Die Ankunft des olympischen Feuers in Peking wurde wahrlich zelebriert. Neben viel Folklore gab es aber vor allem viel Kontrolle. Denn auch wenn ein Hauch von Demokratie über den Platz des himmlischen Friedens zu wehen schien - dem Zufall wurde nichts überlassen.
PEKING. Es war eine ungewohnte Szene auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Weit sichtbar und völlig unbehelligt hält Zhang Ling Zhe sein rotes Transparent in die heiße Sommerluft. Was normalerweise in Sekunden von der Sicherheitspolizei unterbunden wird, wurde gestern auf Chinas "heiligem" Platz einfach geduldet.
China hat aber keineswegs die Demonstrationsfreiheit entdeckt. Der 64jährige Rentner begrüßte mit Tausenden organisierter Chinesen im Zentrum Pekings die olympische Fackel zu ihrer letzten Etappe. "Ich mache mit, ich freue mich darauf", stand auf seinem Transparent in weißen Schriftzeichen.
Das hätten gern auch Zehntausende anderer Chinesen gesagt. Schon um 7 Uhr morgens versuchten viele in den Straßen um den Platz des Himmlischen Friedens eine Position zu finden, um wenigstens einen kurzen Blick auf die Fackel werfen zu können. Doch alles war abgesperrt, überall standen Gitter und vor allem die Polizei. "Hier geht es nicht weiter", hieß stets die Auskunft.
Liu Shanhua gehörte zu denen, die ganz olympisch nur mal dabei sein wollten. Aber der junge Verkäufer aus Peking, der für die Fackel extra im Morgengrauen aufgestanden war, konnte am Ende nur den Jubel hören und aus der Ferne sehen, wie Fahnen geschwenkt wurden. "Es war es dennoch wert", sagt der Verkäufer, "aber natürlich ich hätte es schon gerne selbst gesehen."
Die 25jährige Ma Yen durfte dagegen auf dem Platz des Himmlischen Friedens dabei sein. Und das gleich mit einer ganzen Gruppe von Kolleginnen. "Wir finden es einfach klasse", plapperte der fröhliche Betriebsausflug unentwegt. Die jungen Frauen, die alle für Olympia-Sponsor China Mobile
arbeiten, waren extra in flotter Cheerleader-Kleidung gekommen, um die Fackel richtig sportlich anzufeuern.
Leider standen Ma Yen und ihre Kolleginnen nicht an der 20-Meter-Etappe, die NBA-Basketballstar Yao Ming mit der Fackel zurücklegte. Oder wenigstens dort, wo Chinas erster Astronaut, Yang Liwei, die Fackel-Etappe starten durfte. Dafür bleibt nun die große spannende Frage, wer als letzter Läufer das olympische Feuer am Freitagabend zur Eröffnungsfeier ins "Vogelnest" bringen wird. Ma Yen hatte wie die meisten Chinesen fest auf Basketballer Yao Ming getippt.
So war das das Thema der Wartenden sehr schnell: Wer wird das Feuer nun im Stadion entzünden? Bei Musik, Folklore und Wushu-Vorführungen kam so trotz der straff organisierten Fröhlichkeit bald so etwas wie echte Lockerheit auf. Zumal die Sicherheitskräfte sich diesmal deutlich zurückhielten. Irgednwann wurden auch die Aufpasser gelassener und erlaubten ausländischen Journalisten sogar frei über den Platz zu spazieren und Interviews zu führen.
Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass diesmal nicht allein die Kommunistische Partei der Organisator war. Erstaunlich viele weiße Olympia-Flaggen waren auf dem Platz zu sehen. Und wer genau hinschaute, konnte im Meer der roten Fahnen viele Flaggen mit dem Coca-Cola
-Schriftzug erkennen. Unbemrkt hatte der Olympia-Sponsor den Platz besetzt. 30 Jahre Reform- und Öffnungspolitik gehen auch an Chinas Aufmarschplätzen nicht spurlos vorbei.
Bis Freitag tragen insgesamt 841 Läufer die Fackel durch Peking. Gestern war auch VW-China
-Chef Winfried Vahland dabei, denn auch der deutsche Autokonzern ist einer der Olympia-Sponsoren. Vor allem aber der Fackellauf war für den Konzern eine Gratwanderung, denn die gesamte Tour wurde von einer VW
-Flotte begleitet. Bei den Zwischenfällen wie in London oder Paris gab es dazu nicht gerade die Bilder, die Sponsoren sich wünschen.
So spürte man gestern nach dem Besuch der Fackel auf dem Tian`anmen deutlich die Erleichterung bei Sponsoren und Organisatoren, dass diese olympische Reise nun endlich der letzten Etappe entgegensieht. Denn auch wenn das Heer an Sicherheitskräften immens ist: Die chinesische Hauptstadt gehört mit 17 Millionen Einwohnern zu einem schwer kontrollierbaren Masse.
Das bewiesen ausgerechnet gestern ausländische Tibet-Aktivisten, die wenige Stunden vor dem Start der Fackel-Etappe mit einem waghalsigen Protest auf dem Olympiagelände für internationale Aufmerksamkeit sorgten. Immerhin konnten sie ebenfalls fast eine Stunde ihr Transparent hängen lassen - sogar etwas länger als Rentner Zhang auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Doch der bekam von der ganzen Tibet-Aktion wie die meisten Chinesen gar nichts mit. Denn nach dem Ende des bunten Fackel-Treibens in Peking wurden die ausgewählten Massen erschöpft in Bussen abtransportiert.

