, in dem Nacktheit im Fernsehen auch heute noch verboten ist.
Die Führung der Volksrepublik hätte ihre jungen Chinesen lieber positiv eingestellt, sozial engagiert, mit den gesellschaftlichen Normen zufrieden, stets fleißig und gehorsam.
Leiden und Freude sind für mich eins. Wann immer ich Spaß habe, muss ich dafür bezahlen. Der einzige Weg, um Leiden zu vermeiden, wäre, auch die Freude zu vermeiden. Es lief alles auf ein Wort hinaus: Tod. Keine Gefühle. Das Land der höchsten Glückseligkeit. Nirvana. Ich suchte das absolute Nichts. Doch stattdessen weinte ich, weil ich zu einem Treffen mit einem Jungen gehen wollte und keine schickere Hose und keine neuen Schuhe hatte. Ich weinte, weil eine E-Gitarre 1 500 Yuan kostete, die ich mir nicht leisten konnte. Mein Zimmer war leer. Keine Freunde. Ich schluchzte schwach. Fühlte mich zu ewiger Schwäche verdammt. Nachdem ich mich ausgeweint hatte, war mir kalt. Ich hasste mich selbst.
Es dauerte fast drei Jahre, bis Chun Sue in China überhaupt einen Verleger für ihren Erstling gefunden hatte. Zunächst holte sie sich eine Absage nach der anderen – bis ein guter Freund, der in einem Verlag arbeitet, über seinen Schatten sprang. Nach dem Verbot ist „China Girl“ in China nur noch als Raubdruck zu haben.
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