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26.06.2006 

„Braunschweiger Zeitung“:
Da kommt nach mehr als 170 Jahren wieder ein Bär nach Deutschland und wir reagieren hilflos - können nur schießen. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich der Bär vor uns fürchtete“, schildert Hüttenwirt Peter Weihrer das Zusammentreffen mit Bruno. Stimmt. Bären haben Angst vor Menschen. Aber nicht Bruno geriet in Panik. Die blau- weißen Landesbehörden verloren die Nerven. Die Folge: Überall dort, wo man sich mit Bären auskennt - in Kanada oder den USA - lacht man über uns. Die Deutschen sind zu blöd, um mit einem jungen Braunbären Freundschaft zu schließen, haben Angst vor ihm. Bruno hätte nicht getötet werden müssen. Nach einer Narkose in einem Tiergehege aufzu- wachen, wäre die bessere Lösung gewesen. Bruno war halt nicht zu Gast bei Freunden.

„Westfälische Anzeiger“ (Hamm)
Ein letztes Halali für Bruno, den Bären. Da darf man als fühlendes Wesen schon traurig sein und die Frage stellen, ob es ein Betäubungsgewehr nicht auch getan hätte. Aber wie verlässlich sind Gefühle, wenn es um freilaufende Bären in relativ dicht besiedelten Landschaften geht? Die gleichen Leute, die reflexartig wegen des toten Bären die Behörden schmähen, würden mit ebensolcher Empörung den Kopf der Verantwortlichen gefordert haben, hätte Bruno auch nur einen Menschen angefallen.

„Mittelbayerische Zeitung“ (Regensburg):
Ganz ohne Zweifel war Bruno gestern der prominenteste Sterbefall im Freistaat und damit Bayern berühmteste Leich. Dabei mag schon die Zahl und Heftigkeit der Kondolenzen zeigen, dass der Bären-Lümmel Bruno trotz aller seiner Streiche den Weg in die Herzen vieler Menschen gefunden hat. Gestorben ist er im Morgengrauen vor großer Bergkulisse, gemeuchelt von unbekannter Schützenhand. Da steckt Jennerweinsche Wildschützen-Dramatik drin und noch dazu ein kleines juristisches Problem, denn zum vogelfreien Outlaw sollte Bruno amtlicherseits erst heute werden. Die Finnen sollten es richten, hatte der Umweltminister gehofft. Doch was die Skandinavier in zwei Wochen nicht geschafft haben, haben oberbayerische Jäger nun binnen Stunden erledigt und zum Halali für Bruno geblasen.

„Badische Zeitung“ (Freiburg)
Bruno hätte eine Gnadenfrist verdient gehabt. Vielleicht wäre er doch noch in eine Falle getappt oder vor das Narkosegewehr eines Tierarztes gelaufen. Der Todesschuss kam jedenfalls verdächtig schnell. Ist sie da wieder aufgeflammt, die alte Feindschaft zwischen Mensch und Bär, die einst zu seiner Ausrottung führte? Die Panik, die seinetwegen in den Alpen geherrscht hat, spricht Bände von dem verqueren Verhältnis, das die moderne Gesellschaft zur nicht domestizierten Natur hat. Ein wildes Tier: Das appelliert an Urängste, provoziert irrationale Reaktionen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Auto überfahren zu werden, ungleich höher als die, vom Bären gefressen zu werden. Solche Risiken aber nehmen wir schulterzuckend in Kauf nicht, weil sie weniger tödlich wären, sondern weil sie uns vertrauter sind.

„Mannheimer Morgen“:
Gut, Bruno war kein Knuddeltier. Er riss Schafe, wagte es, den Honig von Bienen zu stehlen und sich den Menschen zu nähern. Aber ein wenig seltsam mutet es schon an. Da streifen wochenlang Tierärzte und Bärenjäger durch das Grenzgebiet zwischen Tirol und Bayern, versuchen vergeblich, den Bären zu betäuben. Und kaum ist er zum Abschuss frei gegeben, ist es möglich, ihn so schnell ins Fadenkreuz zu bekommen? Der Verdacht drängt sich auf, dass manche Jäger nur darauf gewartet haben, den ersten Braunbären zu schießen, der nach 170 Jahren deutschen Boden betritt.

„Berliner Morgenpost“
Stringente logische Schlüsse lassen sich aus dem Braunbär- Abenteuer nicht ziehen. Hungrige, eingewanderte Tiere wissen nicht sofort, wohin sie gehören, man muß Geduld haben beim Verjagen, beim Verteidigen der Grenze zwischen Kultur und Wildnis. Mag sein, daß das bei Bruno nicht möglich war, doch in Slowenien und Österreich scheint es zu funktionieren. Dort hat man sich eine Konflikttoleranz angewöhnt, die freilich nur durchzuhalten ist, wenn nicht um jede aufgebrochene Stalltür ein nationales Possenspiel veranstaltet wird. Insofern hat sich nicht nur Bruno mit seinem geringen Verstand ziemlich dumm angestellt.

„20cent“ (Cottbus/Saarbrücken):
Der Bär ist tot. Na toll. Diese gezielte Abschuss-Aktion zeichnet ein peinliches Bild von unserem Land. Wenn es darum geht, Elefanten in Afrika zu schützen, sind wir groß dabei. Dass wilde Elefanten- herden gern mal ganze Dörfer niedertrampeln und dabei regelmäßig Menschen töten, interessiert nicht... Wilde Tiere sind wichtig, Tierschutz erste Bürgerpflicht. Deswegen darf dem Tiger in Indien genauso wenig getan werden wie dem Bären in Kanada. Nur wenn sich so ein brauner Bruder mal in die bayrischen Alpne verirrt, da steppt bei uns gleich der Bär. Ein ganzes Land fühlt sich bedroht, weil Meister Petz mal ein paar Schafe reißt. Ein wildes Tier in unserem gesitteten Europa - das geht ja gar nicht. Also: Flinte raus und Problem gelöst. Wer mal nach einer Definition des Begriffes scheinheilig gesucht hat. Bitte, das ist sie.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Dass der nächste Bär nach Deutschland kommt, ist gewiss

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