0 Bewertungen
26.03.2008 
Presseschau vom 26.3.2008

Der Weltuntergang fällt aus

von Peggy Pfaff

Die internationale Wirtschaftspresse nutzt die momentane Erholung der Aktienmärkte, um der Finanzkrise positive Seiten abzugewinnen. Die australische Herald Sun attestiert Alan Greenspan Altersschwäche, El Economista aus Spanien ärgert sich über seine dieselverliebten Landsleute. Fundstück: Buchhalter haben Glamour.

Die » Financial Times Deutschland atmet erleichtert auf: „Der Weltuntergang des Finanzsystems wird nicht stattfinden – so viel ist nach den jüngsten Signalen aus den Zentralbanken in Washington und London klar.“ Die Aussicht, dass Staat und Notenbanken alle Register ziehen, um Finanzinvestoren und Unternehmen das Überleben zu sichern, habe viele Nerven erheblich beruhigt. Im Gegenteil: Wer nicht mehr zu bangen brauche, könne sogar darüber nachdenken, ob nicht nach der allgemeinen Panik in der Finanzwelt ein paar Schnäppchen zu haben sind. „Mittlerweile glauben viele, dass etwa JP Morgan Chase bei der Knall-auf-Fall-Rettung der Investmentbank Bear Stearns ein solches Schnäppchen gemacht hat. Immerhin hat JP Morgan den Kaufpreis nachträglich bereits vervierfacht und wird immer noch für einen genialen Deal gefeiert.“

Optimistisch gibt sich auch Bob Lutz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei General Motors, in einem Beitrag für » Newsweek: „Die Zinssenkung durch die Fed hat am Aktienmarkt eine deutliche Wende gebracht, und nun hat sogar JP Morgan sein Angebot für Bear Stearns erhöht.“ Zwei sei die Lage noch immer „delikat“, doch die Vermutung, dass sich die US-Wirtschaft in der zweiten Hälfte des Jahres erholen könne, sei nicht abwegig: „Ich glaube nicht, das wir uns in einer Rezession befinden.“ Auch die Hypothekenschmelze werde im Verlauf der zweiten Jahreshälfte vom System absorbiert werden, bereits jetzt würden wieder Häuser verkauft, wenn auch noch zu sehr geringen Preisen.

In einem Interview mit dem » Barron’s Magazin verortet Carl B. Weinberg, US-Chef-Ökonom der Forschungs- und Beratungsagentur High Frequency Economics, die derzeitige Krise im normalen, zyklischen Auf und Ab der Wirtschaft. Zwar hätten außerzyklische Vorkommnisse wie der Zusammenbruch des Hypothekenmarktes den Abwärtstrend verschärft. „Dieser Trend wird sich deshalb über einen längeren Zeitraum als üblich erstrecken.“ Doch der Immobilienmarkt werde sich erholen – und möglicherweise nachhaltig zur Erholung der US-Wirtschaft ab 2009 beitragen. „Das zeichnet sich jetzt noch nicht ab, aber in einem Viertel- oder halben Jahr könnten die wirtschaftlichen Voraussetzungen schon wieder viel positiver aussehen als jetzt.“

» Le Figaro begreift die Finanz- und Wirtschaftskrise als Chance für Frankreich: „Man könnte von ihr profitieren, indem man gerade jetzt Reformen durchsetzt, die unser Land dringend braucht.“ Das Blatt meint damit nicht nur Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen oder das Arbeitsgesetz betreffen, sondern Reformen, wie sie Michel Pébereau in seiner „Revue générale des politiques publiques“ oder Jacques Attali in seinem Bericht für die französische Regierung skizziert hätten. „Lenin hat einst gefragt ‚Was tun?‘, doch heute muss es heißen ‚Warum warten, warum nachlassen?‘ “ Frankreich müsse seinen „Reformrhythmus“ erhöhen und Neuerungen umsetzen, bei denen Vorteile und Gewinne für alle herauskommen – „auch wenn das, wie von Pébereau errechnet, 30 Prozent des nationalen Reichtums kosten sollte.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Haben JP Morgan-Anwälte den Bear-Deal vermasselt?

Eine Form von prominenter Altersschwäche

Die » Herald Sun aus Melbourne spricht Alan Greenspan das Recht ab, sich zu den Ursachen der aktuellen Krise auszulassen. Denn er habe diese durch seine jahrelange Niedrigzinspolitik als US-Notenbankchef „möglicherweise aufgrund einer besonderen Form von prominenter Altersschwäche“ befördert: „Die Zinsen standen zu lange auf einem zu niedrigen Niveau.“ Als die Zinsen dann endlich wieder anzogen, sei dies explosionsartig geschehen – was in einer außergewöhnlichen Belastung für die Darlehensnehmer resultiert habe. Was nicht habe passieren dürfen, sei passiert – „dank der Kombination aus Unfähigkeit und nonchalantem Unverständnis auf seiten der Fed und Gier und Dummheit auf seiten der Wall Street.“

JP Morgan hatte nichts zu verlieren

Das Finanzportal » Motley Fool kommentiert das neue Angebot von JP Morgan Chase für Bear Stearns: Statt zwei sollen nun zehn Dollar pro Aktie fließen. Doch allein die Tatsache sollte nicht dazu verleiten zu glauben, alle Risiken, die dem Bankensystem innewohnen, seien nun ausgeräumt. „JP Morgan hat sein ursprüngliches Angebot nach oben angepasst, weil die Firmenanwälte den Deal vermasselt haben“, glaubt Motley Fool. Die Bear-Aktionäre hätten mit Revolte gedroht, zudem habe die Fed die Finanzspritze von 30 Milliarden Dollar bereits fest zugesagt. „JP Morgan hatte nichts zu verlieren – und konnte deshalb eine weitere Milliarde Dollar riskieren.“ Bei Misslingen stehe der Steuerzahler ja bereit, um die Rechnung zu übernehmen.

Irakkrieg schwächt US-Wirtschaft

Die » Financial Post aus Kanada sieht im Irakkrieg einen Hauptgrund für die US-Wirtschaftskrise. Laut Umfragen machten mittlerweile 70 Prozent der Amerikaner den Einsatz im Irak für die schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich. „Der Krieg sollte 50 Millarden Dollar kosten, diese Summe verschlingt er nun alle drei Monate.“ Im Gegensatz zu Vietnam kurbele der Irakkrieg auch nicht die Wirtschaft an, weil ihn das Land über ausländische Kredite finanziere. „Milliarden von Dollar fließen an ausländische Kreditgeber – und werden noch für Jahrzehnte fließen, falls auch künftig kriegstreiberische Republikaner gewählt werden“, prophezeit das Blatt. Doch selbst wenn im Herbst ein Demokrat Präsident werde und die amerikanischen Truppen zurückhole, sei der Irakeinsatz mit geschätzten 875 Milliarden Dollar bereits jetzt kostspieliger als der Vietnamkrieg. Dieser hatte mit 670 Milliarden Dollar zu Buche geschlagen.

Übersteigerte Gewinnanreize

Die » Business Times aus Singapur sieht die Ursachen der gegenwärtigen Kreditkrise in übersteigerten Gewinnanreizen, denn „alles läuft letztlich darauf hinaus, was für Profite locken.“ Wenn der Finanzmarkt boome, profitiere die Dienstleistungsbranche unverhältnismäßig, weil die Finanzindustrie so strukturiert sei, dass sie kurzfristige Gewinne honoriere. Das erkläre das Geschäftsgebaren der Finanzprofis: Erst würden große Summen investiert, bei Erfolg gingen die „wildesten Träume“ in Erfüllung, bei Misserfolg würden „Investoren, Steuerzahler oder die Zentralbank zur Rettung eilen“. Die Konsequenz seien lediglich einige arbeitslose Banker. Auch die Lohntüten der Führungskräfte der Finanzindustrie gehörten auf den Prüfstand, fordert das Blatt. Ein Geschäftsführer sollte nur dann reich entlohnt werden, wenn er überragende Leistungen bringe und künftige Gewinne nicht durch die kurzfristigen Profite gefährde.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Fundstück: Buchhalter sind schon lange filmreif.

Verliebt in Diesel

Die Spanier sind nach wie vor verliebt in ihre Dieselautos, lamentiert der Blog „Zwischen München und Detroit“ der spanischen Zeitschrift » El Economista. Zwar gebe es mittlerweile auch Benziner mit Turbomotor und Direkteinspritzung, die fast so wenig wie ein Diesel verbrauchten. Und Super Bleifrei mit einer Oktanzahl 95 sei sogar billiger als Diesel. Doch all diese Vorteile hätten die Dieselliebhaber unter den Spaniern bisher nicht vom Benziner überzeugen können. Wahrscheinlich seien die meisten einfach noch nicht über die neuesten Entwicklungen bei den Benzinern informiert, mutmaßt der Autor. Diese seien schließlich auch erst seit kurzem auf dem Markt.

Fundstück: Accountant – the Movie

Und sie haben doch Glamour – die Buchhalter. Genug zumindest, um in zahlreichen Filmen aufzutauchen. In wie vielen genau, hat das britische Portal » Accountingweb versucht herauszufinden. In mindestens 26 Filmen seit 1971 tauche die Berufssparte auf der Leinwand auf, so etwa in „The Untouchables“, „Hannah und ihre Schwestern“ oder „Lethal Weapon II“ – und natürlich in „The Accountant“ aus dem Jahre 2001. Dabei hätten um ihr Image besorgte Vertreter der Branche auch schon mal nachgeholfen. So sei aufmerksamen Cineasten aufgefallen, dass Dustin Hoffman in „Wag the Dog“ eine KPMG-Tasse an Robert de Niro weiterreiche. Das Unternehmen habe 1997 einen Vertrag abgeschlossen, um in sechs Produktionen aufzutauchen, so das Portal.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Charlotte Bartels, Kerstin Herrn, Anne Huschka, Jennifer Willms.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor