0 Bewertungen
04.06.2008 
Presseschau von 4.6.2008

„Mehdorns Tage als Bahnchef gezählt“

von Daniel Lenz

Die Wirtschaftspresse kommentiert die gestern vom Handelsblatt erhobenen Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn, die gleichen Schnüffler beauftragt zu haben wie die Telekom. Cinco Días schlägt Alarm wegen der rückläufigen Autoverkäufe in Spanien. Newsweek spekuliert über eine neue Allianz von Time Warner und NBC Universal. Fundstück: gute Zähne, guter Job.

Die » Tageszeitung aus Berlin ist nicht erstaunt über die gestern vom Handelsblatt erhobenen Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn, die gleichen Schnüffler beauftragt zu haben wie die Telekom. "Denn Bahn-Chef Hartmut Mehdorn hat mit seinem Auftreten als Konzernlenker dafür gesorgt, dass ihm Kritiker mittlerweile alles zutrauen. Kaum fassbar ist die Chuzpe, mit der Mehdorn die Teilprivatisierung der Bahn durchpeitschte." Vor diesem Hintergrund wäre es eher verwunderlich, sollte Mehdorn auf die "kleinen schmutzigen Tricks ehemaliger Stasi-Offiziere" angewiesen gewesen sein. "Tatsächlich hat der Bahn-Chef längst ein Machtsystem in dem Konzern installiert, das von Angst und Abhängigkeiten lebt." Mehdorns Belohnungssystem habe sogar in Gewerkschaften und der Politik Erfolg. Fazit der taz: "Ob nun mit oder ohne Spitzelei: Seine Tage als Bahnchef sollten gezählt sein."

Das » Hamburger Abendblatt wertet die Reaktionen auf die Bahn-Enthüllungen als Beleg dafür, wie angeschlagen das Image deutscher Unternehmen derzeit sei. "Sogar Verkehrspolitiker und Aufsichtsräte der Bahn verweisen die Verdächtigungen nicht in das Reich der Märchen. Im Gegenteil. Sie trauen dem Konzern illegale Spitzelaktionen zu, verweisen öffentlich auf angebliche Geheimdossiers über Bundespolitiker und bringen Bahnchef Mehdorn persönlich damit in Verbindung." Immerhin habe der Logistikkonzern gestern unverzüglich reagiert und seine Verbindungen zu der "obskuren Detektei" offengelegt. "Bleibt zu hoffen, dass diesmal die ganze Wahrheit publik gemacht wurde und nicht wie im Fall der Telekom nur scheibchenweise ans Tageslicht kommt. Denn jede weitere Halbwahrheit wirft einen neuen Schatten auf die deutsche Wirtschaft. Unter Generalverdacht steht sie in weiten Teilen der Öffentlichkeit ohnehin schon - obwohl sie dies nicht verdient hat."

Aus Sicht der » Zeit ist es gut möglich, dass der Telekom-Skandal die Spiegel-Affäre von 1962 an Brisanz noch übertreffe. "Auch damals ging es um die Überwachung von kritischen Journalisten. Doch der Skandal war noch einzugrenzen: auf der einen Seite der Staat, auf der anderen unbequeme Redakteure. Bei der Telekom verschwimmen nun die Grenzen zwischen staatlicher Überwachungsmanie und privatem Unternehmerkalkül." Heute könne es jeden treffen - um abgehört, bespitzelt und gefilmt zu werden, bedürfe es keines Verrats vermeintlicher Staatsgeheimnisse mehr. "Es reicht schon aus, wenn die Renditen nicht mehr stimmen, der Aktienkurs bedroht ist oder die Mitarbeiter sich nicht richtig sputen. Überall und jederzeit kann überwacht werden. Jeder, der einen Telefonanschluss hat, kann potenziell davon betroffen sein. Was wohl Robert T-Online dazu sagen würde?"

Die » Süddeutsche Zeitung geißelt den Populismus der Kanzlerin-Partei CDU, die angesichts der Rechtsbrüche bei Spitzenunternehmen das System der Marktwirtschaft in Gefahr sehe. "Niemals wird die Union die Linkspartei und Teile der SPD in der Kunst übertreffen, die Manager und Unternehmer für alle sozialen Verwerfungen im Land verantwortlich zu machen - Verwerfungen, die in Wahrheit durch die weitgehende Unfähigkeit der Politik entstehen, das in der Globalisierung unter Druck geratene Wirtschaftswunder-Deutschland zukunftstauglich zu machen" meinen die Münchner. Die Marktwirtschaft sei entgegen manchem Eindruck keinesfalls in Gefahr. "Steuerbetrug, Schmiergeld, Bespitzelung sind Einzelfälle - jeder für sich ein Skandal, in der Summe aber zu relativieren angesichts der wirtschaftlichen Gesamtleistung." Fazit der SZ: Die Marktwirtschaft sei besser als ihr Ruf - dies zu vermitteln, sollte die vornehmste Aufgabe der Politik sei, nicht das System durch eine Überzeichnung der Probleme weiter schlechtzureden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bankenkrise hat eine neue Qualität erreicht.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

 

zurück vor
  • Von Tränen, Eheglück und ...

    Von Tränen, Eheglück und Nasenklemmen bei Olympia

    Zwei Wochen lang präsentierten sich Athleten und Funktionäre bei den Olympischen Spielen in Peking der Welt. Welche Figur die Olympioniken in Peking machten – und wem das Gold für die außergewöhnlichste Performance gebührt.Bildergalerie 

  • Baggern für Gold

    Baggern für Gold

    Mit ihrem 108. Sieg in Serie haben Kerri Walsh und Misty May-Treanor beim olympischen Beachvolleyball-Turnier in Peking ihren Gold-Coup von Athen 2004 wiederholt. Impressionen vom Finale. Bildergalerie 

  • Drama um das „Gesicht der...

    Drama um das „Gesicht der Spiele“

    Um 11.51 Uhr standen am Montag in Peking die Uhren still und schienen auch nach einigen Sekunden des Entsetzens nicht weiterzulaufen. Chinas größte Olympia-Hoffnung Liu Xiang hat mit seinem verletzungsbedingten Aus im Vorlauf über 110 Meter Hürden eine ganze Nation ges...Bildergalerie 

  • Der Goldfisch schreibt Ge...

    Der Goldfisch schreibt Geschichte

    Es sind die Spiele von Michael Phelps: Acht Goldmedaillen holte der US-Schwimmstar in Peking und verbesserte damit den alten Rekord seines Landsmannes Mark Spitz. Mit 24 Jahren ist Phelps der erfolgreichste Schwimmer aller Zeiten.Bildergalerie