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10.07.2008 
Presseschau vom 10.7.2008

Das gute Öl

von Peggy Pfaff

Die internationale Wirtschaftspresse fördert die guten Seiten am hohen Ölpreis zutage und erklärt, warum Öl-Spekulanten nützlich sind. Die New York Times zeigt sich von der Übernahmefehde zwischen WPP, TNS und GfK amüsiert. Der Nouvel Observateur hält die Grabrede für die französische 35-Stunden-Woche. Fundstück: Stoppt Jean-Claude Trichet!

Ein Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Ein Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Die Tageszeitung aus Berlin findet im Interview mit einem Konjunkturexperten heraus, warum Deutschland vom stetigen Steigen des Rohölpreises profitiert. "Schon seit acht Jahren steigt der Ölpreis kontinuierlich, aber die Weltwirtschaft und die deutsche Wirtschaft haben das bislang relativ gut weg gesteckt." Dafür gebe es mehrere Gründe. So sei die Ölabhängigkeit geringer geworden, zudem würden die Löhne nicht mehr wie in den 70er Jahren automatisch durch einen Schub bei den Rohstoffpreisen mitwachsen: "Höhere Löhne führten damals zu höheren Preisen, und beide schaukelten sich gegenseitig hoch." Viel wichtiger aber sei, dass es ökonomisch plausible Überlegungen gebe, wieso der Ölpreis über die lange Frist gesehen gar keine Rolle spiele. "Schon heute hat sich das Wirtschaftswachstum in den meisten Industrieländern komplett vom Ölverbrauch entkoppelt. Letzten Endes ist der Ölpreis deshalb kein entscheidendes Problem, denn eines Tages werden wir auch ohne Öl klarkommen."

In einem Kommentar schreibt die Tageszeitung weiter, dass Öl zum Totschlagargument verkommen sei - um Subventionen einzufordern und jede Art von Wirtschaftsproblemen zu erklären: "Der Konsum in Deutschland zieht nicht an? Das muss am Ölpreis liegen. Der Aufschwung geht zu Ende? Hat bestimmt auch mit dem Ölpreis zu tun." Naheliegende Fragen ließen sich damit bequem abwehren. "So ist nicht mehr diskutierbar, ob die deutsche Wirtschaft nicht vielmehr daran krankt, dass seit 1995 die Reallöhne nicht mehr steigen - und das gesamte Wachstum nur noch den Kapitalbesitzern zugutegekommen ist."

Die positiven Auswirkungen des hohen Ölpreises auf die Konjunktur in Deutschland beleuchtet auch die Frankfurter Rundschau. "Profit durch höhere Preise", laute die Zauberformel, von der u.a. der Maschinenbau profitiere. Nicht nur fielen die höheren Energiekosten aufgrund der Umsatzzuwächse nicht allzu stark ins Gewicht. Je höher der Ölpreis, desto besser sei auch das Geschäft, meint ein Unternehmen gegenüber der Zeitung: Der Ölpreis mache zuvor unwirtschaftliche Verfahren erst rentabel und steigere den exportabhängigen Erlös.

Der amerikanische Finanz-Newsletter Rightsideadvisors.com verurteilt die Jagd, die derzeit auf Ölspekulanten gemacht wird. "Immer wieder wird dabei das Argument bemüht, dass sich die Kosten für die Produktion von einem Barrel Öl auf 75 US-Dollar belaufen, der Marktpreis aber doppelt so hoch sei. Zu erklären sei dies nur durch das exzessive Treiben der Spekulanten. Würde man ihnen Einhalt gebieten, würde auch der Ölpreis wieder sinken." Doch die Termingeschäfte mit Öl funktionierten viel subtiler. Das beständige Reinvestieren der Profite aus alten in neue Verträge würde dazu beigetragen, dass Ölvorräte angelegt werden: Würden am Ende nur geringe Preise winken, wären die Ölvorräte schnell aufgebraucht, was wiederum das Öl verteuere. Fazit: Der Kreuzzug Washingtons gegen Ölspekulanten könnte die USA sogar noch abhängiger machen von den großen Ölproduzenten.

Auch Businessweek erscheint eine pauschale Verurteilung der Ölspekulanten zu oberflächlich. Ihnen könne nicht ohne Zweifel unterstellt werden, den Ölpreis absichtlich hochtreiben zu wollen. "Es ist ihr Job zu wissen, dass nach hohen Preisen der Abgrund folgen kann, mit Verlusten in Milliardenhöhe." Zudem solle man dankbar sein, dass gerade Spekulanten die Alarmglocken läuteten und vor weiterhin steigenden Ölpreisen warnten: "Hohe Ölpreise führen dazu, dass mehr Öl gefördert wird, die Verbraucher aber weniger konsumieren. Das wird zumindest in naher Zukunft die Energiekosten reduzieren." Und schließlich könne man Spekulanten nur auf eine Weise wirksam stoppen: "Das Weiße Haus müsste die Preise diktieren. Doch das hat schon unter Präsident Richard Nixon nicht funktioniert."

China Daily sieht einen ganz anderen Nutzen aus dem hohen Ölpreis: In vielen Ländern streikten die Fischer und drohten damit, ihre Boote zu verschrotten. Das sei ein Hoffnungsschimmer für das Ökosystem Meer, so die Zeitung. Bislang sei keine ostasiatische Regierung in der Lage gewesen, den Bestand an Thunfisch zu schützen - jetzt blieben die Thunfisch-Boote in ihren Häfen, weil sie es sich nicht leisten könnten, zum Fischen hinaus zu fahren. Auch habe die EU ein Programm, das die Reduzierung der Anzahl an Fischerbooten vorsehe. Bislang gehe es aber zu langsam voran, im Vergleich zum Rückrang des Fischbestandes. Deshalb sei der Streik "die beste Nachricht der europäischen Fischereiwirtschaft seit Jahren".

Neue Episode in der Fehde um TNS

Die New York Times verfolgt amüsiert die neuste Episode in der Übernahmefehde zwischen dem britischen Werbegiganten WPP Group, Taylor Neslon Sofres (TNS) und der deutschen GfK Gruppe. "Als ob verrückte Männer nicht genug wären, unterhält sich die Branche selbst mit einem Drama", kommentiert die Zeitung die Vorgänge. Es sei unverständlich, warum die GfK erst eine Fusion auf Augenhöhe angestrebt, dann aber einen Rückzieher gemacht habe. WPP habe mit 2,18 Milliarden US-Dollar mehr geboten als beim Aktien-Deal mit der GfK hätte herauskommen können. "Dreimal wies TNS das Angebot zurück, weil man unbedingt mit der GfK zusammengehen wollte. Das wirft kein schmeichelhaftes Licht auf den TNS-Vorstand." Auch die viel zitierten Synergieeffekte zwischen TNS und GfK seien inzwischen fraglich, eine Beraterfirma habe sie als "ziemlich optimistisch" eingestuft. "Nun ist die TNS-Aktie 225 Pence wert, WPP bietet 260,7 Pence. Diese Nummer muss die GfK erstmal knacken."

Siemens soll weniger deutsch werden

Peter Löschers Entscheidung, rund 17.000 Jobs weltweit abzubauen, wertet der Economist aus Großbritannien als Teil seines Umstrukturierungsplans für Siemens. "Als Löscher den Vorstandsvorsitz übernahm, wurde er mit zwei Aufgaben konfrontiert: dem Umbau des Technikgiganten und der Verarbeitung des größten Skandals in der Unternehmensgeschichte. Dazu muss er Siemens auf den Kopf stellen." Der Arbeitsplatzabbau betreffe vornehmlich die Verwaltung, Ziel sei es, die Kosten bis 2010 um 1,2 Milliarden Euro zu reduzieren: "Das ist genau der Betrag, den der Konzern an Bestechungsgeldern weltweit gezahlt haben soll." Das zeige, das Löscher das Kapitel Bestechung so schnell wie möglich abschließen wolle. "Er will den Konzern auf einen wirtschaftlichen Abschwung vorbereiten und gleichzeitig wettbewerbsfähig machen. Dazu verändert er die Unternehmenskultur, sie soll weniger deutsch werden." Löschers Chancen würden nicht schlecht stehen: "Siemens kann vom demografischen Wandel profitieren, weil die alternde Gesellschaft mehr Ausstattung im Gesundheitswesen und Asien mehr Kraft-, Wasser- und Transportunternehmen benötigt."

Die EU sollte dem Beispiel der SEC folgen

Die Pläne der EU-Finanzminister, Ratingagenturen stärker zu regulieren, zielen nach Auffassung der Financial Times in die falsche Richtung. "Wenn die neuen Verhaltensregeln mehr sein sollen als ein zahnloses Wunder, müssen sie zwei Elemente beinhalten: den Wegfall von Vorschriften, die auf Ratings basieren, und den Willen, sich auf die Märkte zu verlassen. Doch beides wurde von den EU-Verantwortlichen bislang nicht erwähnt." Stattdessen wolle die EU Ratingagenturen zur regelmäßigen Registrierung und Implementierung von Berichten und Inspektionen verpflichten. "Doch das Kernproblem sind nicht Interessenskonflikte oder Gier auf Seiten der Agenturen, sondern Inkompetenz", meint das Blatt. Das Problem seien die auf Ratings asierenden Vorschriften: Das Geschäft habe sich von reiner Informationsbeschaffung zum Lizenzverkauf gewandelt. Diese Vorschriften hätten die Kreditkrise befeuert, weil sie den Beteiligten die Möglichkeit gaben, neue Finanzprodukte zu entwickeln, die höhere Bewertungen erhielten als verdient. "Doch die EU sieht hier nicht das Problem. Nun hat die amerikanische Securities and Exchange Commission (SEC) beschlossen, viele dieser auf Ratings basierenden Vorschriften abzuschaffen. Die EU sollte dem Beispiel der SEC folgen."

Abschied von einer französischen Institution

"Die 35-Stunden-Woche war einmal. Begraben, oder fast begraben, von der Nationalversammlung", kommentiert der Nouvel Observateur die historische Zäsur im französischen Arbeitsrecht. 35 Stunden seien nach dem neuen Gesetz legale Arbeitszeit, darüber hinaus könnten Unternehmen die Arbeitszeit mit ihren Arbeitnehmern aushandeln - in Form von Überstunden. Abgesehen von der Tatsache, dass viele Unternehmen die neue Möglichkeit nicht in Anspruch nehmen werden - Verhandlungen mit jedem Mitarbeiter seien zu aufwändig - und auch viele Franzosen in wiederholten Umfragen bestätigt hätten, dass sie die Ausbezahlung von Überstunden gar nicht wünschten, sei an dem Beschluss selbst nichts auszusetzen: "Schließlich wurde Nicolas Sarkozy dafür gewählt." Kritisiert werden müsse jedoch die Vorgehensweise des Präsidenten und seiner Regierung: Die beiden großen Gewerkschaften CGT und CFDT hätten sich bereit erklärt, Überstunden auf Unternehmerebene zu erleichtern. Was aber nun herausgekommen sei - maximal 220 Überstunden pro Monat - sei ein Freibrief für Arbeitgeber. "Die Gewerkschaften wurden gedemütigt."

Telefónica nimmt sich Apple zum Vorbild

Telefónica hat in der Gran Via 28 in Madrid seinen ersten Erlebnisladen eröffnet. Für die Wirtschaftszeitung Cinco Días handelt es sich dabei um weit mehr als um einen weiteren Verkaufsladen, so groß dieser auch sei. Erfahrungswerten und dem Stil von Apple oder Nike in New York folgend, beabsichtige Telefónica, sowohl das größte dem Publikum geöffnete Technologiezentrum Europas zu präsentieren als auch Konsumenten die neuesten Produkte und Entwicklungen im Bereich Kommunikation näher zu bringen. "Die Tatsache, dass das neue Erlebnis-Center 12 Stunden täglich und an 365 Tagen im Jahr geöffnet sein wird, zeigt den hohen Einsatz des Unternehmens und kommt einem großen Modernitätssprung gleich", freut sich Cinco Días. Doch damit nicht genug: Durch das ehrgeizige Projekt schaffe es Telefónica, Tradition und neue Technologien zu verbinden.

Kolumbiens Ölriese geht an die Börse

Die Aktie des größten Ölunternehmens Kolumbiens Ecopetrol - zugleich das größte Unternehmen des Landes - hat allein in diesem Jahr um 40 Prozent zugelegt. Und sie werde weiter steigen, prognostiziert die kolumbianische Zeitung Dinero. Noch in diesem Jahr werde die Aktie an der New Yorker Börse gelistet werden, um das Unternehmen für internationale Investoren zu öffnen. Von den steigenden Kursen würden viele Kolumbianer profitieren. Denn zu Beginn des Jahres sei das Staatsunternehmen privatisiert worden und 62 Prozent der Aktien gehörten kolumbianischen Privatpersonen. Der Rest gehöre einem Pensionsfond. Aber es gebe auch Risiken: Ecopetrol könne kaum ins Ausland expandieren, da Anteile an Ölunternehmen so teuer geworden seien. Außerdem habe das Unternehmen keine Erfahrung mit der Ölförderung in der Tiefsee.

Fundstück: Stoppt Jean-Claude Trichet!

Marc Touati, Kolumnist beim französischen Wirtschaftsblatt Economie matin, mag Jean-Claude Trichet nicht: Die Anhebung des Leitzinssatzes durch den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) sei Selbstmord für die französische Wirtschaft und ein Hemmnis für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone. Und weil Touati von der Richtigkeit seiner Einschätzung überzeugt sei, habe er eine Kampagne gestartet, auf der eigens dafür eingerichteten Webseite www.stoptrichet.com. Trichet-Kritiker seien eingeladen, die Petition zu unterzeichnen - auch jetzt, wo die EZB die Anpassung bereits vorgenommen habe. Wie viele Unterschriften es braucht, um Trichet zur Aufgabe zu bringen, darüber schweigt sich Touati aus. Bislang haben rund 11500 EU-Bürger unterzeichnet - von insgesamt 490 Millionen.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von www.ecolot.de.

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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