Mit dem Begriff Islamophobie verunglimpfen muslimische Aktivisten und westliche Sozialwissenschaftler die Angst vor der Religion.
Ein Mensch, der von Panik ergriffen wird, wenn er Spinnen sieht, leidet unter Arachnophobie. Klaustrophobe Menschen leiden bei beengten räumlichen Verhältnissen, im Lift zum Beispiel, unter Atemnot oder Herzrasen. Phobien lösen krankheitsähnliche Symptome aus.
Was ist dann eine „Islamophobie“? Welche Symptome weisen die bedauernswerten Menschen auf, die unter dieser offenbar zeittypischen Krankheit leiden? Sollten sie sich behandeln lassen?
Am Bielefelder „Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ hat Wilhelm Heitmeyer Islamophobie ganz selbstverständlich in sein Langzeitforschungsprogramm „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ einbezogen – neben zum Beispiel der „Abwertung von Obdachlosen, Homosexuellen und Behinderten“.
Heitmeyer fragt nach den „feindseligen Mentalitäten“ in der „Mehrheit“ der Gesellschaft. Bei seinen Umfragen ordnet er einen Menschen bereits als islamophob ein, wenn er dem Satz „Der Islam hat eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht“ nicht zustimmt oder sein Kind nicht von einer Muslimin mit Kopftuch unterrichten lassen will. Nach den Ängsten, ob begründet oder nicht, vor dem Islam und den Muslimen fragt er nicht.
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In der 2007 gegründeten Zeitschrift „Contemporary Islam“ definiert der Religionswissenschaftler Göran Larsson von der Universität Göteborg Islamophobie als „anti-islamische und anti-muslimische Meinungen“. Diese hält er für inakzeptabel. Larsson fordert dazu auf, „im Internet Islamophobie und Rassismus zu beobachten und zu bekämpfen“. Die vor allem von ehemaligen Muslimen betriebene Seite „WikiIslam“ steht im Zentrum seiner Kritik. Nach Darstellung der Betreiber-Organisation „Faith Freedom International“ will sie kritische Alternativen zu den „zensierten“ Islam-Beiträgen in der Wikipedia bieten und ausstiegswilligen Muslimen helfen.
Nicht erst seit dem 11. September 2001 gibt es durchaus gute Gründe, vor dem Islam, zumindest in seiner fundamentalistischen Form, auch Angst zu haben. Vor allem für diejenigen, die als Muslime geboren sind und sich von der Religion lossagen. Solchen Apostaten droht nämlich nach der Scharia in zahlreichen Staaten die Todesstrafe. Und Menschen, die an keinen persönlichen Gott glauben, sind nach dem Koran (Sure 8) nichts anderes als Tiere. Im säkularen Europa trifft das auf viele Millionen Menschen zu. Es ist verwirrend, die Angst vor solchen Bedrohungen mit einer Krankheit oder Rassismus gleichzusetzen.
Die Problematisierung und Stigmatisierung derer, die Angst haben, ist ein gemeinsames Merkmal aller Reden von der Islamophobie. Die Perspektive ist die des Psychiaters, der den Arachnophoben von seiner unbegründeten, krankhaften Angst vor Spinnen heilen möchte.
Wo das Wort Islamophobie herkommt, ist in den Publikationen nicht zu erfahren. Die Schöpfer des Begriffs sind im Zentrum des politischen Islams zu finden, genauer gesagt in Teheran. Das will zumindest die französische Feministin und Herausgeberin des Magazins „Prochoix“, Caroline Fourest, mit ihrer Koautorin Fiammetta Venner herausgefunden haben. „Er wurde zuerst 1979 verwendet, von den iranischen Mullahs, die die Frauen, die keinen Schleier trugen, als ,schlechte Musliminnen’ darstellen wollten“, schreiben sie in „Prochoix“. Das Ziel der Mullahs sei gewesen, jegliche Kritik am real existierenden Islam zu pathologisieren, also als krankhafte Verirrung zu brandmarken. Später, so schreiben Fourest und Venner, sei der Begriff von muslimischen Organisationen wie der „Islamic Human Rights Commission“ wieder verwendet worden, um das Todesurteil der Mullahs gegen Salman Rushdie 1988 propagandistisch vorzubereiten.
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Wenige Jahre später erhielt der Kampfbegriff aus Teheran das Siegel der politischen Korrektheit. „Rassengewalt und antimuslimische Vorurteile sind aus einem Guss“, verkündete die „Kommission für britische Muslime und Islamophobie“ (mit muslimischen, christlichen und jüdischen Mitgliedern) in dem Report „Islamophobie. Eine Herausforderung für uns alle“ von 1997. Die Kommission gehört zur einflussreichen britischen Denkfabrik Runnymede Trust – finanziert teilweise von der Londoner Regierung. Sie hat zur europaweiten Etablierung des Begriffs seither wahrscheinlich wesentlich beigetragen.
Hat sich ein Begriff in akademischen Kreisen etabliert, wird er kurz darauf auch von staatlichen Stellen verwendet. Die Verbindung Islamophobie=Rassismus=Gefahr ist nicht nur bei politischen Aktivisten, sondern auch in amtlichen Publikationen weit verbreitet. Die „Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ (EUMC, seit März 2007 „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“, FRA) beklagt in ihrem Bericht „Muslime in der Europäischen Union“ vom Dezember 2006 mehrfach Islamophobie, ohne den Begriff zu erklären.
Kritik kommt kaum von westlichen Intellektuellen, sondern fast ausschließlich von Ex-Muslimen: Apostaten wie Ali Sina und Ibn Warraq, Publizisten, die unter Pseudonym schreiben müssen und wegen ihrer Meinung in dauernder Todesgefahr leben. Sie haben wahrlich gute Gründe für ihre keineswegs krankhafte Angst vor gläubigen Muslimen – und schreiben oft entsprechend kämpferisch bis polemisch.
Ali Sina, das Pseudonym des Gründers von „Faith Freedom International“, sieht den Islam weniger als eine Religion, sondern als eine Ideologie. „Es ist schiere Arroganz, Kritik an einer Ideologie als ,Phobie’ zu bezeichnen“, schreibt er in dem Beitrag „Islamophobia is ad hominem“ im Internet. „Indem sie Kritik am Islam als Kranheit darstellen, bewahren sich Muslime davor, auf zulässige Kritik gegen ihren Glauben zu antworten.“
Ibn Warraq, Pseudonym eines in den USA lebenden indischen Ex-Muslims und Islamwissenschaftlers, der als Autor von „Warum ich kein Moslem bin“ (1995) bekannt wurde, bezeichnet den Begriff Islamophobie als „dogmatische Islamophilie“. Die als Ägypterin geborene amerikanische Publizistin Nonie Darwish hält das Reden von der Islamophobie schlicht für „Propaganda“. Vielleicht ist es aber mehr: Eine bewusste Verwirrung der Begriffe, die den offenen Dialog im Keim erstickt.


