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29.11.2006 
Währungswechsel

Schwerer Abschied von der D-Mark

von Claudia Schumacher

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Produktion der D-Mark-Münzen eingestellt wurde. Aus dem Verkehr gezogen ist die die frühere Währung aber noch lange nicht. Immer noch horten die Deutschen zu Hause Münzen und Scheine im Wert von mehr als 14 Milliarden D-Mark. Dabei lässt selbst ein Umtausch die alte D-Mark ein stückweit weiterleben.

Große Mengen alter D-Mark-Bestände sind noch nicht umgetauscht worden. Foto: dpaLupe

Große Mengen alter D-Mark-Bestände sind noch nicht umgetauscht worden. Foto: dpa

FRANKFURT. Michael Nüsse schnibbelt schon seit einer halben Stunde – immer längs mit der Schere durch das Plastik an den D-Mark-Münzen vorbei. Dann holt er die Geldstücke aus den vorgestanzten Fächern und schüttet sie in einen großen grauen Behälter, um sie in der Bundesbankfiliale in Frankfurt in Euro umzutauschen. Einige ungeduldige Kunden stellen sich bereits an anderen Schaltern der Filiale an, denn es wird wohl noch etwas dauern, bis Nüsse alle Münzen aus den Hüllen befreit hat.

Zehn Jahre ist es nun her, dass die Produktion der D-Mark-Münzen für den Zahlungsverkehr eingestellt wurde. Dabei wurde der Euro erst 2002 als Zahlungsmittel eingeführt. „Die Bestände an DM-Münzen waren ausreichend. Außerdem galt es, Platz zu schaffen für die neuen Euro-Münzen“, sagt Franz-Christoph Zeitler, im Vorstand der Deutschen Bundesbank zuständig für den Bereich Bargeld, und erklärt damit, warum schon so früh begonnen wurde, die Reserven aus den Tresoren in Umlauf zu bringen und keine neuen Münzen mehr zu prägen. „Zudem halten Münzen wesentlich länger als Banknoten.“ Während die Scheine schon nach drei Jahren meist verschlissen sind, können Münzen auch drei Jahrzehnte halten. Aus dem Verkehr gezogen ist die alte D-Mark aber noch lange nicht. Immer noch horten die Deutschen 14,44 Mrd. D-Mark in ihren Wohnzimmern – 7,17 Mrd. davon sind Münzen.


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Etwa 100 der Plastikhüllen hat Michael Nüsse vor sich liegen. Sein verstorbener Onkel hat über Jahrzehnte eine stattliche Sammlung angehäuft: Ein Münzset aus jedem Jahr und von jeder Prägestätte. „Da kommt einiges zusammen“, sagt Nüsse, „aber das meiste habe ich schon geschafft.“ 1 460 D-Mark sind es am Ende, die er nun unter den Erben aufteilen will. In Euro, versteht sich. Also 746,49 Euro. Der Umrechnungskurs von 1,95583 DM je Euro ist unter den Deutschen wohl trotz der vielen Nachkommastellen die bekannteste Dezimalzahl.

Die Bundesbank hat sich verpflichtet, D-Mark unbefristet und unentgeltlich in Euro umzutauschen. In den EU-Staaten ermöglichen dies bei Münzen außer Deutschland nur noch Spanien, Irland und Österreich. „Das sind wir dem Vertrauen der Deutschen in die D-Mark schuldig“, sagt Bundesbank-Vorstand Zeitler. „Die D-Mark war ein Teil der nationalen Identität.“

Und die Deutschen machen davon ordentlich Gebrauch. 18 000 Menschen kommen pro Tag in die 61 Filialen der Bundesbank, um die schon längst veraltete Währung gegen die neue zu tauschen. Rund 500 D-Mark bringen sie im Schnitt mit.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum die alten Münzen keineswegs einfach weggeworfen werden.

Durch einen großen Trichter schütten die Bankmitarbeiter die Münzen in die Zählmaschine. Sie sortiert die Geldstücke nach Nennwert ordentlich in kleine Jutebeutel. Bis zu 2 000 Pfennigstücke finden darin Platz; bei D-Mark-Stücken sind es nur 1 000. Die Angestellten stapeln die vollen Säcke in einem grauen Rollcontainer. Was ab diesem Zeitpunkt mit den Münzen passiert, bleibt dem Bürger normalerweise verborgen.

Eine der Aufgaben der Bundesbank ist, die Versorgung der Kreditinstitute und der Wirtschaft mit Bargeld zu sichern – oder im Falle der D-Mark eben die Entsorgung zu organisieren. In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung wurden die alten Münzen mit so genannten Decoinern noch direkt vor Ort entwertet. Heute werden nur noch die Noten von der Bundesbank geschreddert. Die Münzen lagern in den Tresoren im Keller der Bundesbank, bis eine ausreichende Menge für den Abtransport zusammengekommen ist. „Mittlerweile lohnt ein solcher Transport nur noch ein Mal im Monat“, sagt Wolfgang Dittmar, stellvertretender Leiter der Frankfurter Filiale.

650 Kilogramm fassen die Holzcontainer, in denen die Münzen von den Filialen in das Logistikzentrum der Bundesbank in Mainz gebracht werden. Hier endet die Zuständigkeit der deutschen Zentralbank. Alles Weitere regelt das Bundesfinanzministerium. Die Mitarbeiter der fünf deutschen Münzprägeanstalten in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und Karlsruhe, auf die das Logistikzentrum die Münzen verteilt, lassen aus der guten alten D-Mark regelrecht Schrott werden. Die Walzen der Decoiner pressen die Geldstücke platt und schneiden tiefe Kerben hinein. Danach ist das Geld in den Augen der Behörde nur noch Abfall. Der Anblick der ehemals glänzenden Münzen erinnert nun nur noch an eine abgehobelte Mohrrübenscheibe.

Weggeworfen wird der Schrott aber keineswegs. Kupfer und Nickel können wiederverwertet werden. Die nächste Station der Metalle ist daher die Vebeg, das Verwertungsunternehmen des Bundes. Die Vebeg verkauft alles, was der Bund nicht mehr braucht; von alten Schreibtischen über Panzerketten bis eben hin zum D-Mark-Schrott. In Ausschreibungen bewerben sich Unternehmen um den Zuschlag. „Früher haben wir Lose erst ab 30 bis 40 Tonnen vergeben“, sagt Klaus Richter, bei der Vebeg zuständig für den Verkauf von Rohstoffen. „Da heute der Rücklauf geringer ist, fangen wir manchmal schon bei fünf Tonnen an.“ Dennoch gebe es nur etwa alle halbe Jahre eine Ausschreibung. Die Preise richten sich nach den tagesaktuellen Notierungen von Kupfer und Nickel. Im Schnitt bringe eine Tonne D-Mark-Schrott etwa 5 000 bis 6 000 Euro.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie der Münzschrott verarbeitet wird.

Ende Oktober war der Preis überdurchschnittlich hoch: Für 516 000 Euro hat eine Metallfirma aus Nürnberg den Zuschlag für rund 50 Tonnen Münzschrott aus entwerteter D-Mark erhalten. Das entspricht rund 10 000 Euro pro Tonne. Aus dem Schrott werden Leitungsseile oder Schlüsselrohlinge gefertigt. Allein bei der letzten Ausschreibung hat die Vebeg fünf Lose für gut 1,1 Mill. Euro vergeben. Das Geld fließt in die Kassen des Bundesfinanzministeriums. Unter den Unternehmen, die den Münzschrott verarbeiten, sind auch solche, die die Ronden für die Euro-Münzen herstellen – also die Plättchen, die zur entsprechenden Münze geprägt werden. Das passt zu dem, was Bundesbank-Vorstand Zeitler für die Zukunft hofft: „Wie die D-Mark vom Euro abgelöst wurde, wird die nationale Identität schrittweise von einer europäischen überlagert.“ Nicht auszuschließen also, dass auch Michael Nüsse bald mit einer Euro-Münze zahlt, die aus der ehemaligen D-Mark-Sammlung seines Onkels gegossen wurde.


Herstellung der Münzen

Münzrecht: Das Münzrecht (auch Münzregal) in Deutschland obliegt dem Bundesfinanzministerium. Es darf Münzen prägen und in Umlauf bringen. Die Bundesbank stellt im Auftrag des Ministeriums das Filialnetz und die Logistik zur Verfügung.

Bargeld: Die Produktion des Bargelds ist seit seiner Einführung gestiegen. Im Dezember 1948 waren 6,6 Mrd. DM im Umlauf. Im Juni 1950 waren es schon 8,3 Mrd. – davon erstmals 0,132 Mrd. Münzen. Im Dezember 1999, als der Bargeldbestand an D-Mark seinen höchsten Stand erreichte, waren 15,6 Mrd. Münzen und 255,3 Mrd. Noten im Umlauf.

Prägungen: Von 1948 bis 1996 wurden insgesamt 53,7 Milliarden D-Mark-Münzen geprägt. Die älteste Münze war der Pfennig. Von ihm wurden am meisten Stücke geprägt – nämlich 17,9 Mrd. Stück. Es folgt der Groschen mit 11,7 Mrd. Stück, der wie das Fünf-Pfennig- und das 50-Pfennig-Stück seit 1949 geprägt wurde. 1950 kamen das Zwei-Pfennig-Stück und die D-Mark hinzu. Erst seit 1951 gab es Zwei- und Fünf-D-Mark-Stücke.


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