Durch fehlerhafte Behandlung erleiden jedes Jahr rund 130 000 Patienten in Krankenhäusern gesundheitliche Schäden. Doch das Thema Kunstfehler war für Ärzte lange Zeit ein Tabu. Das soll sich jetzt ändern: In einer neuen Publikation bekennen prominente Mediziner sich zu ihren Fehlern.
HB BERLIN. Ärztliche Kunstfehler sollen künftig kein Tabu mehr sein. Deshalb stellte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt am Donnerstag in Berlin die Broschüre „Aus Fehlern lernen“ vor. Darin schildern 17 Ärzte, Pfleger und Therapeuten Situationen, in denen sie etwas falsch gemacht haben. Die Broschüre soll an Universitäten und Krankenpflegeschulen verteilt werden.
„Niemand kann garantieren, dass keine Fehler geschehen“, sagte Schmidt. Eine wichtige Voraussetzung für die Qualitätssicherung im Gesundheitswesen sei aber, sich den eigenen Fehlern zu stellen und aus ihnen zu lernen. Schätzungen zufolge erleiden jedes Jahr 500 000 Patienten gesundheitliche Schäden in Krankenhäusern, rund 130 000 davon aufgrund fehlerhafter Behandlung.
Selbst der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, räumte bei der Präsentation der 43-seitigen Broschüre einen Fehler ein. Zu Beginn seiner Karriere habe er einen Patienten mitbehandelt, der zu viel Barbiturate geschluckt hatte. Doch statt das Mittel Eukraton zur Behandlung schwerer Schlafmittelvergiftungen zu holen, habe er zum Narkosemittel Eunarkon gegriffen, einem Narkosemittel.
Beide Mittel standen als braune Injektionsampullen in alphabetischer Ordnung im Medikamentenschrank nebeneinander. Hoppe sagte, der Patient habe überlebt. Die am Vorfall beteiligten Ärzte hätten dann das Narkosemittel an einen anderen Platz gestellt, besonders markiert und generell besser kontrolliert, was sie verabreichen.
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Vor knapp drei Jahren wurde in Deutschland das Aktionsbündnis Patientensicherheit gegründet. Dessen Vorsitzender Matthias Schrappe sagte: „Nur, wenn wir über Fehler sprechen lernen, können wir sie vermeiden.“ Der Professor und Facharzt für Innere Medizin stellt in der Broschüre auch einen eigenen Kunstfehler vor. Als frisch gebackener Assistenzarzt hatte er einer älteren Patientin mit Herzrasen (Tachykardie) wegen deren Unruhe ein Beruhigungsmittel verabreicht. Wie sich später herausstellte, hatte die Patientin aber eine Lungenembolie, also Blutgerinnsel in der Lunge. „Ich habe später bei Patienten mit Unruhe und Tachykardie immer an die Diagnose Lungenembolie gedacht“, schreibt Schrappe.
Die Ärzte stehen in der Broschüre aber auch zu Fehlern mit tödlichem Ausgang - weil beispielsweise nicht alles versucht wurde, nachts einen Arzt ins Krankenhaus zu holen. Und der Unfallchirurg Bertil Bouillon hat einmal eine junge Weitspringerin am falschen Knie operiert, weil auf der Operationseinwilligung die falsche Seite genannt war.
Bouillons Konsequenz: „Seit diesem Vorfall markiere ich am Morgen der Operation immer beim wachen Patienten die zu operierende Extremität mit einem nicht abwischbaren Stift. Und diese Methode predige ich seither auch meinen Kolleginnen und Kollegen.“
Wie Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, erklärte, helfen allein die Ortskrankenkassen jedes Jahr rund 10 000 Versicherten dabei, den Verdacht auf fehlerhafte Behandlung professionell zu klären. Schrappe sagte, zwischen fünf und zehn Prozent der Krankenhauspatienten klagten über „ein unerwünschtes Ereignis“. Bei einen Drittel davon lägen Behandlungsfehler zugrunde.
Die größte Gruppe unter den Fehlern seien in der Klinik erworbene Infektionen. Danach folgten Verschreibungsfehler und Vertauschung von Medikamenten. Rund 100 Mal im Jahr würden Patienten schlicht verwechselt.

