8 Bewertungen ****
04.10.2008 
Bergell

Rauchsäulen

von Oliver Abraham

Reif fürs Bergell: In einem der schönsten Kulturwälder Europas werden derzeit Kastanien geerntet. Rund vier Zentner gibt ein Baum; die Arbeit ist mühsam und macht nicht gerade reich. Und dennoch lohnt sich die Mühe: Allein für die Kastanientorte kommen die Leute von weither.

Viele Kastanienbäume sind Familieneigentum seit Generationen, andere durch glückliche Umstände in die Hände von Liebhabern gelangt. Foto: dpaLupe

Viele Kastanienbäume sind Familieneigentum seit Generationen, andere durch glückliche Umstände in die Hände von Liebhabern gelangt. Foto: dpa

Um 14 Uhr erklingen Alphörner. Gelbe Lärchen und goldenes Kastanienlaub zaubern einen Herbstwald. Dort, wo Graubünden sich der Sonne entgegenstreckt, liegt das Bergell. Am Boden des Tals stehen die Kastanienselven in vollem Ornat – Ende September, Anfang Oktober leuchtet das Bergell in Gold und Gelb. Und die Kastanien sind reif in einem der schönsten Kulturwälder Europas, der kein wilder ist, sondern Ernte bringt seit Hunderten von Jahren. Die Selven sind Privatbesitz, und das Wandern darin auf den Wegen ist erlaubt. Wer sich eine Frucht aufheben möchte, darf das auf den Wegen tun. Wer beim Sammeln erwischt wird, tut mit 50 Franken Buße (das Kilo Maroni kostet im Laden um die sechs Schweizer Franken). Und wer mag schon den beklauen, der mit Liebe und Leidenschaft diese Wunderwelt hegt.

Aus der Ferne betrachtet, liegt das Bergell in einem leichten, bläulichen Schimmer, und beim Abstieg vom Maloja-Pass riecht es so wie früher bei uns im Herbst auf dem Kartoffelacker, fein und leicht nach Feuer. Erinnerungen an Kindheit und Erntedank. Zwischen den Kastanien stehen Rauchsäulen, die Herbstsonne verleiht ihnen einen mystischen Glanz und zaubert Glitzer in das Laub. Von Castasegna führt der Weg in den Wald und dann hinauf nach Soglio, das wie ein steinerner Adlerhorst oben an der Flanke des Berges liegt. Unten in Castasegna gibt es die charmante Pasticceria Salis mit dem kleinen Laden. Allein für die Kastanientorte kommen die Leute von weither. Der Backofen knackt noch vor Hitze, als Ursula Fogliada-Salis ein Rund anschneidet und köstliches Konditorhandwerk anbietet.

Zwischen dem Dorf und den Selven stehen die alten Dörrhäuser, in denen die Kastanien noch immer getrocknet werden. Eines wurde zum Ferienhaus umgebaut. Was heute romantisch erscheint, war früher schiere Notwendigkeit: Kastanien gedeihen hier am besten, und ihr Nährwert lag zwischen dem von Brot und Kartoffeln. Nachdem die Frucht auf glimmender Glut geröstet wurde, packten die Bauern die Ernte in kleine Säcke und schlugen die Schalen ab. Und so ist es noch heute. Vor den niedrigen, verrußten Türen stapeln sich die Holzscheite. Und in den Selven warten die Leute auf Nebel. „Regen bringt die Kapseln zum Platzen, und der Wind soll die Bäume schütteln“, sagt Nello Derungs, der die Kastanien kennt. So ist es seit Hunderten von Jahren, und die uralten Bäume tragen immer noch. Die ersten Laubfeuer brennen schon, und es riecht gut wie in der vertrauten Kindheit.

Die Arbeit ist mühsam seit einem halben Jahrtausend, so alt sind manche Bäume – viele Familieneigentum seit Generationen, andere durch glückliche Umstände in die Hände von Liebhabern gelangt. Irana Engler hat wie die anderen ihren Wagen abseits vom Baum auf der Wiese geparkt und sich das Kopftuch umgebunden. Die Kofferraumklappen bleiben geöffnet und warten geduldig auf die Ernte. Männer binden sich die Kiepe um, alle zusammen rechen die Wiese unter den Bäumen, entzünden Feuer um Feuer, füllen bald Flechtkörbe, Plastiktüten und Kartoffelsäcke mit den Kastanien. Rund vier Zentner gibt ein Baum. Ständige Arbeit ist dies und kaum Verdienst; und diejenigen, die sie tun, sind stolz und glücklich. Ihretwegen gibt es die Kastanienselven noch. Wer ihre Produkte probiert, schmeckt die Liebe, Lust und Leidenschaft daran. Das ist unten im Dorf nicht anders als oben.

Der Weg nach Soglio führt aus dem Kastanienboden hinaus, der ganze Wald rauscht, als der Wind auffrischt und die Rauchsäulen durcheinanderbringt. Am Weg sitzt eine Familie und ritzt Kastanienschalen ein, der Holzkohlegrill wird angefeuert, und auf dem Steintisch beschlagen die Flaschen mit dem Rosé. Robert schickt seine Festgesellschaft allerdings erst mal mit dem Weidenkörbchen zum Sammeln. Aus dem Kulturwald wird allmählich ein Wildwald, aus dem weiten Tal mit den Kastanienböden zweigt der Pfad in Richtung einer Steilwand ab. Schroff fällt das Ufer hinab, unten tobt wütend ein Bach. Der Pfad mündet in einen dunklen Tunnel, durch den der Wasserfall umgangen wird. Aus dem lieblichen Zaubertal ist eine wilde Welt aus Fels und Stein geworden. Immer noch riecht es nach Rauch.

Bald taucht ein Hochgebirgspanorama auf, das auf Wolken zu schweben scheint, umrahmt von goldenem Herbstlaub, und gleich hier vorn steht eine Kastanienselve. Insektengezirpe, eine Eidechse verschwindet im Laub, das Geläut der Kuhglocken vermischt sich mit den Glocken von Soglio, und in der Ferne echot die muntere Fanfare vom Postauto. Ein fröhlicher Dreiklang und mehr als ein Symbol für Urlaub in den Bergen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor