11.12.2008

Religionsforschung: Warum die Menschen Gott finden

Gott ist nichts mystisches, sondern ein Teil der Natur des Menschen. Das behaupten zumindest europäische Wissenschaftler, die gemeinsam eine neue, revolutionäre These prüfen. Ihre Fragestellung: Steckt der Glaube in unseren Genen?

Lieber Gott, mach mich fromm: Die meisten Menschen werden offenbar mit einer starken religiösen Neigung geboren. Foto: ddpLupe

Lieber Gott, mach mich fromm: Die meisten Menschen werden offenbar mit einer starken religiösen Neigung geboren. Foto: ddp

DÜSSELDORF. Über drei Milliarden Euro kostet die Suche nach dem "Gottesteilchen", alias Higgs-Boson, mit Hilfe des Teilchenbeschleunigers "Large Hadron Collider" der Europäischen Kernforschungsorganisation CERN. Im Vergleich dazu sind die zwei Millionen, die von der EU in das Exrel-Projekt fließen, ein Klacks. Und trotzdem könnten sie dazu beitragen, unser Weltbild ähnlich zu verändern wie der riesige Teilchenbeschleuniger. Exrel sucht nicht nach einem hypothetischen Elementarteilchen wie die Physiker, sondern nach Gott selbst - oder genauer gesagt nach den biologischen Ursachen dafür, dass so viele Menschen an Gott, Götter und religiöse Konzepte glauben.

Exrel steht für "Explaining Religion". Forscher von neun europäischen Universitäten wollen gemeinsam "Religion erklären", beteiligt sind unter anderem Kulturwissenschaftler, Ökonomen und Hirnforscher. Mit dabei ist auch Jesse Bering, Leiter des Institute of Cognition & Culture an der Universität Belfast. Seine These ist radikal: Gottesglaube sei "weder eine Idee noch eine kulturelle Erfindung, noch Opium für die Massen oder sonst etwas in die Richtung", sagt der gebürtige Amerikaner. "Gott ist eine Art zu denken, die durch natürliche Selektion etabliert und beständig gemacht wurde." Während in seinem Heimatland der Kreationismus auf dem Vormarsch ist, dessen gemäßigtere Anhänger die Evolution zumindest nicht negieren, in ihr aber höchstens das Instrument eines göttlichen Schöpfers des Lebens sehen, hält der Psychologe Gott höchstselbst für nicht mehr und nicht weniger als ein "Produkt der Evolution."

Jesse Bering ist bekennender Atheist. Michael Blume hingegen gläubiger Christ. Und trotzdem stimmt er Bering zu. "Religiosität hat sich entwickelt, weil sie sich in der Evolution als erfolgreich erwies", meint der Religionswissenschaftler und Mitautor des Buches "Gott, Gene und Gehirn". Glaube sei nichts Mystisches, sondern ein Teil der Natur des Menschen. "Deshalb müssen wir religiöses Denken und Handeln mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchen", sagt Blume.

Jesse Bering hat das getan. Um zu testen, ob der in fast allen Religionen gängige Glaube an ein Jenseits durch die Evolution im menschlichen Gehirn vorinstalliert ist - ähnlich wie die Fähigkeit, Sprache zu lernen -, fragte er Kinder nach ihren Konzepten von Seele und Tod. Nicht direkt, sondern mit Hilfe eines Puppenspiels, in dem eine Stoffmaus zunächst ihre Leiden erklärte - hungrig, durstig, einsam, krank - und dann auf dem Heimweg von einem Stoffkrokodil verschlungen wird. Nachdem die kleinen Probanden das Drama gesehen hatten, wurden ihnen Fragen gestellt: Hat die Maus noch Hunger? Liebt sie ihre Mama noch? Möchte sie immer noch heim?

Dass das Gehirn der Maus nicht mehr funktioniert und sie keinen Hunger mehr hat, wussten bereits fast alle Vier- bis Sechsjährigen - doch nur ein knappes Viertel von ihnen meinte, dass sie nicht mehr nach Hause wolle. Von den Zwölf- bis 14-Jährigen dachte das knapp die Hälfte. Wäre die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod einzig ein kulturelles Phänomen, sollte es andersherum sein, argumentiert Bering. Dann müssten Kinder unter dem Einfluss der gesellschaftlich verbreiteten Idee vom Jenseits erst mit zunehmendem Alter zu Gläubigen werden. Doch selbst Zöglinge einer katholischen Schule bauten im Laufe ihrer Erziehung nicht etwa Jenseitsvorstellungen auf, sondern nur langsamer ab als konfessionslos erzogene Altersgenossen. "Das ist exakt das Gegenteil des Musters, das man erwarten würde, wenn die Ursprünge solchen Glaubens ausschließlich auf kulturelle Indoktrinierung zurückgingen." Für Bering lässt das nur einen Schluss zu: Der Mensch kommt mit einer starken Neigung auf die Welt, an eine den Tod überdauernde Seele zu glauben.

Wenn religiöse Vorstellungen derart tief in der menschlichen Natur verwurzelt sind, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Nutzen. Schließlich wird alles, was keinen Überlebensvorteil bietet, in der Evolution ausgemerzt. Eine gängige Antwort lautet: weil Moral, Altruismus und Hilfsbereitschaft Grundmotive der Religionen sind. Und da diese Grundmotive das Zusammenleben in Gruppen erleichtern, hat sich der Glaube durchgesetzt.

Ist Gott also gut, weil er die Menschen gut macht? Diese These nahmen Ara Norenzayan und Amir Shariff kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Science" unter die Lupe. "Überzeugungen, und nicht sorgfältiges Beobachten, haben die Debatte um die Rolle der Religion auf prosoziales Verhalten dominiert", konstatieren die Sozialpsychologen von der University of British Columbia zunächst, und präsentieren dann "harte, wissenschaftliche Beweise".

Etwa ein Experiment in einem Kibbuz - einer israelischen Siedlungsgemeinschaft, in der Kooperation sehr große Bedeutung hat. Je ein säkulares und ein religiöses Mitglied desselben Kibbuz spielten ein ökonomisches Spiel, bei dem sie unabhängig voneinander Zugriff auf einen Umschlag mit 100 Schekeln bekamen. Beide mussten gleichzeitig entscheiden, wie viel Geld sie aus dem Umschlag entnehmen. Behalten durften sie das Geld aber nur, wenn die Summe ihrer jeweiligen Forderungen den Gesamtinhalt von 100 Schekeln nicht überstieg. War das der Fall, gingen beide Teilnehmer leer aus. Erwartet wurde, dass die religiösen Kibuzzim sich in diesem "common-pool resources dilemma" als besonders kooperativ und selbstlos erweisen. Und tatsächlich: Sie nahmen weniger Geld aus dem Umschlag als säkulare Kibbuzim.

Ara Norenzayan hat sich ebenfalls bei der Spieltheorie bedient, um Natur und evolutionären Nutzen von Religion zu ergründen. Beim Diktator-Spiel, einem Messinstrument für Altruismus, bekamen seine fünfzig Probanden - 26 davon laut Selbstauskunft religiös, die übrigen Atheisten - zehn Dollar, die sie dann nach eigenem Gutdünken mit einem anderen Spieler teilen konnten. Normalerweise behalten die meisten Menschen fast alles für sich. Doch das änderte sich, als Norenzayan den Glauben ins Spiel brachte. Vor der Verteilungsfrage ließ er die Versuchspersonen Sätze entwirren. Enthielten diese Sätze Worte wie Gott, Geist, Prophet oder heilig, spendeten die Teilnehmer durchschnittlich 4,22 Dollar. Ohne die unbewusste religiöse Infiltration gaben sie nur 1,84 Dollar. Der entscheidende Punkt: In beiden Fällen zeigten sich die Probanden, die sich als gläubig bezeichneten, nicht großzügiger als die Atheisten. Was zunächst demonstriert, dass religiöse Menschen keineswegs automatisch selbstlosere Menschen sind.

Doch Norenzayans Interpretation geht weiter. Nicht Religiosität an sich, sondern die vorgestellte Gegenwart eines übernatürlichen Zuschauers fördert prosoziale Verhaltensweisen. "Das Gefühl, beobachtet zu werden, aktiviert Sorgen um die eigene Reputation, untergräbt die Anonymität der Situation und zügelt so selbstsüchtiges Verhalten." Was bedeuten würde, dass gläubige Menschen nur deshalb moralisch und altruistisch agieren, weil sie denken, dass ihnen ein allmächtiger Gott auf die Finger schaut. Eine weitere Studie von Jesse Bering erhärtet den Verdacht. So schummelten College-Studenten bei einem Computerspiel deutlich seltener, wenn ihnen zuvor beiläufig erzählt wurde, jemand habe unlängst den Geist eines toten Kommilitonen im Testraum gesehen.

"Wir haben Gott an der Kehle", meint Bering. Aber auch andere Forscher gehen aufgrund solcher Befunde inzwischen davon aus, dass es der Glaube an einen übernatürlichen Wächter war, der den Religionen zu ihrem evolutionsbiologischen Siegeszug verhalf. "Dadurch wurde ein alles sehender Schiedsrichter geschaffen, der regeltreues Verhalten durch Belohnung und vor allem durch Strafe sicherstellte", erläutert Michael Blume. In der Gewissheit, dass ihr gemeinsamer Gott Vertrauensbrüche und Betrug straft, konnten gläubige Menschen Kooperationen eingehen, die sonst undenkbar, weil zu riskant gewesen wären. Somit förderte Religion die Kooperationsbereitschaft und ermöglichte unseren Ahnen das Zusammenleben in großen Gemeinschaften. "Ein klarer Selektionsvorteil", meint Blume.

Dass prosoziales Verhalten bei Gläubigen offenbar vor allem aus Angst vor Sanktionen und der Sorge um den eigenen Ruf resultiert, überrascht den Religionswissenschaftler kaum. "Religiosität ist eben nicht nur von Altruismus und Empathie, sondern sehr stark von egoistischen Motiven getrieben", meint er ganz nüchtern. Aber entzaubert es nicht die Religionen, dass sie sich entwickelt haben, weil sie die Überlebenschancen unserer Spezies verbessern? Dass der Glaube an Gott nur ein nützliches Instrument der Natur ist? "Der religiöse Mensch kann sich doch freuen", meint Blume lachend: "Schließlich ist Religiosität aus Sicht der Evolution ein Erfolgsmodell."

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