Die internationale Wirtschaftspresse geht der neuen Akzeptanz für Atomkraftwerke auf den Grund und warnt vor erheblichen Kosten. Les Echos und Le Monde aus Frankreich zeichnen düstere Bilder der französischen Wirtschaft. Henry Kissinger wirbt in The Australian für Russland. Fundstück: Amy Winehouse ist ein Marketinggenie.
"Die Atomkraft erlebt weltweit eine Renaissance und zwar offensichtlich nicht nur in den Köpfen der Regierungen, die allerorten auf Atomenergie setzen, sondern auch in denen der Bevölkerung", kommentiert die Westdeutsche Allgemeine Zeitung die aktuelle Debatte. Der Schrecken von einer unkalkulierbaren Monstertechnologie sei dem Schrecken aus schmelzenden Gletschern und explodierenden Energiepreisen gewichen - was nicht verwundere: "Wer Kohlendioxid in Deutschland bis 2020 um 40 Prozent reduzieren und zugleich die CO2-freien Atomkraftwerke abschalten will, der muss die Frage beantworten, woher denn der Strom kommen soll." Zudem könne der Preis für Strom nicht sinken, wenn die Energiekonzerne in Ermangelung der Kraftwerke weniger davon produzieren.
In der Europäischen Union scheint die Akzeptanz von Atomenergie zuzunehmen. Nur noch eine knappe Mehrheit der EU-Bürger sei gegen die Nutzung der Kernenergie, während der Anteil der Befürworter steige, berichtet die Epoch Times Deutschland über eine Umfrage der Europäische Kommission: "44 Prozent der knapp 27.000 befragten EU-Bürger befürworteten die Nutzung der Kernkraft zur Stromproduktion. Dies sei ein Anstieg um sieben Prozentpunkte seit der letzten Eurobarometer-Erhebung zur Atomenergie im Jahr 2005." Der Anteil der Atomkraftgegner an der EU-Gesamtbevölkerung sei dagegen von 55 Prozent auf 45 Prozent zurückgegangen. Diese Durchschnittswerte seien nur eingeschränkt vergleichbar, warnt zwar das Blatt: So seien für die aktuelle Umfrage die Bürger von 27 Staaten befragt worden, bei der vorausgehenden Erhebung waren dagegen Bulgarien und Rumänien noch nicht in der EU. Doch auch bei der Betrachtung der Ergebnisse für die übrigen 25 Staaten zeichne sich ein Trend zugunsten der Atomenergie ab: In 18 Ländern nahm die Zahl der Kernkraft-Befürworter zu, nur in sieben blieb sie seit 2005 stabil oder ging zurück.
In Frankreich sind Atomreaktoren nicht nur nach wie vor akzeptiert, es werden auch neue gebaut. Wie das französische Wirtschaftsblatt Challenges berichtet, habe Nicolas Sarkozy seine Ankündigung, einen zweiten Atomreaktor des deutsch-französischen Typs EPR zu bauen, mit mächtigen Argumenten begründet. "Die Ära des teuren Öls ist vorbei: Die Atomenergie ist heute mehr als zuvor die Industrie der Zukunft und eine unverzichtbare Energiequelle", zitiert das Blatt den französischen Präsidenten. Nicht nur sei Atomenergie 30 bis 50 Prozent preiswerter als Energie aus Erdgas oder Erdöl. Frankreich erhalte auch mit dem neuen Reaktor die Möglichkeit, sich zum Exporteur von Atomenergie zu entwickeln. "Das ist eine historische Chance", so Sarkozy.
Mit einer Nuklear-Renaissance will sich die Financial Post aus Kanada nicht abfinden. "Sicher, die Befürworter sagen, dass es einen guten Grund für Kernenergie gebe - den Klimawandel -, und sie schlussfolgern daraus, dass die Welt keine andere Wahl habe, als Atomkraftwerke zu nutzen. Doch dieser gute Grund ist kein Argument, er ist die Pistole am Kopf", ereifert sich die Zeitung. Es gebe ein paar Gegenargumente, wie Sicherheit oder nuklearer Abfall. Doch das wichtigste Gegenargument seien die Kosten: "Nach Informationen des Wall Street Journals kostet die Errichtung eines Reaktors schätzungsweise 6.000 US-Dollar pro Kilowatt, vor einem Jahr waren es noch 4.000 US-Dollar. Bei der Menge an Reaktoren, die Nordamerika bräuchte, können schnell Milliarden zusammenkommen." Hinzu komme, dass, im Gegensatz zu Öl und Erdgas, niemand aus dem Privatsektor Atomkraftwerke finanzieren wolle.
Die Economic Times aus Indien beklagt, dass die Verbitterung der Inder über den möglichen Nuklear-Deal mit den USA eine kritische Auseinandersetzung mit Atomenergie verhindere. Denn das Argument, dass Indien Reaktoren wolle, um im Energiesektor nicht mehr auf teueres Öl angewiesen zu sein, sei nicht gerechtfertigt. "Der weltweit produzierte Strom kommt nur noch zu 4 Prozent aus Öl. Es wird heute hauptsächlich für Transporte genutzt", stellt das Blatt klar. "Ein Plus an Atomenergie wird daher nicht den Bedarf an Öl senken, schon gar nicht in Indien." Auch müsse bedacht werden, dass nicht nur die Ölreserven bald erschöpft seien, sondern auch die für Uran. "Und das Atomenergie billiger sein soll als Energie aus anderen Rohstoffen ist ein Trugschluss." So werde der Import von Reaktoren die Preisdifferenz zwischen Strom aus Atom- und Strom aus Kohlekraftwerken vergrößern.
Singles sind Spaniens Lieblingskinder
Spanische Firmen entdecken in Singles zunehmend eine Goldgrube, beobachtet CincoDías. Vorbei seien die Zeiten, als Ledige in den Dörfern für Witze und Tratsch sorgten, inzwischen seien sie die Lieblingskinder von Unternehmen und Geschäften. Kein Wunder, repräsentierten Singles doch über 20 Prozent der Bevölkerung und eine jährliche Kaufkraft von ca. 20.000 Euro pro Person. Alleine 18 Prozent würden für Nahrungsmittel ausgegeben. Da verwundere es nicht, dass z. B. der Lebensmittelkonzern Mondragón mit seiner Supermarktmarke "Eroski Merca" ganz gezielt diese Personengruppe anspreche. Noch mehr Zuwendung bekämen Singles im Freizeitsektor. Dort sei das Besondere am Angebot der spezialisierten Reisebüros und Single-Hotels, die Gäste zusammenzubringen. Dabei wolle eigentlich kaum jemand Single sein, resümiert das Blatt: Laut Partnerschaftsagentur Parship wären 90 Prozent aller Alleinstehenden am Liebsten wieder zu zweit.
Franzosen sind ökonomisch ungebildet
Die weit verbreitete mangelnde Bildung hinsichtlich wirtschaftlicher Thesen und Lehren in Frankreich beklagt Les Echos. "Seit Jahren wollen uns Bücher von Blondchen und Unternehmern weis machen, dass die Wirtschaft im realen Leben nicht funktioniert wie in den Büchern. Nun hat ein Bericht des Ökonomen Roger Guesnerie gezeigt, dass der Unterricht an den Gymnasien im Fach Ökonomie zu allgemein ist, zu negativ, zu makro-ökonomisch." Was darin z. B. nicht vorkomme seien der Markt und der Mittelstand. Zurückzuführen sei das Dilemma auf das 18. Jahrhundert: "Während die Engländer unter Einfluss von Adam Smith den Markt in den Mittelpunkt des Interesses rückten, setzten die Franzosen unter Einfluss von Jean-Jacques Rousseau auf den Staat." Zu begrüßen seien deshalb die zahlreichen Initiativen, die zu einer umfassenderen Bildung beitragen sollen. Denn der Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps habe bestätigt, dass mit einer neuen Kultur der Ökonomie das Wirtschaftswachstum in Frankreich drei bis vier Prozent höher ausfallen könne.
Frankreichs Wirtschaftspolitik macht den Staat kaputt
Harsche Kritik an der französischen Wirtschaftspolitik übt die Tageszeitung Le Monde, es sei zu befürchten, dass das Land einer Revolution à la Thatcher zum Opfer falle. "Die Regierung packt vieles an, sicher auch Richtiges. Aber sie zerstört ihre besten Absichten mit einem Wirtschaftmodell, das die Reformen finanzieren und das Defizit reduzieren soll: Veränderungen im Arbeitsrecht, Liberalisierung des Energiesektors, längere Arbeitszeiten, Produktionssteigerungen und Steuersenkungen. Doch mit diesen Maßnahmen bekämpft sie nicht die Auswirkungen der globalen Krise." Die Regierung verteile Geschenke - und verramsche zugleich wichtige Bereiche des öffentlichen Sektors: Verteidigung, Gesundheit, Bildung. "Sie gerieren sich, als sei der Staat ein Unternehmen. Doch diese Politik riskiert die Zukunft Frankreichs und wird nur zu einem führen: dass der Staat stirbt."
Dreierbündnis über dem Atlantik
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert die mögliche Allianz zwischen British Airways (BA), American Airlines und Iberia. Sollten die drei enger zusammenrücken, entstünde eine starke Allianz über den Atlantik: "Neben der führenden Rolle Iberias nach Südamerika käme die ohnehin schon erhebliche Marktstärke von American Airlines und British Airways hinzu." Diese könnten wegen regulatorischer Hemmnisse der Kartellbehörden die Vorteile ihres Oneworld-Bündnisses nicht voll ausschöpfen, aber das solle sich nun - unter den Bedingungen der "Open Skies"-Grundlage - ändern. "Und noch etwas bedeutet das angekündigte Dreierbündnis: Iberia wird bis auf weiteres kein Übernahmeobjekt sein." Für die Lufthansa, die ein Interesse an Iberia habe, wäre die eine schlechte Nachricht.
Japanischer Boom ist zu Ende
Die japanische Asahi Shimbun glaubt, dass der "längste wirtschaftliche Boom, den die Nation nach dem Krieg erlebt hat, nun zu Ende geht." Dies gehe aus dem vierteljährlichen Konjunkturbericht hervor, den die Bank of Japan veröffentlicht habe. Danach hat der Konjunkturoptimismus selbst unter kleinen und mittelständischen Unternehmen deutlich nachgelassen. Rapide steigende Preise importierter Rohstoffe hätten die Wirtschaft nach unten gezogen. Außerdem sei das jährliche Wirtschaftswachstum ohnehin niemals über 2,5 Prozent hinausgegangen. Die großen japanischen Firmen hätten zwar aus der regen Weltwirtschaft Nutzen und Gewinne ziehen können. Die kleineren, regionalen Unternehmen hätten aber nichts davon gehabt - "der Boom war somit ein Boom mit Missverhältnissen." Jetzt warteten dringende Aufgaben, wie die Umstellung auf alternative Energien - denn solche Bemühungen "werden sofort den Niedergang der Binnenwirtschaft abschwächen und zu strukturellen Reformen ermutigen."
From Russia with love
Henry Kissinger wirbt in The Australian für eine offenere Haltung seitens der USA gegenüber Russland. "Als Dmitri Medwedew Präsident wurde, dachten alle, dies sei eine Fortführung von Wladimir Putins Macht. Ich habe inzwischen einen anderen Eindruck: Ich glaube, dass sich Russland in einer neuen Phase der Politik und weiteren wirtschaftlichen Entwicklung befindet. Russland ist auf dem Weg von der Konsolidierung zur Modernisierung", schreibt der ehemalige US-Außenminister. Die wachsende Komplexität der russischen Wirtschaft habe ein Bedürfnis nach vorhersehbaren legalen Verfahren geschaffen, das Medwedew bediene. Dass die russische Führung sich nun auf zwei Machtpole verteile, könnte der Anfang sein für mehr gegenseitige Kontrolle. "Die USA sollten Russland Raum gewähren für diese Entwicklung und als künftigen strategischen Partner gewinnen."
Fundstück: Amy Winehouse ist ein Marketinggenie
Einen radikalen Wandel hinsichtlich der Erfolgsmethoden im Musikgeschäft glaubt die London Free Press aus Ontario (Kanada) zu erkennen. Beweis dafür sei die britische Sängerin Amy Winheouse: "Berücksichtigt man die unzähligen Stories und Schlagzeilen, die Winheouse tagtäglich in den Medien produziert, könnte man meinen, dass sie Platten am Fließband aufnimmt. Doch es existieren nur zwei Alben von ihr. Winehouse ist eine Musikerin, die nicht mit Musik Geld verdient, sondern mit einer cleveren Marketingkampagne." Noch vor wenigen Jahren sei es für Stars nicht unproblematisch gewesen, mit Drogenproblemen in Verbindung gebracht zu werden, heute seien Winehouse-Fans vor allem von ihrer "Realityshow" fasziniert: Nicht ihre Musik interessiere, sondern die Todesspirale, in die sie sich aufgrund des Drogenkonsums begeben habe. "Winehouse führt damit konsequent eine Marketingstrategie fort, die bereits Tom Cruise zum Remake von ?Krieg der Welten? in 2005 ausprobiert hat: Sei einfach verrückt, und die Medien kommen." Einziges Risiko für Winhouse: Die Drogen könnten ihre so erfolgreiche Karriere vorzeitig beenden.
Für Handelsblatt.com zusammengestellt von www.ecolot.de.
Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

