Hierzulande verhallte der Ruf von Rudi Dutschke und seinen Genossen des „Sozialistischen Deutschen Studentbundes“ nach radikalem Umsturz der politischen Verhältnisse bei seinen eigentlichen Adressaten weitgehend ungehört. Die „Basis“ war offensichtlich mit dem „System“ zufrieden. An den Fabriktoren ernteten die verbrüderungswilligen Studenten meist offene Ablehnung.
Anders in Frankreich, wo „der Geist von 1968 auch und gerade die Arbeiterklasse beflügelte“, wie Gerd-Rainer Horn, Historiker an der Universität Warwick, in einem Aufsatz für die Bundeszentrale für Politische Bildung schreibt. Er sieht die Erinnerung an 1968 als „Möglichkeit, um im sozialen Kampf auch wieder eine wirkliche Zukunft entdecken und gewinnen zu können“.
Von der Revolution jedoch ließen sich die Streikenden durch saftige Lohnerhöhungen abbringen. Die Systemfrage stellten auch in Frankreich weniger die Arbeiter als euphorisierte Studenten – „Schon zehn Tage Glück“ oder „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ waren Parolen an den Mauern der Sorbonne. Selbst spektakuläre Fälle von Arbeiterselbstverwaltung, wie die der Uhrenfabrik LIP bei Besancon (Juni 1973 bis Januar 1974), waren keine offensiven, revolutionären Akte, sondern geschahen defensiv als Reaktion auf drohende Werkschließungen, wie Horn resümiert.
Arbeiter streikten in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren – erfolgreich – für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten. Aber in ihrer Mehrheit und vor allem in Deutschland eben nicht für die Revolution. Im Gegensatz zur Vorstellungswelt marxistischer Theoretiker waren sie seinerzeit längst in das soziale System integriert und partizipierten am wachsenden Wohlstand. Sie waren Pragmatiker und stabilisierten das System, das ideologisierte Studenten in ihrem Namen stürzen wollten.

