Kosten explodieren, Baufirmen springen ab, und Katzen müssen gerettet werden: Londons Baupläne für Olympia 2012 treffen auf immer neue Probleme. Derzeit sieht der Ort, an dem in vier Jahren die Olympischen Spiele stattfinden sollen, noch aus wie eine Lavawüste.
LONDON. Zwischen Schuttbergen bahnen sich die Bagger den Weg. Mit ihren weißen Helmen und gelben Westen heben sich die Arbeiter vom schwarzen Untergrund ab. Die letzten Aufräumarbeiten laufen, im Sommer sollen die Bauarbeiten für London 2012 beginnen – fast zeitgleich mit den Olympischen Spielen in Peking.
Der Ort, an dem in vier Jahren Londons Olympiastadion Sportler aus aller Welt begrüßen soll, sieht aus wie eine Lavawüste – mitten im geschäftigen East End. Wie eine Fata Morgana zeichnen sich im Dunst am Horizont die Wolkenkratzer der City ab. Canary Wharf, das Bankenviertel an der Themse, liegt nur wenige Kilometer entfernt. 80 000 Zuschauer soll die Arena im Stadtteil Stratford fassen.
Außer dem Olympiastadion entstehen auf dem 2,5 Quadratkilometer großen Areal auch das Athletendorf, das Medienzentrum, die Schwimmhalle und das Velodrom.
Wenn denn alles klappt. Denn Londons Olympiaplanungen treffen auf immer neue Probleme.
Bei der Baustelle fängt es schon an. „Man hätte sich kein schwierigeres Gelände aussuchen können“, sagt Paul Deighton, Geschäftsführer des Organisationskomitees für Londons Olympiade. Der drahtige Manager mit der Figur eines Langstreckenläufers zählt die Probleme auf, die Buddeln und Bauen in einem alten Industriegebiet mit sich bringen: verseuchter Boden, Schutt, Rohre, Eisenbahnschienen, Leitungen – das alles muss erst raus, ehe hier gebaut werden kann. Das kostet.
„Man hätte sich aber auch kein wertvolleres Gelände aussuchen können“, sagt Deighton und schwärmt von der unschlagbaren Lage des Baugrunds inmitten der Finanzhauptstadt Europas. Von der Nähe zur City, der direkten Anbindung an den Schnellzug „Eurostar“ nach Paris; den vielen anderen Schienen, Straßen und Wasserwegen, die hierher führen; vom riesigen Einkaufszentrum, das nebenan in Stratford geplant ist; und von den bereits begonnenen Wohnungsbauprojekten rundherum.
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All das soll das Olympiagelände nach den Spielen zu einem Juwel auf Londons Immobilienmarkt machen und eine lukrative Nachnutzung sichern, sagt Deighton. Vor seinem Engagement für London 2012 war er Europachef der Investmentbank Goldman Sachs.
Nun verspricht Paul Deighton hoch und heilig, es werde keine „weißen Elefanten“ geben, keine spektakulären Investitionsruinen.
Robert Neill hält viel von Deighton. „Er ist ein guter Mann aus der Privatwirtschaft“, sagt der Politiker, der für die Konservative Partei im Unterhaus und im Londoner Stadtparlament sitzt. Weniger hält Neill von den finanziellen Planungen für 2012, deren Gesamtvolumen sich seit dem Zuschlag 2005 auf 9,3 Milliarden Pfund (12,5 Milliarden Euro) vervierfacht hat.
Sein Vorwurf: „Das Budget wurde für die Bewerbung bewusst klein gerechnet.“ Neills neuestes Beispiel ist die neue Schwimmhalle. Die sollte eigentlich 75 Millionen Pfund kosten, nun taxiert sie Deighton schon auf 215 Millionen Pfund.
Der Organisationschef erklärt die erhöhten Kosten der Schwimmhalle mit der Komplexität des Projekts. „Wir brauchen für die Zeit der Spiele eine Halle von den Ausmaßen der O2-Arena mit Becken darin“, sagt Deighton. Die O2-Arena, der frühere Millennium Dome, steht am Südufer der Themse und bietet als Konzert- und Sporthalle rund 20 000 Zuschauern Platz.
Bei Olympia 2012 werden dort Basketballer und Handballer um Medaillen kämpfen. Die Halle sei vor den Spielen schon da und werde bleiben, wie sie sei. Die Schwimmhalle aber werde nach Olympia zum Teil zurückgebaut und in angemessener Größe weiter genutzt, sagt Deighton. „Das macht die Konstruktion kompliziert und teuer.“
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Zu kompliziert für manche. Die deutsche Baufirma Hochtief Construction war zunächst an dem Auftrag interessiert, zog sich nun aber zurück. „Es passt nicht zu unserer strategischen Ausrichtung“, heißt es knapp aus der Konzernzentrale in Essen. Ähnliche Teilrückbaupläne wie für die Schwimmhalle gibt es für das Olympiastadion.
Und Geld ist nur ein Faktor, Zeit der zweite. „Wir liegen im Plan“, sagt Paul Deighton tapfer, auch wenn die Schwimmhalle wohl erst 2011 fertig wird, zwei Jahre später als ursprünglich angenommen. Der nächste wichtige Termin für Deighton ist der 29. August. „Von da an geht es um uns“, sagt der Olympiamanager und wirkt fast selbst erstaunt, dass es schon so bald so weit ist. Denn an diesem Tag präsentiert sich London bei der Schlussfeier in Peking mit einem achtminütigen Film als der nächste Olympia-Gastgeber.
Um das Verhältnis zu den chinesischen Vorgängern nicht zu belasten, verpflichtete der britische Olympiaverband seine Athleten per Unterschrift, während der Spiele in Peking keine Kritik an der politischen Situation in China zu üben. „Großbritannien macht Kotau vor China“, titelte das Massenblatt „Daily Mail“, als das rauskam, und verglich den Vorgang mit dem Nazi-Gruß des englischen Fußballteams in Deutschland 1938. Der Verband hat angekündigt, den Passus in den Verträgen zu ändern.
Dann war da auch noch die Sache mit den Miezen. Tierschützer retteten 168 Katzen auf der Olympiabaustelle aus Ruinen, die gesprengt werden, um Platz für Olympia zu schaffen. Molche, Frösche und Fische wurden bereits „umgesiedelt“.
Weder Fans noch Sponsoren scheint all das die olympische Idee zu verleiden. 70 Prozent der Briten sind für die Spiele in London. Und gerade hat Paul Deighton einen neuen Sponsor vorstellen können: Die Fluggesellschaft British Airways zahlt 40 Millionen Pfund für den Titel der offiziellen Olympia-Airline.
