Teile der Wirtschaftspresse rechnen heute mit einer Entscheidung zur Allianz von Commerzbank und Dresdner Bank und bescheinigen dem Bündnis gute Chancen. Die International Herald Tribune wirft der deutschen Kanzlerin vor, im Präsidentschaftswahlkampf nicht neutral zu bleiben. Le Monde meldet Zweifel an den französischen Atomkraft-Plänen an. Fundstück: USA wird europäisch.
Nach Einschätzung einiger Wirtschaftszeitungen könnte am heutigen Freitag eine Entscheidung über das Zusammengehen von Commerzbank und Dresdner Bank fallen. Die Neue Zürcher Zeitung untersucht die Chancen eines „gelb-grünen“ Bündnisses von Commerzbank und Dresdner Bank - nach internen Planungen könnten die Commerzbank-Aktionäre 70 und die Allianz 30 Prozent an der neuen Firma halten. Es sei nicht unplausibel, dass auf diesem Weg rund zehn Prozent der Gesamtkosten beider Institute eingespart werden könnten, etwa bei der IT, im Filialnetz, in der Verwaltung und den Fondsgesellschaften. Die Allianz wäre außerdem ihr Sorgenkind los und könnte sich ganz dem Stammgeschäft widmen, behielte aber über die Beteiligung Einfluss auf den Vertriebskanal Bank. Fazit: „Es wurden schon Verbindungen unter schlechteren Voraussetzungen eingefädelt.“
Die Süddeutsche Zeitung misstraut den Gerüchten, dass heute eine Entscheidung zur Fusion fallen könnte: „Dass inzwischen aus jeder Wasserstandsmeldung ein potentieller Durchbruch wird, setzt die Akteure unter unnötigen Druck und bringt Tausende Mitarbeitern in tägliche Erklärungsnot gegenüber ihren Kunden.“ Besonders für die Allianz sei die Situation ungemütlich: Sie müsse nicht nur einen raschen Abschluss im Auge behalten, sondern dabei auch noch Gesicht und Bilanzen gleichermaßen wahren. 24 Milliarden Euro habe das Unternehmen vor sieben Jahren für die Dresdner ausgegeben, zurzeit stehe sie mit zwölf Milliarden in den Büchern. „Sollte die Bank für acht Milliarden Euro über den Tisch gehen, wäre die Allianz der Verlierer – und würde von den eigenen Investoren bestraft.“
Die Financial Times Deutschland hat recherchiert, dass man Allianz-intern davon ausgehe, dass der Verkaufsprozess noch bis Ende des Jahres dauern könne. Ein „bedeutendes, aber überwindbares Problem“ bei einer Allianz von Commerzbank und Dresdner Bank sei die starke Stellung der italienischen Versicherung Generali, die 8,6 Prozent an der Commerzbank halte und Versicherungspartner der Bank sei. „Die Generali müsste man herauskaufen“, zitiert das Blatt aus Unternehmenskreisen. Charme hätte auch ein Tausch mit der spanischen Bank Santander, bei dem die Allianz die Dresdner abgeben und dafür die Versicherer von Santander in Spanien und Lateinamerika erhalten würde, meint die FTD. „Verbunden mit einem langfristigen Kooperationsvertrag zumindest für Deutschland und Spanien hätte die Allianz ihr Geschäftsfeld erheblich ausgeweitet.“
Seltsame Sorgen um Berliner Obama-Auftritt
In der International Herald Tribune wundert sich der deutsche Schriftsteller Christoph Peters über die Sorgen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass sich der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama bei seinem Besuch am Brandenburger Tor mit großen Gesten als „Politiker der Balance und Integrität“ präsentieren könnte. Hintergrund: Politiker seien immer vorsichtig, sich nicht in den Wahlkampf anderer Länder einzumischen. Merkel selbst habe andererseits 2003 als Oppositionsführerin ihren Platz auf der Weltbühne genommen und einen PR-Coup gelandet, indem sie in einem Artikel für die Washington Post Unterstützung für George W. Bush im Irak signalisiert habe. „Ihre aktuelle Haltung hat nichts damit zu tun, im Präsidentschaftswahlkampf neutral zu bleiben“, kritisiert Peters.
Atomkraft kein guter französischer Exportartikel
Zehn Tage nach dem Zwischenfall im südfranzösischen Atomkraftwerk Tricastin schreibt Le Monde, dass der Unfall eine einfache Wahrheit zeige: Die Atomkraft sei, entgegen der Versicherungen von Nicolas Sarkozy, keine harmlose Industrie und daher kein französischer Exportartikel wie andere – Ende April hatte Sarkozy in Tunesien für den Kauf französischer Atomkraftwerke geworben. Wie die Internationale Atom-Agentur bereits erklärt habe, seien weitere 15 Jahre Entwicklungsarbeit vonnöten, um eine „Kultur der Sicherheit“ zu erlangen, meint die Tageszeitung. „Zu einem Zeitpunkt, da sich Frankreich, mit GDF-Suez, als neuer Energie-Gigant geriert, kann die Aussicht auf 250 Reaktoren, die in der Konstruktions- oder Planungsphase seien, diese Realität nicht überdecken“, so Le Monde.
Konzentration in Spaniens Flugbranche
Cinco Días kommentiert die angespannte Situation vieler Airlines. „Spanien hat sich aufgrund einer starken touristischen Nachfrage in den letzten Jahren zum regelrechten Prüfstand neuer Geschäftsmodelle für die Luftfahrtindustrie entwickelt“, rekapituliert das Blatt. Die vergangenen Wochen hätten nun gezeigt, dass sich der Sektor im Wandel befinde – hin zu mehr Konzentration. Vueling und Clickair hätten sich schon für eine Fusion entschieden und versuchten so, „aus eins und eins eins zu machen“, um im starken Wettbewerb zu überleben. Es sei jedoch noch zu früh für Prognosen, wer am Ende überleben werde, meint Cinco Días. Die logische Konsequenz der aktuellen Situation seien weitere Zusammenschlüsse, an deren Ende drei oder vier etablierte Airlines und – falls die Ölpreise sich beruhigten – gerade noch ein Low Cost Carrier übrig blieben.
Ebay steckt in Identitätskrise
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zweifelt an der Erklärung von Ebay, warum das eigene Handelsvolumen nicht mehr wie früher wächst. Dass das schwache Konsumumfeld dafür verantwortlich sei, leuchte nicht ein, weil gerade Ebay als „Schnäppchenparadies schlechthin“ von den schlechten Zeiten profitieren müsste, ähnlich wie die Discounter. Als tieferliegendes Problem identifiziert die FAZ, dass sich Ebay von seinem einstigen Konzept als Auktionsplattform entfernt und mehr auf den Verkauf zu Festpreisen konzentriert habe. „Mit diesem Wandel hat Ebay aber seine Unverwechselbarkeit verloren und ist anfälliger für die Konkurrenz von Amazon und jedem anderen Online-Händler.“ Jetzt stecke Ebay in einer Identitätskrise.
GM setzt alles auf den „Volt“
Das US-Magazin The Atlantic beschreibt den Überlebenskampf des Autobauers, der sich im Bau des Elektroautos „Volt“ kristallisiere. Der US-Konzern werfe alles, was er besitze, in die Waagschale – und sollte das Projekt zum Bau eines Elektroautos mit integriertem Verbrennungsmotor zum Wiederaufladen des Akkus gelingen, sei es aussichtsreich. GM müsse jedoch unter hohem Zeitdruck und parallel an der Konzeption des Akkus sowie am Bau des restlichen Autos arbeiten, um die vorgegebene Frist zur Markteinführung (2010) einhalten und so den Vorsprung von Toyota verkürzen zu können – dies sei ein Novum für die Autoindustrie. Im gesamten Konzern bis in die Führungsetage von Rick Wagoner werde das Projekt mit der Apollo-Mondlandung verglichen. „Mit dem Volt-Modell hofft GM – ramponiert, angeschlagen, um Profitabilität ringend – nicht nur, das Auto neu zu konzipieren, sondern auch das grundlegende Bild der Öffentlichkeit von Autos, das Image von GM sowie das Selbstbild von GM zu erneuern“, analysiert das Magazin.
Brasilianische Viehzüchter unschuldig
Immer wieder werden die Viehzüchter für die Abholzung des Amazonasregenwalds verantwortlich gemacht – als Beweis werden die Zahlen über wachsende Rinderherden im Amazonasgebiet herangezogen. Aber diese Zahlen des nationalen Statistikbüro reichten nur bis ins Jahr 2006, kritisiert der brasilianische Estadao. Seitdem seien die Herden aber geschrumpft, da es an geschlechtsreifen Kühen fehle. Die Herden seien in einer Phase der Regenerierung. Jetzt stehe die Erhöhung der Produktivität, also die Steigerung der Geburtenrate, im Fokus der Viehzüchter. Erst 2018 werde wieder neues Land benötigt, schätzt das Blatt. Fazit: Wer die Schuld an der Abholzung des Regenwald einfach den Viehzüchtern zuschiebe, mache es sich zu einfach, dieses komplexe Problem zu lösen.
Fundstück: USA wird europäisch
Erstaunt verfolgt der Freakonomics-Blog der New York Times, wie sich die USA immer stärker in ein zweites Europa verwandelten. „Ja, wegen der steigenden Benzinpreise. Und ja, wegen der Umweltschutz-Sorgen. Und ja, vielleicht fällt mir das nur auf, weil uns die Benzinpreise und Umweltschutz-Sorgen dafür sensibilisiert haben. (Solche Phänomene nennt man Bestätigungsfehler, und sie betreffen uns wohl alle).“ Darüberhinaus sei jedoch erstaunlich, dass die US-Städte zunehmend auch im Verkehrswesen europäisch würden: So sei in Washington ein öffentlicher Fahrradverleih eröffnet worden, ein Teil des Broadways sei jüngst für Fahrradfahrer gesperrt worden. „Ich war letztes Jahr in Berlin und konnte es nicht glauben, wie viele Leute mit Fahrrädern unterwegs sind, und das ist eine große, auseinandergespreizte Stadt. Das ist natürlich viel einfacher mit entsprechenden Radwegen – und wenn man sein Rad irgendwo parken kann“, staunt der Reporter.
Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de
Mitarbeit: Charlotte Bartels, Florian Käfer.

