0 Bewertungen
15.05.2008 
Presseschau von 15.5.2008

„Eins plus eins gleich die Hälfte“

von Daniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse analysiert die Krise und die Übernahme-Szenarien beim deutschen Halbleiter-Konzern Infineon. Zeit und Independent kritisieren die deutsche und britische Steuersenkungszeit. FAZ und FTD zweifeln an Horst Köhlers Bestien-Rhetorik. Das Wall Street Journal stellt sich gegen das Finanzkrisen-Lamento. Fundstück: Rettet die Liberalen!

Die » Süddeutsche Zeitung blättert das neueste Kapitel in der von Streit, Zerfall und Missgunst geprägten Geschichte von Infineon auf: Dem verlustreichen Unternehmen machten neben fallenden Chippreisen auf dem Weltmarkt jetzt auch massive Querelen in der Infineon-Führung zu Schaffen: Aufsichtsräte wollten Infineon-Vorstandschef Wolfgang Ziebart ablösen. „Tatsächlich steht das Unternehmen heute wirtschaftlich nicht besser da als zu Beginn seiner Amtszeit vor dreieinhalb Jahren. Für einen Neuanfang muss der personelle Einschnitt weiter gehen“, fordert die SZ. Zu Recht wollten die Kontrolleure also auch die Rolle von Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley unter die Lupe nehmen, der im Februar eine öffentliche Diskussion über die Ablösung von Ziebart zugelassen und damit eine Demontage des eigenen Führungspersonals ermöglicht habe.

» ElectronicsWeekly.com spricht sich gegen die in der Wirtschaftspresse diskutierte mögliche Fusion von Infineon mit der früheren Halbleitersparte von Philips aus (die inzwischen vom Finanzinvestor KKR kontrolliert wird und unter dem Namen NXP firmiert). „Diese Geschichte hält sich, obwohl es keine Bestätigung gibt, dass es überhaupt Gespräche gab, und trotz der Tatsache, dass die meisten Experten versichern, dass eine Allianz von Europas größten Chip-Herstellern kaum einen Vorteil bringe“, schreibt das Fachblatt. Und zitiert Malcolm Penn, CEO der Marktforschungs- und Analystengruppe Future Horizons: „Zusammenschlüsse funktionieren nur, wenn es für beide Firmen eine Triebfeder gibt. In diesem Fall gäbe es jedoch nur überlappende Produktlinien, Unternehmenskämpfe und ein klassisches Fusions-Disaster nach dem Motto ,Eins plus eins gleich die Hälfte'“.

Während das » Handelsblatt über eine mögliche Allianz von Infineon mit dem russischen Konzern Sistema berichtet, blickt » EE Times Europe auf eine mögliche Übernahme von Infineon durch Samsung und Intel. Die sei indes wenig wahrscheinlich. Zwar suche der „Geist“ der Konsolidierung die europäische Halbleiter-Industrie auf. Da Samsung und Intel jedoch keine gemeinsamen strategischen Ziele verfolgten, sei eine gemeinsame Übernahme von Infineon wohl nur ein Gerücht. Außerdem sprächen die unterschiedlichen Unternehmenskulturen gegen eine Allianz: auf der einen Seite eine europäisch geprägte Firma, auf der anderen Seite Unternehmen mit dem Ruf einer paternalistisch geprägten Management-Kultur. Eine feindliche Übernahme sei zwar wegen des 100-Prozent-Streubesitzes denkbar – der Preis vermutlich aber zu hoch.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kritik an deutscher und britischer Steuersenkungszeit.

Deutsche und britische Steuersenkungszeit

Die » Zeit kritisiert die „Steuersenkungszeit in Berlin“ – die CSU wolle die Pendler entlasten, die SPD mehr Geld für die Armen und die FDP die Ökoabgabe abschaffen. Dem Argument der Steuersenker, dass sich der Staat zuletzt bereichert habe wie nie zuvor, stellen die Hamburger entgegen, dass der Staat an anderer Stelle kräftig entlastet habe. „Rot-Grün reduzierte die Steuertarife in einem Tempo, das Margaret Thatcher alle Ehre gemacht hätte.“ Mit einer Steuer- und Abgabenquote von 43,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liege Deutschland unter dem EU-Durchschnitt. „Ist das die große Abzocke? Der fette Staat, der auf Kosten seiner Bürger in Saus und Braus lebt? Kaum. Wenn die Regierung allerdings zur Gegenfinanzierung von Steuererleichterungen Ausgaben kürzen müsste, dann ginge es ans Eingemachte – an Straßen, Universitäten, Kindergärten“, warnt die Zeit.

Der britische » Independent meldet Zweifel an den am Dienstag und Mittwoch annoncierten Gesetzesinitiativen der britische Regierung an. Hintergrund: Schatzkanzler Alistair Darling will unter anderem den Steuerfreibetrag pauschal erhöhen und damit 22 Millionen Steuerzahler entlasten. Die Steuergeschenke in Höhe von 2,7 Milliarden Pfund würden sicherlich einen konjunkturbelebenden Effekt haben und – da besonders die Geringverdiener entlastet würden – die Labour-Anhänger entzücken. Andererseits verteile der Schatzkanzler Geld, über das er gar nicht verfüge. „Vielleicht ist er der Ansicht, dass die öffentlichen Finanzen schon ruiniert sind, sodass man sich jetzt keine zusätzlichen Sorgen machen müsse“, vermutet die linksliberal gerichtete Zeitung. Fazit: Die Regierung habe ihren guten Ruf eines klugen Managements der öffentlichen Finanzen der „politischen Zweckmäßigkeit“ geopfert.

Kritik an Horst Köhlers Bestien-Rhetorik

Die » FAZ kritisiert den „populismusheischenden, aber auch die Zusammenhänge arg verkürzenden Begriff“ des „Monsters“, den Bundespräsident Horst Köhler für das Weltfinanzsystem benutzt habe. „Die Finanzmarktkrise der vergangenen Monate ist ein hoch komplexes Phänomen, das noch einer genauen Analyse bedarf und von dem man heute nur weiß, dass simple Erklärungen wie ,Die Fed ist an allem schuld' oder ,Die Gier der Banker ist an allem schuld' untauglich sind.“ An der Tatsache, dass, solange die Ursachenforschung laufe, alle Diskussionen über eventuell notwendige Regulierungen Stückwerk blieben, änderten markige Worte nichts, meint die FAZ.

Schärfer kommentiert die » Financial Times Deutschland Köhlers Bestien-Rhetorik. Anders als bei Müntefering – „dem Industriekaufmann, Sozialdemokraten und IG-Metall-Mitglied“ – klinge die Polemik bei Köhler nicht nur unglaubwürdig, sondern geradezu absurd. Als ehemals oberster Lobbyist der deutschen Sparkassen und Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds sei Köhler alles andere als durch ausgeprägte Marktskepsis aufgefallen. Motiv für Köhlers Schwenk sei der Versuch, neue Freunde in der SPD zu gewinnen, auf deren Stimmen in der Bundesversammlung er für eine zweite Amtszeit angewiesen sei – was ein Zeichen der Schwäche von Köhler sei.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Generika-Unternehmen in der Bredouille.

Generika-Unternehmen in der Bredouille

» Le Monde aus Frankreich analysiert die diffizile Situation französischer Generika-Unternehmen. Grundsätzlich sei es für die Firmen schwierig, auf dem Markt Marken zu etablieren, auf dem sie keinen direkten Kontakt mit dem Patienten hätten – der Apotheker schlage dem Kunden vor, ein Generikum statt eines Originalproduktes zu kaufen, und wähle in einem zweiten Schritt eines von 15 Präparaten aus. Vor diesem Hintergrund hätten die Generika-Hersteller viele Jahre versucht, mit hohen Rabatten von bis zu 45 Prozent des Verkaufspreises die Apotheker zu ködern. Dann habe die Regierung die Rabatt-Obergrenzen erst auf 20 und dann auf 15 Prozent gesenkt, um schließlich das im Einzelhandel gängige System der Nachmargen („marges arrières“) – von Produzenten und Lieferanten jährlich ausgeschüttete Rückvergütungen an die Händler – komplett zu untersagen. Generika-Unternehmen verstärkten jetzt das Marketing. Biogaran habe sogar eine DVD für Kinder produziert, die an Schulen und in Apotheken verteilt werde, um die Nachahmerprodukte populärer zu machen.

Schluss mit der US-Trauerstimmung

Das » Wall Street Journal stellt sich gegen das Finanzkrisen-Lamento der internationalen Wirtschaftspresse. „Der gegenwärtige finanzielle Morast ist tief und schmerzhaft, keine Frage. Aber es gibt etwas Verblüffendes und Verstörendes an der Trauerstimmung, die die Wall Street und das gesamte Land erfasst hat“, schreibt die Wirtschaftszeitung. Angesichts der Arbeitslosenquote von fünf Prozent, einer Inflationsrate von vier Prozent sowie dem Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent gebe es zwar aktuell kaum etwas zu feiern. Andererseits sei die Statistik weit von den Wirtschaftskrisen im 20. Jahrhundert entfernt. Zwischen 1929 und 1932 sei der Dow Jones-Index um 89 Prozent von 380,33 auf 41,22 Punkte gesunken – dagegen sei ein aktueller 20-Prozent-Verlust bei den Hauptindices kaum der Rede wert. „Die Alternative zu schmutzverkrusteten Gläsern ist nicht eine rosarote Brille, aber eine größere Gelassenheit gegenüber unseren Schwächen und Stärken würde schon viel helfen.“

Die Gewinner des Irak-Kriegs

Die spanische Zeitung » La Vanguardia hat mit dem amerikanischen Journalisten Jeremy Scahill gesprochen, der gerade ein Buch über die Sicherheitsfirma Blackwater veröffentlicht hat. Blackwater bietet den USA Dienstleistungen in Konfliktzonen an, sei es in Bagdad nach dem Irak-Krieg oder in New Orleans nach dem Wirbelsturm Katrina. Die zunehmende Privatisierung der Kriege habe zu einem Boom privater Sicherheitsdienste geführt und den großen Firmen eine gewaltige Macht beschert, meint Scahill. Mit einem eigenen CIA habe sich Blackwater innerhalb von zehn Jahren zu einem der zentralen Akteure der amerikanischen Kriegsmaschinerie entwickelt und längst Aufgaben übernommen, die früher in den Händen der Regierung gelegen hätten. Sicherheitsfirmen wie Blackwater, KBR, Dyncorp oder Halliburton seien die Gewinner des Irak-Krieges, die irakische Bevölkerung und die USA die Verlierer.

Fundstück: Rettet die Liberalen!

In der » Welt glossiert Hans Zippert den Masterplan der Nabu zur Erhaltung der biologischen Vielfalt – besonders besorgt seinen die Naturschützer, da es von einigen seltenen Arten, wie dem tollpatschigen Westerwelle, dem umtriebigen Wowereit oder dem majestätischen Olevonbeust, wahrscheinlich nur noch jeweils ein Männchen gebe; außerdem sei die gesamte Gattung der Liberalen akut vom Aussterben bedroht. „Immer häufiger fallen wehrlose Liberale Stimmenräubern wie den gut getarnten Linken zum Opfer, die als Kulturfolger verstärkt aus dem Osten in den Lebensraum der Liberalen eindringen. Durch das Aufbauen von unüberwindlichen Fünfprozenthürden in den Städten, aber auch auf dem flachen Land sei es den früher so zahlreichen Liberalen unmöglich, ausreichend Nahrung aufzunehmen.“ Empfehlung der Nabu: „Wer im Herbst einen entkräfteten Liberalen im Garten finde, solle den putzigen Gesellen wiegen und gegebenenfalls hochpäppeln. Ein Liberaler müsse sich ordentlich Speck für den parlamentarischen Winterschlaf anfressen.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Charlotte Bartels.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Herr Schmidt, der Durchschnittsdeutsche

    Herr Schmidt, der Durchschnittsdeutsche

    Er heiratet im Alter von 32,6 Jahren, nennt seine Tochter Marie, fährt täglich ins Büro und macht am liebsten in Bayern Urlaub. Das aktuelle Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes gibt tiefe Einblicke in das Leben von Otto Normalverbraucher. Bildergalerie 

  • Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen b...

    Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen bei Olympia

    Zwei Wochen lang präsentierten sich Athleten und Funktionäre bei den Olympischen Spielen in Peking der Welt. Welche Figur die Olympioniken in Peking machten – und wem das Gold für die außergewöhnlichste Performance gebührt.Bildergalerie 

  • Baggern für Gold

    Baggern für Gold

    Mit ihrem 108. Sieg in Serie haben Kerri Walsh und Misty May-Treanor beim olympischen Beachvolleyball-Turnier in Peking ihren Gold-Coup von Athen 2004 wiederholt. Impressionen vom Finale. Bildergalerie 

vor