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25.01.2008 
Presseschau von 25.1.2008

Im Second Life der Finanzwelt

von Daniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse verfolgt den Milliarden-Betrugsfall bei der Société Générale. Deutsche Zeitungen glauben, dass die eigentliche Bewährungsprobe von Siemens-Chef Peter Löscher noch bevorsteht. Der Economist begrüßt das Weltraum-Engagement von Virgin. Asahi Shimbun will die japanische Benzinsteuer umleiten. Fundstück: Krieg der Hobel.

Von ungläubigem Staunen bis zu scharfen Vorwürfen reichen die Reaktionen französischer Zeitungen auf den Betrugsfall bei der Société Générale, wo ein Angestellter durch riskante Spekulationen einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro verursacht hat. „Zusammen mit abermaligen Abschreibungen, muss die Société Générale jetzt Abschreibungen im Gesamtwert von sieben Milliarden Euro vornehmen – das ist eine absolute Katastrophe“, schreibt » La Tribune. Immerhin, so das Blatt weiter, hat die Banque de France eine Untersuchung eingeleitet und schon jetzt erklärt, dass die Société Générale ein gesundes Unternehmen sei.

» La Libération betreibt im Gespräch mit Insidern Ursachenforschung. Einer sieht in dem Handeln des unauffindbaren Angestellten einen böswilligen Akt: „Für ihn war das Aktiengeschäft wohl ein virtuelles Computerspiel, ein ‚Second Life der Finanzwelt'“. Ein anderer Bankenexperte meint, dass sich keine Bank mit noch so guten Kontrollen vor derartigen Vorfällen schützen könne: „Durchgeknallte Aktienhändler hat es immer wieder gegeben.“

Ganz unschuldig ist die Société Générale nach Meinung von » Le Figaro nicht. „Die französischen Banken haben sich bislang kaum um Transparenz bemüht, aus Sorge vor Sanktionen der Börse. Doch gerade in der derzeit angespannten Lage ist Transparenz erforderlich, damit sich der Finanzmarkt erholen kann.“

Das » Algemeen Dagblad aus den Niederlanden schreibt: „Einen Milliardenbetrug durch eigene Mitarbeiter kann man nie verhindern.“ Auch die Banken in den Niederlanden kämpften hart gegen internen Betrug, „aber keine einzige Maßnahme ist wasserdicht“ – davon gehe auch die Niederländische Zentralbank aus. Allen bisherigen Betrugsskandalen setze der vermutlich verantwortliche Aktienhändler Jerome Kerviel jedoch die Krone auf. Dass dieser Skandal jedoch ausgerechnet 2008 auffliege, sei bemerkenswert, schließlich sei in den vergangenen Jahren stärker auf Betrugsprävention gesetzt worden.

Die Londoner » Times sieht Parallelen zum Betrugsfall des ehemaligen Derivatehändlers Nicholas Leeson, der durch riskante Spekulationen den Zusammenbruch der britischen Investmentbank Barings Bank verursachte. Beide Händler hätten Wetten auf die Bewegung der Aktienmärkte abgeschlossen und außerdem einen Rückhalt im so genannten „Middle Office“ der Bank, der Organisationseinheit zur Risikobewertung von Finanz- und Investitionsprojekten, gehabt. Nach dem Barings-Skandal hätten die Banken zwar an ihren Sicherheitsmechanismen gearbeitet. „Das ist aber zwölf Jahre her, und das Gedächtnis auf dem Finanzmarkt ist kurzzeitig. Nach SocGen muss die gleiche Lektion erneut gelernt werden.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bewährungsprobe von Peter Löscher kommt noch.

Bewährungsprobe von Siemens-Chef steht noch aus

Nach dem Auftritt des neuen Siemens-Chefs Peter Löscher bei der Hauptversammlung des Konzerns glauben die deutschen Zeitungen, dass Löschers größte Herausforderung noch bevorsteht. „Gemessen an der Tiefe des Schmiergeldsumpfs, in dem Siemens noch immer steckt, haben Vorstand und Aufsichtsrat des Traditionskonzerns eine ruhige Hauptversammlung erlebt“, findet die » Financial Times Deutschland. Ein wichtiger Fortschritt und eine „Beruhigungspille für die Aktionäre“ sei die gestern bekannt gegebene Bereitschaft der US-Börsenaufsicht SEC, einen Dialog mit dem Siemens-Management zu beginnen statt die Strafe für den Konzern einseitig festzusetzen. „Eines jedoch kann auch die beste Beruhigungspille nicht verhindern: Die Verhandlungen mit der SEC werden monatelang dauern – und mit einer hohen Strafe enden“, gibt die FTD zu bedenken.

Auch die FAZ sieht in der Dialogbereitschaft der SEC ein gutes Zeichen. Löscher und Aufsichtsratschef Gerhard Cromme könnten sie „als Erfolg ihrer Anstrengungen werten. Offenbar haben die gefürchteten Börsenaufseher den Eindruck gewonnen, dass Siemens mit aller Kraft an der Aufklärung der Korruptionsaffäre arbeitet. Auch dank der guten Quartalszahlen hatten Löscher und Cromme einen leichten Stand vor den Aktionären. Ihre Auftritte bei der SEC werden anstrengender.“

„Bei Siemens herrscht ein neuer Ton. Mit Vorstandschef Peter Löscher, der seit sieben Monaten amtiert, ist eine zuvor unbekannte Bescheidenheit in den größten deutschen Technologiekonzern eingekehrt“, meint die Süddeutsche Zeitung. „Löscher hat sich offenbar schon darauf eingestellt, dass die Geschäfte für Siemens schwieriger werden und er mit hoher Wahrscheinlichkeit bald schlechtere Zahlen abliefern wird, als die Bankanalysten bisher noch erwarten. Dann wird es nicht lange dauern, bis sich interne Kritiker zu Wort melden, die an den Fähigkeiten des Peter Löscher herumnörgeln, der von den Aktionären bisher noch als der Retter in großer Not angesehen wird.“

Meg Whitman: Gescheiterte Japan-Expansion größter Fehler

» Techcrunch unterhält sich mit der scheidenden Ebay-Chefin Meg Whitman. Die internationale Expansion sowie die Übernahme von PayPal seien die entscheidenden Schritte des Portals gewesen, blickt Whitman zurück. Als ihren größten Fehler erkennt Whitman die Tatsache, dass sie es nicht geschafft habe, eine Seite in Japan zu eröffnen. Mit Blick in die Zukunft verweist Whitman auf das Community-Portal Facebook, wo erstaunlich wenig Geschäfte gemacht würden – in Zukunft komme es darauf an, die Nutzer von Community-Seiten zum E-Commerce zu animieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Virgin muss Weltraumprojekt ausweiten.

Virgin muss Weltraumprojekt ausweiten

Der » Economist begrüßt das Weltraum-Engagement von Virgin. Der Plan, Touristen 110 Kilometer in den Weltraum zu fliegen, könne „sowohl ein kleiner Schritt als auch ein großer Satz“ werden: klein, weil Virgin die Weltraumtouristen nur in den Suborbit und nicht höher hinaus bringen wolle, groß, weil kein einziger Privatinvestor jemals solch ein Projekt gemeistert habe. Um den Erfolg jedoch fortzusetzen, müsse Virgin die Kosten des Projekts senken und neue Märkte und zusätzliche Ziele erschließen. So seien sowohl Reisen zum Mond als auch Trips vom einen zum anderen Ende der Erde innerhalb von 90 Minuten denkbar, um Geschäftsleute und hochwertige Güter zu transportieren.

Japan soll Benzinsteuer effektiver nutzen

Die » Asahi Shimbun aus Japan plädiert für eine effektivere Nutzung der dort erhobenen Benzinsteuer. Hintergrund: Der aktuelle Preisaufschlag läuft per Gesetz Ende März 2008 aus, nun streitet die japanische Regierung darüber, ob die Benzinsteuer beibehalten oder abgeschafft werden soll. Das japanische Blatt spricht sich gegen beide Lösungen aus. Denn bisher fließe der Erlös aus der Benzinsteuer ausschließlich in den Ausbau des Straßennetzes. „Es ist nötig, dass die Einkünfte aus der Bezinsteuer und einigen anderen verkehrsbezogenen Abgaben in einen Topf fließen, der für Gesundheit und (...) Bildung genutzt werden kann“, mahnt das Blatt. Japan sei schon jetzt unter den Industriestaaten das Land mit der schlechtesten Finanzlage. Werde die Benzinsteuer dagegen ganz abgeschafft, müssten andere Abgaben erhoben werden, um die Finanzlöcher zu stopfen – von Entlastung des Steuerzahlers könne dann auch keine Rede mehr sein.

Fundstück: Krieg der Hobel

Die » Financial Times Deutschland bejubelt den Auftritt von „Peppi“ beim Online-Shoppingkanal Mediashop.tv: „Ein Mann, der ausspricht, was alle verschweigen: jenseits glatter Börsenparkettböden und Business-Lounges herrscht Kampfgeschrei.“ Längst sei der Krieg der Hobel ausgebrochen – skrupellose Importeure überschwemmten unseren Markt mit Billighobeln, „ohne Form und Rückgrat, die schon beim Aufeinandertreffen mit der kleinsten kochfesten Linda-Kartoffel verbiegen. Nur einer hält dagegen. Der Peppi mit seinem Pro-V-Edelstahlhobel.“ Kubikmeterweise führe der Peppi im „gefühlt vier Stunden langen Infomercial“ die Billighobel ihrer gerechten Strafe zu: „Zermalmungstod durch Bulldozer. Da sollte sich mancher Wirtschaftsminister auf Chinareise eine Scheibe von abreiben.“ Die Shoppingkanal-Männer schützten sogar unsere Wirtschaft und die Umwelt. „Nach dem Peppi zeigt Mr Sullivan die Wunderwaffe Go Duster – ein genialer Abstauber, der die Eigenschaften des gemeinen Wedels mit denen von Vibratoren vereint. Endlich, will man rufen. Denn Dreck lauert überall.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

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