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08.05.2008 
Olympische Flamme

Propaganda-Fackel in dünner Luft

von Andreas Hoffbauer

Auf den letzten 30 Metern schaltete Peking auch das Volk zu. Zur Frühstückszeit konnten 1,3 Milliarden Chinesen im Fernsehen verfolgen, wie gestern morgen ein mit roten Parkas und Sauerstoffgeräten vermummter Trupp von Menschen die olympische Fackel auf den Mount Everest brachte. An ihrer Spizte: eine Tibeterin.

PEKING. Auf den letzten 30 Metern schaltete Peking auch das Volk zu. Zur Frühstückszeit konnten 1,3 Milliarden Chinesen im Fernsehen verfolgen, wie gestern morgen ein mit roten Parkas und Sauerstoffgeräten vermummter Trupp von Menschen die olympische Fackel auf den Mount Everest brachte. Einige der in Nebelschwaden gehüllten Bergsteiger rangen dabei deutlich hörbar nach Luft. Doch als um 9.16 Uhr die Tibeterin Ciren Wangmu ohne Sauerstoffmaske und mit Flamme auf den letzten Metern zum Gipfel stapfte, jubelte nicht nur die 19-köpfige Mannschaft, sondern ganz China: „Wir haben es geschafft.“

Es war ein von Pekings Machthabern hart erkämpfter Sieg. Nach den Unruhen in Lhasa und der massiven internationalen China-Kritik fiel dem Leiter der Exkursion dann als historischer Satz in 8 848 Metern Höhe auch wenig Neues ein. „Eine Welt, ein Traum“, brüllte er das Motto der näher rückenden Sommerspiele in den eisigen Wind. Ein Echo blieb aus, Eis und Nebel verschluckten seinen dürren Satz. Der heilige Berg Tibets grollte.

Zur olympischen Premiere auf dem Himalaya-Gipfel gab es dann wenigstens noch schnell ein Gruppenfoto – natürlich mit der chinesischen Flagge. Das war für die Olympia-Macher in Peking ein wichtiger Moment. Denn genau drei Monate vor Beginn der Sommerspiele hatte man damit endlich die erhofften Bilder, die einen erfolgreichen, störungsfreien und umjubelten Fackellauf zeigen.

Zuvor hatten Wind und Schneefall den Aufstieg auf den Mount Everest tagelang verzögert. Zudem war das gesamte Bergmassiv offenbar aus Angst vor Störungen gesperrt worden, der Zeitpunkt des olympischen Gipfelsturms blieb aus Sicherheitsgründen bis zuletzt geheim. Doch gestern, mit den wackeligen Livebildern vom Dach der Welt, schienen die Proteste in London und Paris, der Streit um Visavergabe und über Chinas Tibetpolitik zumindest für ein paar Stunden vergessen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Tibetisch-chinesisches Wir-Gefühl

Er sei sehr stolz gewesen, als er gehört habe, dass die Fackel auf dem Mount Everest angekommen sei, sagt Xu Hao, ein 30-jähriger Arbeiter in Peking. „Durch den Aufstieg zeigen wir der Welt die Hartnäckigkeit und die Courage in unseren Herzen.“ In Internet-Chatrooms folgte umgehend eine Flut von begeisterten Kommentaren. Viele Schreiber erklärten, sie hätten vor Freude über die Fackel auf dem Mount Everest geweint. Doch es gab auch kritische Stimmen über die millionenschwere Himalaya-Aktion – vereinzelt allerdings nur. „Das kostet so viel Geld, warum geben wir das nicht lieber für die armen Leute in China aus“, fragt sich ein Wachmann in der Hauptstadt als er die Fackel-Bilder vom höchsten Berg der Welt in einer Hotellobby verfolgt.

Tibetische Aktivisten hatten den Aufstieg im Vorfeld scharf kritisiert. Aus ihrer Sicht symbolisiert die Aktion den chinesischen Herrschaftsanspruch über Tibet. Diese Sorge wurde am Donnerstag durch patriotische Kommentare eher noch geschürt denn gedämpft. Sie werteten den Fackelzug auf den Mount Everest als Sieg über die anti-chinesischen Kräfte in Tibet.

Die „heilige Flamme“ auf dem Mount Everest sei vor allem ein Symbol für die „nationale Wiedervereinigung und den Patriotismus“ in China, ließ ein 20-jähriger Student in Peking die Welt wissen.

Immerhin ließen die Olympia-Organisatoren bei der Himalaya-Aktion in der Gruppe der Kletterer den tibetischen Mitgliedern den Vortritt. Mit den Bildern aus dem Nebel vom Mount Everest wollten sie quasi ein tibetisch-chinesisches Wir-Gefühl vermitteln. Und am Abend meldete Peking dann auch noch, man sei bereit, die Gespräche mit Vertretern des Dalai Lama fortzusetzen. Doch diese wirklich gute Meldung in Sachen Tibet ging im Reich der Mitte im allgemeinem Gipfel-Jubel vom Dach der Welt unter.

Auf dem Gipfel waren inzwischen die Spuren des Fackelträger-Trupps längst wieder zugeschneit. Es wehte nur noch immer der eisige Wind.

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