Trotz strengster Sicherheitsvorkehrungen vor Olympia detonieren in der Provinz Yunnan Sprengsätze in zwei Bussen. Die Regierung ´will hart durchgreifen, weil sie vor allem weitere Anschläge von Islamisten fürchtet. Für Menschenrechtsgruppen ist das nur ein willkommener Vorwand im Kampf gegen Regimekritiker.
PEKING. Knapp drei Wochen vor den Olympischen Spielen in Peking hat ein Doppelanschlag auf Linienbusse mit mindestens zwei Toten die Terrorangst in China erhöht. Bei den Explosionen in der Stadt Kunming im Südwesten des Landes wurden nach Polizeiangaben zudem 14 Menschen verletzt. Die Polizei der Provinz Yunnan sprach nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua von einer „absichtlichen Tat“ und von „Sabotage“.
Die Regierung in Peking hat im Vorfeld der Olympischen Spiele wiederholt vor terroristischen Anschlägen gewarnt und die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Hauptstadt drastisch verstärkt. So steht eine 100 000 Mann starke Antiterrorgruppe bereit. Um das Pekinger Olympiagelände wurden Luftabwehrraketen stationiert, um mögliche Anschläge mit Flugzeugen zu verhindern. An Eingängen von U-Bahn-Stationen und Hotels wird jedes Gepäckstück durchleuchtet. Chemikalien oder andere Materialien, die sich zum Bombenbau eignen, dürfen gar nicht mehr oder nur unter Auflagen transportiert werden. Diese Beschränkungen stellen auch zahlreiche Industriebetriebe, die für ihre Produktion auf Zulieferungen angewiesen sind, vor erhebliche Probleme.
Die Busexplosionen haben Chinas Sicherheitskräfte nun in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Die zwei Detonationen ereigneten sich gestern im Abstand von einer Stunde während der morgendlichen Hauptverkehrszeit im Zentrum der Provinzhauptstadt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete von einer dritten Explosion, die sich nahe der Stadt Minshan ereignet haben soll. Dieser Vorfall wurde aber nicht bestätigt.
Die Provinz Yunnan grenzt an Vietnam, Laos, Myanmar und im Norden an die autonome Region Tibet. Das Grenzgebiet gilt als illegaler Waffenumschlagplatz. In der Provinz leben zudem viele Tibeter und Muslime. Peking fürchtet zu Olympia vor allem mögliche Anschläge muslimischer Extremisten sowie von tibetischen Unabhängigkeitskämpfern.
Menschenrechtsgruppen werfen der chinesischen Regierung dagegen vor, sie nutze die Sicherheitslage vor den Spielen nur als Vorwand, um kritische inländische Gruppen – vor allem in Tibet und in der Region Xinjiang – zu zerschlagen. Die Behörden hatten erst vor zwei Wochen berichtet, dass in den ersten sechs Monaten in der westlichen Provinz Xinjiang 82 Menschen festgenommen worden seien, die während der Spiele Sabotageakte geplant hätten. Außerdem wurden 66 „Bandenmitglieder“ unter dem Vorwurf des Terrorismus, Extremismus und Separatismus in Gewahrsam genommen. Wenige Tage später wurden zwei Uiguren wegen Terrorismus hingerichtet. Im autonomen Gebiet Xinjiang gibt es eine Unabhängigkeitsbewegung unter den acht Millionen muslimischen Uiguren. Bereits im Frühjahr hatten Chinas Sicherheitsbehörden einen angeblich von Uiguren geplanten Flugzeuganschlag auf Peking vereitelt.
Zu den gestrigen Busexplosionen gibt es bislang keine Bekennerbriefe. Die Explosionen könnten durchaus „durch soziale Konflikte“ motiviert oder „von Einzelpersonen mit extremen Ansichten“ verübt worden sein, sagte Li Wei, Direktor des Zentrums für Terrorismusbekämpfung in Peking. In China kommt es nicht selten vor, dass Bürger sich Bomben basteln, um sich für angebliches Unrecht zu rächen. Anfang Mai waren drei Menschen ums Leben gekommen, als ein Linienbus in Schanghai in Flammen aufging. Vor wenigen Wochen hatte ein Mann in einer Polizeistation von Schanghai fünf Beamte mit Messerstichen getötet. Und erst vor wenigen Tagen hatte in der Hafenstadt ein Bürger mit einem Bombenanschlag auf ein Gericht gedroht. Auch in der Provinz Yunnan gab es vor wenigen Tagen eine blutige Auseinandersetzung zwischen der Polizei und demonstrierenden Kautschukbauern. Rund 500 Dorfbewohner hatten eine Fabrik angegriffen; dabei wurden laut staatlichen Medienberichten zwei Bauern getötet und 41 Polizeibeamte verletzt. Bereits im April hatte es ähnliche Ausschreitungen in der Gegend gegeben.
Die Explosionen in der 2 000 Kilometer von Peking entfernten Stadt dürften zu einer Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld der Spiele in China führen, meinen Beobachter. Schon zuvor hatten die Behörden entschieden, für die Eröffnungsfeier am Abend des 8. August den Luftraum über Peking zu sperren.

