„Volksstimme“ (Magdeburg)
Bruno, dem ersten Bär auf deutschem Territorium seit 170 Jahren,
ist sein Grenzübertritt nicht gut bekommen. Die Emotionen richten
sich nun gegen Jäger, doch ist die Lage eindeutig: Bären dürfen in
Deutschland nicht bejagt werden. Die Abschussgenehmigung hat der
Freistaat Bayern dennoch erteilt, da Bruno als Risiko für den
Menschen galt. Und weil es professionelle Bärenfänger in sechs Wochen
nicht vermochten, das Tier mit einem Spezialgewehr zu betäuben und
einzufangen. Aus Brunos Tod sollten Lehren gezogen werden: Denn dass
der nächste Bär nach Deutschland kommt, ist gewiss. Experten haben
seine Einwanderung aus der Schweiz, Österreich und Italien seit
langem prophezeit. Spätestens jetzt steht die Aufgabe, die Menschen
Landwirte ebenso wie Touristen darauf einzustellen, dass Meister Petz
auch bei uns Lebensraum zurückerobert.
„Dresdner Neueste Nachrichten“
Von wegen weltoffenes und gastfreundliches Deutschland. Seit
gestern wissen wir es besser. Bruno, der fröhliche Italiener, der
sich jenseits der Alpen aufgemacht hatte, um uns etwas von der
Leichtigkeit des Südens heraufzubringen, einen Hauch von Cappuccino
und Amaretto, ist nicht mehr. Fühlten wir nicht alle ein wenig den
Bruno in uns? Den Rebellen, den weder Landesgrenzen noch Paragrafen
scheren. Der herumstreunt, hysterische Hühner aufmischt und Met
pichelt bis zum Abwinken. Bruno tat, was ein Bär tun musste. Doch er
wurde von humorlosen Schreibtischtätern denunziert, von einem
Hüttenwirt verraten und schließlich feige gemeuchelt. Aus für la
dolce vita.
„Badische Neueste Nachrichten“ (Karlsruhe)
Wer noch hinhören will, vernimmt das Urteil unverdächtiger
Experten, die Bruno bis zuletzt für ein unkalkulierbares Risiko
hielten, obwohl sie sonst weit mehr für wilde Tiere tun als die Masse
der Bären-Fans. Die fallen jetzt über Bayerns Staatsregierung und die
Jäger her, als sei im Süden der Republik die Todesstrafe wieder
eingeführt worden. CSU, Lodenkittel und Schießgewehr passen halt
wunderbar zusammen und alte Vorurteile feiern Urständ.
„Kölnische Rundschau“
Bruno, der Bär ist tot. Die Nachricht dürfte viele hier zu Lande
mehr erschüttern als die stetig wiederkehrenden Meldungen von
Terroropfern im Irak oder Hungertoten am Horn von Afrika. Das ist
makaber, und doch verständlich: Bruno alias JJ1 war uns eben in den
letzten Wochen ans Herz gewachsen. Er war keine anonyme Größe, er
hatte Namen und Charakter. Und so mancher mag auch klammheimliche
Freude darüber empfunden haben, wie er die Behörden zweier Länder
eineinhalb Monate lang an der Nase herumgeführt hat... Ist diese
Aufregung und Betroffenheit um den Tod eines Bären angesichts der
Probleme, Gräuel und Katastrophen in der Welt gerechtfertigt? In
diesem Ausmaß sicher nicht. Aber es ist schon der Erwähnung wert,
wenn nach 170 Jahren wieder ein Bär nach Deutschland kommt und er
nach sechs Wochen getötet wird. Das stimmt zumindest nachdenklich.
„Aachener Nachrichten“:
Bruno, der Bär musste sterben, weil in unseren Köpfen die Natur
inzwischen auf Disney-Format reduziert ist: Sie hat lieblich, nett,
gezähmt und allenfalls geordnet wild zu sein. Aber bitte nicht
unberechenbar. Lieber akzeptieren wir, dass uns Atomkraftwerke um die
Ohren fliegen können, dass Stress und Umweltgifte uns vorzeitig ins
Grab schicken, als dass von der Natur auch nur eine kleine Gefahr
ausgehen könnte. Aber natürlich lieben wir auch große wilde Tiere.
Allerdings nur, wenn sie in Afrika, Alaska oder im Fernsehen
herumlaufen. Oder wenn sie ausgestopft in einem Museum stehen. Wie
bald Bruno, der Bär.
„Schwäbische Zeitung“ (Leutkirch):
Genau besehen offenbart auch die Unfähigkeit, sachlich mit dem
Fall Bruno umzugehen, dass in unseren Breiten die Chancen schlecht
stehen für eine naturgemäße Artenvielfalt. Dennoch: Der nächste Bär
kommt bestimmt. Nicht nur Bayern sollte sich besser auf ihn
vorbereiten. Das wäre die Aufregung wert.
„Fuldaer Zeitung“:
Mit der Radikalmethode hat man es sich zu leicht gemacht. Bayern
hätte mit einer sanften Lösung zeigen können, wie verantwortungsvoll
dort selbst mit ungebetenen Gästen umgegangen wird. Wer sich - oft
mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger - als Naturschutz-Vorbild
profilieren will, hat sich durch Brunos Abschuss einen Bärendienst
erwiesen.
„Sächsische Zeitung“ (Dresden):
So viel Aufhebens um einen Bären, könnte mancher sagen. Aber der
Umgang mit Bruno zeigt schon die ganze Gespaltenheit, mit der wir der
Natur begegnen. Die ist hübsch, wenn sie weit weg ist. Auf jeden Fall
muss sie harmlos sein. Wir sind dafür, Elefanten vorm Aussterben zu
retten oder bengalische Tiger, auch wenn die ab und an Eingeborene
niedertrampeln oder fressen. Wir sorgen uns um Ozonloch, Klimawandel,
abgeholzte Regenwälder und führen unsere Kinder in wohl geordnete
Parks, in denen sogar das Risiko versichert sein sollte, von einem
herabfallenden Ast getroffen zu werden. Wieviel Natur wir in
Deutschland zulassen, liegt ganz allein bei uns selbst.
„Nordkurier“ (Neubrandenburg):
Warum gelingt es bestens ausgebildeten und ausgerüsteten Experten
wochenlang nicht, den streunenden Bären zu stellen, zu betäuben und
in einen Tierpark zu bringen? Warum tötet aber ein Jäger Bruno, kaum
dass der zuständige Minister sein Einverständnis zum Abschuss
gegeben hat? Die Jäger, die über Jahrzehnte mühsam mit ungeheurem
PR-Aufwand ihr Negativ-Image verbessert haben, fallen nach dieser
von vielen Menschen als hysterisch und unangemessen empfundenen
Aktion in alte Zeiten zurück. Von wegen Naturschützer, wird es
heißen. Sie sind fortan wieder in der Defensive.
Rheinische Post (Düsseldorf):
Der Problembär ist tot. Damit haben nun alle ein Problem.
Zunächst der politisch verantwortliche Teddy-Töter, Bayerns
Umweltminister Werner Schnappauf. Nicht genug, dass er einen
Volkshelden zum Abschuss freigab (jetzt bleibt uns Deutschen nur noch
Klinsmann). Ihm werden auch die Pannen der Bären-Hatz angelastet. Der
wohl übelste Schnitzer für den CSU-Mann: Kaum hatte er Bruno auf die
Abschussliste gesetzt, war der auch schon tot. So lange es den
Alpen-Anarcho aber noch lebend zu fangen galt, bekamen ihn seine
Häscher nicht vor die Betäubungsflinte. Die Kugel, die den Bären ins
Herz traf, beschädigte auch das Image des Ministers.
Brunos Todesschütze fürchtet weit größeren Schaden. Er bangt um sein
Leben. Noch ist sein Name geheim, haben die Morddrohungen, die nun
zuhauf beim bayerischen Jägerverband eingehen, keine konkrete
Adresse. Dieser Hass auf den Jäger verdeutlicht, welches Problem wir
alle haben: Tot ist der Traum, dass selbst wir uns ein wenig Anarchie
im Bärenfell leisten könnten. Enttäuscht ist die Sehnsucht nach etwas
wilder Romantik in der Hochsicherheitsgesellschaft. Doch Aufgabe der
Politik ist es nicht, unsere Träume vor der Wirklichkeit zu schützen.


