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26.06.2006 
Kommentare zur Tötung des Bären

Presseschau: „Bruno war nur kurz zu Gast bei Freunden“

Bruno, dem ersten Bär auf deutschem Territorium seit 170 Jahren, ist sein Grenzübertritt nicht gut bekommen. Die Emotionen richten sich nun gegen Jäger und Behörden. Eine aktuelle Presseschau.

„Augsburger Allgemeine“:
Anderswo ist die Natur bis heute ungebändigt: im östlicheren Europa, in Amerika. Dort ist der Mensch auf die Gefahr oder auch nur Belästigung eingestellt, die eine freie Natur für ihn bedeuten kann. Nicht wenige Amerikaner haben Bären als Nachbarn, lieben sie und wissen, wie man sich vor ihnen hütet. Wir liebten unseren Bären und fürchteten ihn und wussten uns nicht zu helfen. Wir leben naturfern. Begegnen wir der ungezähmten Natur, greifen wir ratlos zum Gewehr.

„Landeszeitung“ (Lüneburg):
Bruno war nur kurz zu Gast bei Freunden. Und tat, was seinen Ahnen schon vor 170 Jahren zum Verhängnis geworden war: Er ging auf Nahrungssuche. Er tat, was man von Wildtieren durchaus erwarten kann: wild sein. Der Schock über diese Bärenweisheit mündete schließlich in den Abschussbefehl. Und gibt Deutschland der Lächerlichkeit preis. Denn das Land lobt sich gern als Vorreiter in Sachen Umwelt- und Naturschutz. Und gibt viel Geld für Renaturierungen von Flächen und - kein Scherz - Auswilderungsprogrammen etwa von Luchsen im Harz aus. Die Bundesregierung setzt sich sogar für den Bestand der Braunbären in Slowenien ein. Nun reicht schon ein wilder Braunbär aus, um diesen Aktivismus in Atavismus enden zu lassen.

„Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung“ (Essen)
Es stimmt nachdenklich, wie unsere Medien-Gesellschaft mit solch einem Eindringling umgeht. Auf jeden Fall hysterisch: zwischen Teddy und Bestie. Bruno mag ein „Problembär““ gewesen sein, aber er wurde das nur durch uns. Die menschlichen Siedlungen sind so weit in die letzte Wildnis vorgedrungen, dass es für „JJ1“ naheliegend schien, sich das Futter in der Nähe der Zweibeiner zu suchen. Diese zweifellos nicht ungefährliche, aber erlernte Gewohnheit wurde Bruno zum Verhängnis. So ist der Problembär zur natürlichen Entsprechung unserer Problemgesellschaft geworden. Hoffentlich wird's beim nächsten Mal unproblematischer.

„Main-Echo“ (Aschaffenburg)
Der Bär ist tot, und die Aufregung ist groß. Natürlich ist es bedauerlich, dass Bruno sterben musste, doch der Abschuss war vielleicht das Ehrlichste, was im Umgang mit dem Tier passieren konnte. Ehrlich im Sinne von entlarvend. Denn was sich da im Morgengrauen zum Montag nahe dem Spitzingsee vollzog, zeigt nichts anderes als das menschliche Grundmuster im Umgang mit Gefahren aus der Tierwelt: Bei BSE, Schweinepest und Vogelgrippe handeln unsere Behörden auch nicht anders. Brunos natürliches Bärenansiedlungs- programm war der bayerischen Staatsregierung nicht geheuer. Dort nimmt man die Dinge lieber selbst in die Hand. Es würde nicht verwundern, wenn Schnappauf zur Wiedergutmachung des politischen Flurschadens nun ein eigenes Bärenprogramm ankündigen würde. Am besten mit Korbinianbären.

„Bild“-Zeitung (Hamburg)
Es ist ein Schuß in unser Herz. Eine Nachricht berührt Deutschland: Der Bär Bruno ist tot! Es tut weh. Unsere flatternden Glücks-Fahnen sinken auf Halbmast. Bruno reißt eine Lücke. Warum? Bruno B. war kein Monster. Bruno war der erste Braunbär, der uns seit 170 Jahren besuchte - ein Gast bei Freunden. Bruno symbolisierte auch ein Gefühl: Der Urwald lebt! Bruno war der lebende Teddybär in einer Welt der Handys, Flat-TVs und des Polit-Frusts. Bruno war unser fremder Freund. Bruno war live, authentisch, anarchistisch. 3 Länder jagten ihn. Wir betreten den Mond, aber ein Bär narrt Stoibärs Jäger - er bleibt frei bis zum Tod. Das ist tröstlich, aber auch ernüchternd.

Mitteldeutsche Zeitung
Wochenlang hat Braunbär Bruno Medien und Menschen in seinen Bann gezogen: Erst als willkommener Historienbär, dann (wie überraschend) als wildernder Problembär und schließlich als gefeierter Medienstar, der finnische Jäger und den Freistaatsapparat in Bayern foppt. Nun ist Bruno tot und das Wehklagen groß. Zu Recht? Gewiss, es ist traurig, dass Bruno nicht am Leben gehalten werden konnte. Vielleicht hätte es ja doch eine Möglichkeit geben, Bruno an einen sicheren Ort zu bringen? Das sollte man aber nicht vorschnell beurteilen, wenn man Bären nur aus dem Zoo oder vom Sofa kennt.

Stuttgarter Nachrichten:
Naturschützer wollten in den Alpen Rückzugsräume für Bären schaffen. Der Traum ist fürs Erste ausgeträumt. Der Abschuss vom Montag zeigt: Hier zu Lande ist kein Platz für wilde Tiere. Wo sich Menschen ausbreiten, müssen andere Kreaturen weichen: Das ist die Botschaft, die hinter Brunos Tod steckt. In vielen europäischen Ländern dagegen leben Mensch und Tier friedlich zusammen. Wie sagte Naturschutzringpräsident Hubert Weinzierl: „Bären der Welt, meidet Bayern!“

„Offenbach-Post“:
Die unpopuläre Abschuss-Entscheidung ist den Verantwortlichen sicherlich nicht leicht gefallen. Wer sie jetzt an den Pranger stellt, macht es sich viel zu einfach. Denn leider war dieser Meister Petz kein vorbildlicher Vertreter seiner Art; er war verhaltensauf- fällig, stellte für Menschen eine Gefahr dar. Politiker wollten das Risiko nicht mehr tragen. Das ist doch nachvollziehbar. Hätte der Bär tatsächlich eines Tages einen Menschen verletzt oder gar getötet, wäre der Aufschrei groß gewesen: Warum man nicht schnell und entschlossen genug gehandelt habe...

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Wir reagieren hilflos“

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