„Braunschweiger Zeitung“:
Da kommt nach mehr als 170 Jahren wieder ein Bär nach Deutschland
und wir reagieren hilflos - können nur schießen. „Irgendwie hatte ich
das Gefühl, dass sich der Bär vor uns fürchtete“, schildert
Hüttenwirt Peter Weihrer das Zusammentreffen mit Bruno. Stimmt. Bären
haben Angst vor Menschen. Aber nicht Bruno geriet in Panik. Die blau-
weißen Landesbehörden verloren die Nerven. Die Folge: Überall dort,
wo man sich mit Bären auskennt - in Kanada oder den USA - lacht man
über uns. Die Deutschen sind zu blöd, um mit einem jungen Braunbären
Freundschaft zu schließen, haben Angst vor ihm. Bruno hätte nicht
getötet werden müssen. Nach einer Narkose in einem Tiergehege aufzu-
wachen, wäre die bessere Lösung gewesen. Bruno war halt nicht zu Gast
bei Freunden.
„Westfälische Anzeiger“ (Hamm)
Ein letztes Halali für Bruno, den Bären. Da darf man als fühlendes
Wesen schon traurig sein und die Frage stellen, ob es ein
Betäubungsgewehr nicht auch getan hätte. Aber wie verlässlich sind
Gefühle, wenn es um freilaufende Bären in relativ dicht besiedelten
Landschaften geht? Die gleichen Leute, die reflexartig wegen des
toten Bären die Behörden schmähen, würden mit ebensolcher Empörung
den Kopf der Verantwortlichen gefordert haben, hätte Bruno auch nur
einen Menschen angefallen.
„Mittelbayerische Zeitung“ (Regensburg):
Ganz ohne Zweifel war Bruno gestern der prominenteste Sterbefall
im Freistaat und damit Bayern berühmteste Leich. Dabei mag schon die
Zahl und Heftigkeit der Kondolenzen zeigen, dass der Bären-Lümmel
Bruno trotz aller seiner Streiche den Weg in die Herzen vieler
Menschen gefunden hat. Gestorben ist er im Morgengrauen vor großer
Bergkulisse, gemeuchelt von unbekannter Schützenhand. Da steckt
Jennerweinsche Wildschützen-Dramatik drin und noch dazu ein kleines
juristisches Problem, denn zum vogelfreien Outlaw sollte Bruno
amtlicherseits erst heute werden. Die Finnen sollten es richten,
hatte der Umweltminister gehofft. Doch was die Skandinavier in zwei
Wochen nicht geschafft haben, haben oberbayerische Jäger nun binnen
Stunden erledigt und zum Halali für Bruno geblasen.
„Badische Zeitung“ (Freiburg)
Bruno hätte eine Gnadenfrist verdient gehabt. Vielleicht wäre er
doch noch in eine Falle getappt oder vor das Narkosegewehr eines
Tierarztes gelaufen. Der Todesschuss kam jedenfalls verdächtig
schnell. Ist sie da wieder aufgeflammt, die alte Feindschaft zwischen
Mensch und Bär, die einst zu seiner Ausrottung führte? Die Panik, die
seinetwegen in den Alpen geherrscht hat, spricht Bände von dem
verqueren Verhältnis, das die moderne Gesellschaft zur nicht
domestizierten Natur hat. Ein wildes Tier: Das appelliert an
Urängste, provoziert irrationale Reaktionen. Dabei ist die
Wahrscheinlichkeit, von einem Auto überfahren zu werden, ungleich
höher als die, vom Bären gefressen zu werden. Solche Risiken aber
nehmen wir schulterzuckend in Kauf nicht, weil sie weniger tödlich
wären, sondern weil sie uns vertrauter sind.
„Mannheimer Morgen“:
Gut, Bruno war kein Knuddeltier. Er riss Schafe, wagte es, den
Honig von Bienen zu stehlen und sich den Menschen zu nähern. Aber ein
wenig seltsam mutet es schon an. Da streifen wochenlang Tierärzte und
Bärenjäger durch das Grenzgebiet zwischen Tirol und Bayern, versuchen
vergeblich, den Bären zu betäuben. Und kaum ist er zum Abschuss frei
gegeben, ist es möglich, ihn so schnell ins Fadenkreuz zu bekommen?
Der Verdacht drängt sich auf, dass manche Jäger nur darauf gewartet
haben, den ersten Braunbären zu schießen, der nach 170 Jahren
deutschen Boden betritt.
„Berliner Morgenpost“
Stringente logische Schlüsse lassen sich aus dem Braunbär-
Abenteuer nicht ziehen. Hungrige, eingewanderte Tiere wissen nicht
sofort, wohin sie gehören, man muß Geduld haben beim Verjagen, beim
Verteidigen der Grenze zwischen Kultur und Wildnis. Mag sein, daß das
bei Bruno nicht möglich war, doch in Slowenien und Österreich scheint
es zu funktionieren. Dort hat man sich eine Konflikttoleranz
angewöhnt, die freilich nur durchzuhalten ist, wenn nicht um jede
aufgebrochene Stalltür ein nationales Possenspiel veranstaltet wird.
Insofern hat sich nicht nur Bruno mit seinem geringen Verstand
ziemlich dumm angestellt.
„20cent“ (Cottbus/Saarbrücken):
Der Bär ist tot. Na toll. Diese gezielte Abschuss-Aktion zeichnet
ein peinliches Bild von unserem Land. Wenn es darum geht, Elefanten
in Afrika zu schützen, sind wir groß dabei. Dass wilde Elefanten-
herden gern mal ganze Dörfer niedertrampeln und dabei regelmäßig
Menschen töten, interessiert nicht... Wilde Tiere sind wichtig,
Tierschutz erste Bürgerpflicht. Deswegen darf dem Tiger in Indien
genauso wenig getan werden wie dem Bären in Kanada. Nur wenn sich so
ein brauner Bruder mal in die bayrischen Alpne verirrt, da steppt bei
uns gleich der Bär. Ein ganzes Land fühlt sich bedroht, weil Meister
Petz mal ein paar Schafe reißt. Ein wildes Tier in unserem gesitteten
Europa - das geht ja gar nicht. Also: Flinte raus und Problem gelöst.
Wer mal nach einer Definition des Begriffes scheinheilig gesucht hat.
Bitte, das ist sie.
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