0 Bewertungen
02.10.2008 
Internationale Presseschau vom 2.10.2008

Kein sicherer Hafen, nirgendwo

von Daniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert über den EU-Notfonds zur Eindämmung der Finanzkrise, den Frankeichs Finanzministerin im Interview mit dem Handelsblatt vorgeschlagen hat. Globe and Mail aus Kanada sieht die Supermacht USA am Ende. Die Novye Izvestia untersucht die Krise der russischen Tourismusbranche. Fundstück: Ich bleib' dann mal zu Hause.

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.Lupe

Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.

Der Standard aus Wien kommentiert die mögliche Schaffung eines EU-Notfonds zur Eindämmung der Finanzkrise, den Frankeichs Finanzministerin Christine Lagarde im Interview mit dem Handelsblatt vorgeschlagen hat. "So sinnvoll die Rettungsfonds dies- und jenseits des Atlantiks auch sind, leisten sie dauerhaft nur gute Dienste, wenn sie auch eine tiefergehende Systemkritik auslösen", mahnt das Wiener Blatt. Daraus müsse sich die Notwendigkeit einer viel strengeren Regulierung im Finanzbereich ergeben. "Die Eigenkapitalbasis der Banken sollte deutlich verbreitert werden", schlägt der Standard außerdem vor. Institute, die mit öffentlichem Geld gerettet wurden, sollten dieses auch zurückzahlen, wenn sie später wieder Geld verdienen. "Ohne Rückzahlungsverpflichtung wären die Rettungsfonds eine Versicherungspolizze für die großen Institute und deren Aktionäre: Gehen die Spekulationen auf, steigen die Dividenden. Lagen die Fondsmanager falsch, hilft der Staat." Doch den Anreiz der "Verstaatlichung der Verluste bei weiterer Privatisierung der Gewinne" dürften die Rettungsfonds der EU und der USA nicht bieten.

Der Online-Wirtschaftsdienst istockanalyst.com befürwortet einen EU-Rettungsfonds und begründet dies mit der "systemischen Krise" auf dem europäischen Finanzmarkt, angesichts derer die Zentralbanken kein anderes Ziel haben dürften, als den Sektor zu stabilisieren. "Es ist zweifelhaft, ob irgendjemand einen schmerzfreien Weg aus dem Chaos findet, das den alten Kontinent erreicht hat." Die Zentralbanken versuchten mit allen Mitteln, die Insolvenzen von Banken zu verhindern, weil diese einen Dominoeffekt auszulösen drohten, der sich in einen "Eurozonen-Tsunami" verwandeln könnte. Eine Insolvenzwelle bedrohe Spanien, Portugal, Griechenland und Italien in den kommenden Wochen, während Banken in Osteuropa wegen der rasch steigenden Inflation bei niedrigen Wachstumsraten ums Überleben kämpften. Fazit: "Die Suche nach einem sicheren Hafen ist sinnlos. Die Bankenkrise, die schon in Großbritannien und Belgien wütet, weitet sich wie eine hochansteckende Krankheit aus."

Der Economist hinterfragt die "europäische Schadenfreude" über die Missstände des US-amerikanischen Kapitalismus. Sowohl Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück als sein italienischer Kollege Giulio Tremonti seien sich in ihrer Kritik an der laissez-faire-Ideologie in den USA einig. Die gängige Haltung in Europa sei: "Wir wussten schon immer, dass ungezügelte, freie Märkte ein Fehler sind, wir wurden nur dafür verspottet, und jetzt zahlen wir alle den Preis für die Exzesse." Gleichwohl sei unklar, ob mit dieser Haltung eine veränderte Außenpolitik gegenüber den USA einhergehe. Sarkozy, der zuletzt einen Links-Ruck vollzogen habe, sei zwar früher als "Amerikaner" bezeichnet worden, in Wirklichkeit habe sich "Sarkonomics" jedoch schon immer einer Klassifikation widersetzt; in der Industriepolitik habe er sich oft für staatliche Bailouts eingesetzt. "Einige Amerikaner befürchten zwar, dass der französische Sozialismus an der Wall Street angekommen sei. Das letzte Mal jedoch, dass die Franzosen einen richtigen Sozialisten als Staatenlenker gewählt haben, ist 20 Jahre her."

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

Städtewetter Deutschland

Bitte tragen Sie hier PLZ oder Städtenamen ein:

Bildergalerien

zurück
  • Tour de France: Wer zu den Favorite...

    Tour de France: Wer zu den Favoriten gehört

    Bekannte Fahrer wie Alexander Winokurow, Alejandro Valverde oder Ivan Basso sitzen ihre Dopingsperrren ab, Alexander Klöden ist von seinen besten Zeiten weit entfernt – aber Lance Armstrong ist wieder dabei. Doch gehört er auch zu den Favoriten? Handelsblatt....Bildergalerie 

  • Wie man der Hitze Paroli bieten kan...

    Wie man der Hitze Paroli bieten kann

    Was tun bei unerträglich hohen Temperaturen? Schüler bekommen (manchmal) Hitzefrei, die arbeitende Bevölkerung wird dagegen wohl kaum blau machen können. Im Arbeitsalltag muss man sich etwas Anderes einfallen lassen. Zehn Tipps, was man gegen die drückende Hi...Bildergalerie 

  • Reich und sexy: Hollywoods Topverdi...

    Reich und sexy: Hollywoods Topverdienerinnen

    Eines haben sie allesamt gemein: Sie sind bildhübsch, sie sind alle über 30 und fast alle Amerikanerinnen. Das US-Magazin „Forbes“ hat zusammengetragen, was bekannte Schauspielerinnen in den vergangenen zwölf Monaten eingeommen haben. Wer zu den Spitzenverdie...Bildergalerie 

vor