Traditionell behaupten Politologen, dass wirtschaftliches Wachstum zu mehr Demokratie führt – und umgekehrt. „Jedes Maß an Wirtschaftsentwicklung wird mit einem Maß an Freiheit belohnt“, sagte der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal in den sechziger Jahren. Die Realität im neuen Jahrtausend scheint ihn zu widerlegen: Wirtschaftliche Entwicklung und autoritäre Herrschaft schließen sich nicht aus. Zumindest mittelfristig, sagt Aurel Croissant, Politik-Professor in Heidelberg. „Das Wohlstandsniveau allein ist keine hinreichende Bedingung für den Übergang zur Demokratie. Es trägt aber dazu bei, dass ein politisches System stabil bleibt.“ Anders gesagt: Wirtschaftswachstum stärkt jedes Regime, ob demokratisch oder autoritär.
Seit Machiavelli beschäftigt die politischen Denker der ewige Zielkonflikt zwischen Effektivität und Repräsentativität, also der Übereinstimmung des Handelns der Führung mit den Interessen des Volkes. Autoritäre Systeme können effektiver sein als demokratische, zumindest wenn sie flexibel sind: Beschlüsse werden nicht lange diskutiert, sondern zügig umgesetzt. In Umbruchphasen mit großem Reformbedarf sind schnelle Entscheidungen besser als Stillstand. Doch ist ein Übergangsregime in ruhigeren Fahrwassern angekommen, fehlt es solchen Beschlüssen an Legitimität, sie sind im Zweifel nicht repräsentativ für die Bevölkerung.
Solange autoritäre Regime wirtschaftlich erfolgreich sind und das Wohlstandsniveau steigt, können sie stabil bleiben. Doch mit der Zeit werden sie am Willen der Bevölkerung vorbeiregieren. Leistungsfähige politisch-ökonomische Systeme brauchen Wettbewerb um Ideen, Positionen, Nachwuchskräfte. Fehlt es daran, geraten sie in Anpassungsdruck, der schnell eine Systemkrise auslösen kann. „In ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unterscheiden sich demokratische und autoritäre Regime kaum“, sagt Croissant, „in Sachen Krisenbewältigung aber ganz massiv.“
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