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26.06.2006 

„Volksstimme“ (Magdeburg)
Bruno, dem ersten Bär auf deutschem Territorium seit 170 Jahren, ist sein Grenzübertritt nicht gut bekommen. Die Emotionen richten sich nun gegen Jäger, doch ist die Lage eindeutig: Bären dürfen in Deutschland nicht bejagt werden. Die Abschussgenehmigung hat der Freistaat Bayern dennoch erteilt, da Bruno als Risiko für den Menschen galt. Und weil es professionelle Bärenfänger in sechs Wochen nicht vermochten, das Tier mit einem Spezialgewehr zu betäuben und einzufangen. Aus Brunos Tod sollten Lehren gezogen werden: Denn dass der nächste Bär nach Deutschland kommt, ist gewiss. Experten haben seine Einwanderung aus der Schweiz, Österreich und Italien seit langem prophezeit. Spätestens jetzt steht die Aufgabe, die Menschen Landwirte ebenso wie Touristen darauf einzustellen, dass Meister Petz auch bei uns Lebensraum zurückerobert.

„Dresdner Neueste Nachrichten“
Von wegen weltoffenes und gastfreundliches Deutschland. Seit gestern wissen wir es besser. Bruno, der fröhliche Italiener, der sich jenseits der Alpen aufgemacht hatte, um uns etwas von der Leichtigkeit des Südens heraufzubringen, einen Hauch von Cappuccino und Amaretto, ist nicht mehr. Fühlten wir nicht alle ein wenig den Bruno in uns? Den Rebellen, den weder Landesgrenzen noch Paragrafen scheren. Der herumstreunt, hysterische Hühner aufmischt und Met pichelt bis zum Abwinken. Bruno tat, was ein Bär tun musste. Doch er wurde von humorlosen Schreibtischtätern denunziert, von einem Hüttenwirt verraten und schließlich feige gemeuchelt. Aus für la dolce vita.

„Badische Neueste Nachrichten“ (Karlsruhe)
Wer noch hinhören will, vernimmt das Urteil unverdächtiger Experten, die Bruno bis zuletzt für ein unkalkulierbares Risiko hielten, obwohl sie sonst weit mehr für wilde Tiere tun als die Masse der Bären-Fans. Die fallen jetzt über Bayerns Staatsregierung und die Jäger her, als sei im Süden der Republik die Todesstrafe wieder eingeführt worden. CSU, Lodenkittel und Schießgewehr passen halt wunderbar zusammen und alte Vorurteile feiern Urständ.

„Kölnische Rundschau“
Bruno, der Bär ist tot. Die Nachricht dürfte viele hier zu Lande mehr erschüttern als die stetig wiederkehrenden Meldungen von Terroropfern im Irak oder Hungertoten am Horn von Afrika. Das ist makaber, und doch verständlich: Bruno alias JJ1 war uns eben in den letzten Wochen ans Herz gewachsen. Er war keine anonyme Größe, er hatte Namen und Charakter. Und so mancher mag auch klammheimliche Freude darüber empfunden haben, wie er die Behörden zweier Länder eineinhalb Monate lang an der Nase herumgeführt hat... Ist diese Aufregung und Betroffenheit um den Tod eines Bären angesichts der Probleme, Gräuel und Katastrophen in der Welt gerechtfertigt? In diesem Ausmaß sicher nicht. Aber es ist schon der Erwähnung wert, wenn nach 170 Jahren wieder ein Bär nach Deutschland kommt und er nach sechs Wochen getötet wird. Das stimmt zumindest nachdenklich.

„Aachener Nachrichten“:
Bruno, der Bär musste sterben, weil in unseren Köpfen die Natur inzwischen auf Disney-Format reduziert ist: Sie hat lieblich, nett, gezähmt und allenfalls geordnet wild zu sein. Aber bitte nicht unberechenbar. Lieber akzeptieren wir, dass uns Atomkraftwerke um die Ohren fliegen können, dass Stress und Umweltgifte uns vorzeitig ins Grab schicken, als dass von der Natur auch nur eine kleine Gefahr ausgehen könnte. Aber natürlich lieben wir auch große wilde Tiere. Allerdings nur, wenn sie in Afrika, Alaska oder im Fernsehen herumlaufen. Oder wenn sie ausgestopft in einem Museum stehen. Wie bald Bruno, der Bär.

„Schwäbische Zeitung“ (Leutkirch):
Genau besehen offenbart auch die Unfähigkeit, sachlich mit dem Fall Bruno umzugehen, dass in unseren Breiten die Chancen schlecht stehen für eine naturgemäße Artenvielfalt. Dennoch: Der nächste Bär kommt bestimmt. Nicht nur Bayern sollte sich besser auf ihn vorbereiten. Das wäre die Aufregung wert.

„Fuldaer Zeitung“:
Mit der Radikalmethode hat man es sich zu leicht gemacht. Bayern hätte mit einer sanften Lösung zeigen können, wie verantwortungsvoll dort selbst mit ungebetenen Gästen umgegangen wird. Wer sich - oft mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger - als Naturschutz-Vorbild profilieren will, hat sich durch Brunos Abschuss einen Bärendienst erwiesen.

„Sächsische Zeitung“ (Dresden):
So viel Aufhebens um einen Bären, könnte mancher sagen. Aber der Umgang mit Bruno zeigt schon die ganze Gespaltenheit, mit der wir der Natur begegnen. Die ist hübsch, wenn sie weit weg ist. Auf jeden Fall muss sie harmlos sein. Wir sind dafür, Elefanten vorm Aussterben zu retten oder bengalische Tiger, auch wenn die ab und an Eingeborene niedertrampeln oder fressen. Wir sorgen uns um Ozonloch, Klimawandel, abgeholzte Regenwälder und führen unsere Kinder in wohl geordnete Parks, in denen sogar das Risiko versichert sein sollte, von einem herabfallenden Ast getroffen zu werden. Wieviel Natur wir in Deutschland zulassen, liegt ganz allein bei uns selbst.

„Nordkurier“ (Neubrandenburg):
Warum gelingt es bestens ausgebildeten und ausgerüsteten Experten wochenlang nicht, den streunenden Bären zu stellen, zu betäuben und in einen Tierpark zu bringen? Warum tötet aber ein Jäger Bruno, kaum dass der zuständige Minister sein Einverständnis zum Abschuss gegeben hat? Die Jäger, die über Jahrzehnte mühsam mit ungeheurem PR-Aufwand ihr Negativ-Image verbessert haben, fallen nach dieser von vielen Menschen als hysterisch und unangemessen empfundenen Aktion in alte Zeiten zurück. Von wegen Naturschützer, wird es heißen. Sie sind fortan wieder in der Defensive.

Rheinische Post (Düsseldorf):
Der Problembär ist tot. Damit haben nun alle ein Problem. Zunächst der politisch verantwortliche Teddy-Töter, Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf. Nicht genug, dass er einen Volkshelden zum Abschuss freigab (jetzt bleibt uns Deutschen nur noch Klinsmann). Ihm werden auch die Pannen der Bären-Hatz angelastet. Der wohl übelste Schnitzer für den CSU-Mann: Kaum hatte er Bruno auf die Abschussliste gesetzt, war der auch schon tot. So lange es den Alpen-Anarcho aber noch lebend zu fangen galt, bekamen ihn seine Häscher nicht vor die Betäubungsflinte. Die Kugel, die den Bären ins Herz traf, beschädigte auch das Image des Ministers. Brunos Todesschütze fürchtet weit größeren Schaden. Er bangt um sein Leben. Noch ist sein Name geheim, haben die Morddrohungen, die nun zuhauf beim bayerischen Jägerverband eingehen, keine konkrete Adresse. Dieser Hass auf den Jäger verdeutlicht, welches Problem wir alle haben: Tot ist der Traum, dass selbst wir uns ein wenig Anarchie im Bärenfell leisten könnten. Enttäuscht ist die Sehnsucht nach etwas wilder Romantik in der Hochsicherheitsgesellschaft. Doch Aufgabe der Politik ist es nicht, unsere Träume vor der Wirklichkeit zu schützen.

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