Das Hochwasser der Elbe trifft die Menschen am nördlichen Flusslauf unerwartet hart. In Lauenburg in Schleswig-Holstein stieg das Wasser am Freitag höher als beim Jahrhunderthochwasser von 2002.
HB HITZACKER/LAUENBURG. Die Altstadt von Hitzacker in Niedersachsen versank in schlammigen Fluten. Und der Unterlauf der Elbe schwillt noch immer an. Mecklenburg-Vorpommern bereitet sich auf das voraussichtlich größte Elbe-Hochwasser seit 1895 vor.
Einen Grund für die heftige Flut sehen manche Experten elbaufwärts. Dort hätten die nach 2002 erneuerten Deiche gehalten, so dass der Fluss seine Wassermassen jetzt vollständig mit sich nach Norden führe. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sicherte den vom Hochwasser betroffenen Bundesländern Unterstützung zu.
Brandenburg nahm das Hochwasser regelrecht in die Zange: Nicht nur an der Elbe, sondern auch an Havel und Oder war die Lage angespannt. In Hamburg werden bis Dienstag höhere Wasserstände erwartet, die Behörden sehen aber keine Gefahr. In Sachsen und Sachsen-Anhalt ging das Hochwasser zurück. Dort waren die Werte von 2002 nicht erreicht worden. In Dresden blieben Hofkirche, Zwinger, Schloss und Semperoper verschont. Die Stadt hob als erste in Sachsen den Katastrophenalarm wieder auf. Die Behörden stellen sich aber darauf ein, dass die Fluten nur sehr langsam abfließen und der Druck auf die Deiche bis Ostern anhält.
An der Elbe bei Lauenburg stand das Wasser 9 Meter hoch, 2002 waren es 8,70 Meter. Kritik gab es an den Behörden, die nicht vor den Gefahren gewarnt hatten. „Drüben in Niedersachsen wird überall Katastrophenalarm ausgelöst und uns lässt man hier alleine“, sagte ein Anwohner. Nach den Prognosen hatten die meisten noch am Vortag geglaubt, das Hochwasser werde ihnen diesmal nichts anhaben. Doch dann stieg das Wasser binnen weniger Stunden um rund zwei Meter. Teile der historischen Altstadt mit bis zu 500 Jahre alten Fachwerkbauten standen unter Wasser.
Die Fachleute seien von dem hohen Wasserstand in Lauenburg überrascht worden, sagte die Leiterin des Wasser- und Schifffahrtsamtes, Bettina Kalytta. „Diesmal hatten wir im Raum Dresden viel weniger Wasser als 2002, aber bei uns ist mehr angekommen.“ Ein Grund sei die Schneeschmelze im Erzgebirge, im Riesengebirge und im Thüringer Wald. Außerdem hätten die neuen Deiche im Osten gehalten und die Wassermassen abgeleitet.
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Im Landkreis Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern wurde Katastrophenalarm gegeben. In Dömitz soll am Sonntag mit 6,80 Metern der Höhepunkt der Flut erreicht werden, in Boizenburg wird am Montag mit 6,90 Metern gerechnet - jeweils deutlich mehr als 2002. „Trotz dieser Vorhersagen besteht jedoch kein Grund zur Panik“, sagte Umweltminister Wolfgang Methling (Die Linkspartei). An den Deichen sei genügend Spielraum, die Schwachstellen aus dem Jahr 2002 seien beseitigt.
Katastrophenalarm gab es auch in den niedersächsischen Landkreisen Lüchow-Dannenberg und Lüneburg. Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) kündigte bei einem Besuch in Hitzacker finanzielle Unterstützung an. „Dieses hier übersteigt alles, was ich mir hätte vorstellen können“, sagte Sander. In dem Städtchen sind geplante Hochwasserschutzmaßnahmen wie der Bau einer Schutzmauer und eines Schöpfwerkes noch nicht umgesetzt. Der Pegel stand am Mittag bei 7,48 Meter und damit etwa so hoch wie 2002. Experten rechnen damit, dass das Wasser bis Sonntag noch einmal etwa 25 Zentimeter steigt und dann mehrere Tage anhält.
„Drei Viertel der Altstadt stehen bereits unter Wasser“, sagte Samtgemeindebürgermeister Jochen Langen-Deichmann. Die Menschen versuchten mit Sandsäcken ihre Häuser zu sichern. Auch im Landkreis Lüneburg kämpften die Menschen verzweifelt gegen die Fluten. Der Höchststand wird erst in ein bis zwei Tagen erwartet.
In Brandenburg erreichte die Elbe bei Wittenberge 7,16 Meter; normal sind 3,70 Meter. „Große Sorge bereitet uns die Stabilität der Deiche“, sagte Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) bei einem Besuch im Landkreis Prignitz. „Täglich mehren sich die Schadstellen.“ Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) rechnete dennoch nicht mit Evakuierungen. „Wir sind zuversichtlich, dass die Lage beherrscht werden kann.“ Havel und Oder stiegen ebenfalls bedenklich an, in Frankfurt kam erstmals der kommunale Krisenstab zusammen.
Im südbrandenburgischen Mühlberg (Elbe-Elster) sanken die Wasserstände. Transporthubschrauber warfen Sandsäcke aus der Luft ab, um die aufgeweichten Deiche nicht unnötig zu befahren. Der Wasserpegel war mit einem Maximum von rund 8,50 weit unter dem Stand von 2002 mit 9,99 Metern geblieben.
Trotz sinkender Wasserstände blieb die Lage auch in Sachsen- Anhalt ernst. Hunderte Helfer waren an den Deichen weiter im Einsatz. Eine Jahrhundertflut sahen Experten in Sachsen-Anhalt nicht. In Sachsen entspannte sich die Lage weiter. In Dresden wurde die Elbbrücke „Blaues Wunder“ wieder für den Verkehr freigegeben. Vielerorts begannen das Aufräumen. Die Feuerwehr warnte, Keller vorschnell auszupumpen. Es bestehe die Gefahr, dass Grundwasser sonst Gebäude nach oben drückt und die Schäden vergrößert.

