Interview: „Die RSM legt viel Wert auf Internationalität“

Interview
„Die RSM legt viel Wert auf Internationalität“

Handelsblatt-Stipendiat Zahir Dehnadi íst seit 14 Wochen an der Rotterdam School of Management (RSM). Dort lernt er Management-Themen aus einer neuen, und wie er selbst sagt praktikableren Perspektive kennen - und wird dabei noch von seinem Professor zum Lachen gebracht.

Herr Dehnadi, Sie sind jetzt als Handelsblatt-Stipendiat seit 14 Wochen an der Rotterdam School of Management (RSM). Naturgemäß sieht die Realität immer anders aus als die Erwartungen. Was hat Sie bislang am meisten überrascht?

Ich kann es kaum glauben, dass es schon 14 Wochen sind. Die RSM legt sehr viel Wert auf Internationalität. Ich war darauf vorbereitet, auf viele verschiedene Kulturen und Charaktäre zu treffen. Aber ehrlich gesagt, hat mich die kulturelle Vielfalt dann doch sehr überrascht. Obwohl wir in den Niederlanden sind, haben wir nur einen Holländer in unserem Jahrgang. Der Rest kommt aus über 40 verschiedenen Ländern. Es fühlt sich für mich auch etwas heimisch an, so viele verschiedene Namen zu hören, die man nicht aussprechen kann. Früher war ich meistens einer der wenigen, dessen Namen kaum einer aussprechen konnte.

Des Weiteren ist die Professionalität der Universität sehr beeindruckend, und man merkt wirklich, dass sie sich hier sehr viel Mühe geben, unseren Weg zu ebnen. Mit 120 Vollzeit-MBA-Studenten ist unser Programm im internationalen Vergleich ein relativ kleines MBA-Programm; Insead und London Business School beispielsweise haben über 400 Stundenten. Aber ich sehe, dass als ein Riesenvorteil an. Bereits nach einer Woche kannte ich jeden einzelnen. Nach ein paar Wochen entstehen so viele Freundschaften und man kennt jeden relativ gut. Ein Vorteil von MBA-Programmen im Vergleich zu herkömmlichen Master-Studiengängen ist ja das Networking. Ein kleines Programm bietet in diesem Zusammenhang viele Vorteile.

Nicht weil Sie auf unsere Kosten Ihren MBA machen, müssen Sie alles toll finden. Was gefällt Ihnen an der RSM weniger gut?

RSM gehört zu der Erasmus Universität, die mehrere Tausend Bachelor- und Master-Studenten ausbildet. Obwohl unser Universitätsgebäude auf dem Erasmus-Campus liegt, sind die MBA-Studenten ein wenig von den anderen Bachelor- und Masterstudenten sozial ausgegrenzt. Und bei nur 18 Prozent Frauenanteil könnten wir alle auch ein wenig mehr weibliche Intuition gebrauchen.

In der Theorie ist ein MBA viel praxisorientierter als ein klassisches Hochschulstudium. Stimmt das?

Ja, es ist definitiv praxisorientierter. Ein Vergleich: Sowohl in meinem Bachelor-Studium als auch jetzt bei meinem MBA habe ich einen Kurs in Accounting. Der Unterschied: Vorher musste ich Definitionen auswendig lernen, mir Formeln merken und komische Rechnungen ausführen, die zwar nie unüberwindlich schwer waren, die mir aber nie besonders hilfreich erschienen. Ich konnte mich vor Langweile kaum retten. Wir waren so sehr mit der Theorie beschäftigt, dass wir den Wald nicht mehr sehen konnten.

An der RSM kommt der kanadische Accounting-Professor in die erste Vorlesung und sagt: "Wir machen kein Accounting hier. Keiner von Euch will Buchhalter werden". Er fragt uns, was Profit, Einnahmen und Kosten überhaupt sind, und Sie werden staunen, aber keiner konnte ihm die verlangte Antwort geben, die weit entfernt von jeder Buchdefinition war. Wir lernen Management-Themen aus einer neuen, praktikableren Perspektive kennen,und erstaunlicherweise bringt der Professor uns mindestens ein Dutzend Mal zum Lachen. Accounting und Lachen! Im Bachelor Studium war es eher Weinen und Vergessen.

Praxisbezug hängt ja immer auch von der Qualität der Professoren und Dozenten ab. Nach Ihrem bisherigen Eindruck: Wie gut sind die RSM-Leute?

Ausnahmelos top. Wir haben Dozenten aus Kanada, aus den USA, aus Südafrika, aus den Niederlanden und aus Deutschland, und jeder einzelne ist nicht nur sehr kompetent, sondern, was viel wichtiger ist, jeder einzelne kann den Inhalt auf eine interessante und praxisbezogene Weise unterrichten.

Sie machen Ihren MBA inmitten der schwersten Finanzkrise seit undenklichen Zeiten. Wie stark prägt das das MBA-Studium?

Natürlich wird hier viel über die Finanzkrise gesprochen. Wir hatten auch extra Vorlesungen, in dem einige Dozenten und sogar RSM-Dean George Yip uns speziell über Jobperspektiven in der Finanzkrise beraten haben. Insbesondere jedoch haben Sie alle auch betont, dass gerade jetzt (und voraussichtlich auch 2009 und evtl. auch 2010) eine ausgezeichnete Zeit ist, um in die eigene Bildung zu investieren, da voraussichtlich beim Abschluss des MBA-Studiums die Finanzkrise zu Ende sein wird und wir mit besseren Zeiten rechnen können.

Aber Business Schools haben doch genau die Leute ausgebildet, denen jetzt die Schuld an der Finanzkrise gegeben wird. Haben Sie das Gefühl, dass die Schule, Ihre Führungsspitze und Professoren, selbst darüber nachdenken, welche Verantwortung sie zur Entstehung der Finanzkrise haben?

Wir haben einige Male im Unterricht die Schuldfrage angesprochen, aber, ehrlich gesagt, haben wir bis jetzt zu wenig Zeit mit Schuldbekenntnissen und gründlicher Ursachenforschung verbracht.

Bei einem MBA-Studenten lernt man von den anderen Studenten genau so viel wie von den Professoren und Dozenten. Wie "gut" sind denn Ihre Kommilitonen?

Kulturelle Vielfalt ist hier erneut ein großer Einfluss. Man hört viel darüber und jeder denkt, dass er schon kulturelle Vielfalt kennen gelernt hat. Aber glauben Sie mir, selbst wenn Sie einen Migrationshintergrund haben wie ich, in verschiedenen Ländern aufgewachsen sind, gearbeitet und studiert haben, mehrere Sprachen sprechen, häufig reisen und Freunde aller Welt haben, wenn Sie an die RSM kommen, werden sie trotzdem staunen. Und dieses Staunen führt auch zu einem Lernprozess in jedem nur erdenklichen Lebensbereich. Haben Sie schon einmal mit einem kanadischen Patentanwalt, der in Surinam und Äthiopien groß geworden ist und eine niederländische Frau hat, über Management-Strategien diskutiert oder mit einem homosexuellen Halb-Amerikaner, Halb-Spanier, der In Chicago studiert hat und mehrere Jahre in Süd-Korea und Argentinien gelebt hat oder einem Inder, der noch nie außerhalb Indiens war?!!! Falls ja, dann wissen Sie, dass dabei einige sehr verrückte Dinge gesagt werden und, dass einige dieser verrückten Dinge auf den zweiten Blick sich als sehr plausibel entpuppen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit diesen verrückten Menschen denn konkret aus?

Am Anfang des Jahres kommt jeder in eine Gruppe von 5-6 MBA-Studenten. Mehr als 50 Prozent unserer Leistungsbewertung ist von der Gruppenarbeit abhängig. Bereits in meinem Bachelor-Studium musste ich viel in Gruppenarbeit machen. Der Unterschied zum MBA ist, dass es hier viel Intensiver ist. Wir leben quasi zusammen. Wir arbeiten jeden Tag miteinander und das oft bis tief in die Nacht rein. Wir schreiben Klausuren zusammen. Beispielsweise hatten wir vor kurzem eine 24-Stunden-Accounting-Klausur zusammen, bei der wir 24 Stunden in der Gruppe zur Bearbeitung der Klausur hatten. Wir müssen uns gegenseitig bewerten und haben Kurse, in denen wir über unsere Teamarbeit sprechen, und versuchen die dann zu optimieren.

Einem MBA-Studium haftet der Ruf an, permanenter Stress zu sein, mit durchgearbeiteten Nächten, Zwischenprüfungen, die an jeder Ecke lauern etc. Wie erleben Sie das?

Das kann ich nur bestätigen. Ich hab kein Leben mehr! Gerade in diesem Moment gehen mir zehn Dinge durch den Kopf, die ich noch sehr, sehr dringend machen muss. Lange Nächte sind üblich, und man hat nicht viel Freizeit. Quasi alle zwei Monate habe ich zehn Klausuren, Dutzende Gruppenarbeiten und tägliche Hausaufgaben. Wir müssen so viel lesen, dass selbst die Professoren uns offen sagen: Wenn ihr alles lest, was wir euch aufgeben, werdet Ihr verrückt werden und nie schlafen. Ihr müsst selektieren." Zusätzlich zum eigentlichen MBA-Studium sind die meisten hier in MBA-Clubs wie z.B. dem Finance Club, dem Enterepreneurship Club etc. engagiert und verbringen die wenige Zeit, die man nicht hat noch mit Aufgaben, die viel Zeit beanspruchen.

Bleibt Ihnen da überhaupt noch Zeit für irgendetwas Anderes?

Ich versuche, den Sport nicht zu vernachlässigen, und obwohl wir immer Aufgaben haben, die noch zu machen sind, gehen wir ab und zu auch raus, um Party zu machen.

Wie viel bekommen Sie mit von Rotterdam?

Weniger als ich gerne würde. Rotterdam ist nicht London, aber mit ca. 700000 Einwohnern ist Rotterdam eine relativ große europäische Stadt und hat viel Vielfalt zu bieten. An sonnigen Tag ist es besonders an der Maas sehr schön. Rotterdam ist nicht weit weg von Paris, Köln, Amsterdam. Brüssel und London und daher auch sehr zentral. Man kommt überall schnell hin.

Wie wohnen Sie in Rotterdam?

Ich wohne in einem Studentenwohnheim. Es war nicht schwierig, eine Wohnung zu finden, da die Schule einen von Anfang unterstützt.

Sie selbst haben Ihr MBA-Studium auch als Zeit der Selbst-Reflexion über Ihre Zukunft definiert. Inwieweit hilft Ihnen die Schule da?

Wir haben alle paar Wochen einen Kurs, der sich Personal Leadership nennt und mehrere Tage lang ist. Hauptziel dieses Kurses ist Teamarbeit, Leadership und Selbstreflexion. Wir erhalten viel Zeit und auch den theoretischen Hintergrund, um uns mit Fragen zu beschäftigen wie "Was will ich werden?", "Was kann ich gut?", "Was würde mich glücklich machen?", "Wie kann ich konkret das erreichen, was ich mir vorgenommen habe?". Es ist wirklich hilfreich, und ich hätte mir gewünscht, so ewas bereits auf der Schule gehabt zu haben.

Ein Ausblick?

Ein arbeitsintensives Jahr 2009. Viellicht mit einem Auslandspraktikum und einem Auslandssemester an einer anderen MBA-Schule. Ich freue mich insbesondere sehr auf die MBA-Olympiade an der HEC Paris im März, wo die Top-MBA Schulen aus ganz Europa zusammentreffen, um sich in vielen sportlichen Disziplinen zu behaupten. Und gemeinsam Party zu machen.

Interview: Christoph Mohr

Mehr über Zahir Dehnadis RSM-Erfahrungen finden Sie in seinem MBA-Blog jede zweite Woche in Handelsblatt-Perspektiven.

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