Interview
MBA zwischen Obama und Finanzkrise

Wie ist die Stimmung an den US-Business Schools? Der deutsche MBA-Student Bastian Latt gibt einen Einblick.

Handelsblatt: Die USA befinden sich in der Phase des Regierungswechsels, in den nächsten Tagen wird Präsident Barack Obama offiziell in sein Amt eingeführt. Wie stark prägt das die Stimmung?

Bastian Latt: Leider sind wir durch das Recruiting für die Sommerpraktika und das ständig hohe Lernpensum recht eingespannt, und es bleibt wenig Zeit, sich im Detail mit der Amtseinführung zu beschäftigen. Trotz allem informieren wir uns natürlich vor allem über die wirtschaftliche Agenda, die Obama in den letzten Wochen schon angekündigt hat.

Glaubt man den Presseberichten, sind gerade junge Amerikaner begeistert von Obama. Findet sich diese Begeisterung unter den Tuck-Studenten wieder?

Die Tuck School of Business ist ja Teil des Dartmouth College, eine der acht Ivy League-Universitäten der USA. Der Großteil der Dartmouth Undergraduates, also der Studenten im Erststudium, hat Obama wie einen Rockstar gefeiert. So zogen nach der Siegesrede am 4. November hunderte von Studenten über den Campus und sangen die Nationalhymne vor dem Haus des Präsidenten von Dartmouth. Für viele ist der Wahlausgang seit langem das erste Mal wieder ein Grund, auf ihr Land stolz zu sein. An Tuck sind die Meinungen ausgewogener. Viele begegnen Obama mit Skepsis, da sie eine protektionistische Handelspolitik befürchten. Außerdem gehen einige davon aus, sich bald in Einkommensklassen zu bewegen, die durch Obama?s Steuerreform benachteiligt wären.

Wie politisch, bzw. politisch engagiert sind Tuck-Studenten überhaupt?

Einige meiner Kommilitonen waren aktiv an der Obama-Kampagne beteiligt, ansonsten wird Politik im Klassenzimmer und in größerer Runde thematisch eher vermieden.

Eine neue US-Administration bedeutet immer auch neue Job- und Karrierechancen. Ist das auf dem Campus ein Gesprächsthema?

Definitiv. Für Nicht-amerikanische Studenten, die in den USA bleiben wollen geht es z.B. auch um die Anzahl der H-1B Visas, die die neue Administration zur Verfügung stellt. Vor allem aber besteht die Hoffnung auf mehr Transparenz in der Wirtschaft im allgemeinen, sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen im "green sector", also in der Energiebranche etc.

Inwieweit haben sich Wahl und Wahlausgang auch im "classroom" widergespiegelt.

Die Wahl wurde relativ wenig thematisiert. Ich habe es persönlich begrüßt, dass Politik im "classroom" keinen Einfluss hatte. Natürlich gab es jedoch im privaten Rahmen einige hitzige Diskussionen unter den Studenten.

Und wie haben Sie das als Deutscher erlebt?

Es war äußerst spannend in dieser Zeit in den USA zu sein. Deutschland hatte sich ja recht eindeutig entschieden bei dieser Wahl - in den USA sah die Sache ganz anders aus und es war interessant zu sehen, weshalb Teile der Bevölkerung Obama nicht für geeignet hielten.

Ihr MBA fällt nicht nur in die Zeit des Regierungswechsels, sondern auch in die große Finanzkrise.

Die Stimmung ist natürlich etwas gedrückt. Allerdings ist Tuck als exzellente General Management-Schule recht breit aufgestellt und der Name Tuck öffnet auch Türen außerhalb der klassischen Branchen Banking und Consulting. Außerdem hat Tuck eine äußerst loyale Alumni-Gemeinde, die jetzt natürlich besonders gefragt sein wird.

Inwieweit spiegelt sich die Finanzkrise im classroom (teaching) wider?

Die Finanzkrise wurde aktiv aufgegriffen in Fächern wie Decisions Science (Excel Modeling), Economics und Capital Markets. Außerdem hatten wir eine Reihe von so genannten News Hours, wo Professoren wie Matthew Slaughter, der Mitglied des Council of Economic Advisers war, Einblicke in ihre Sicht der Dinge gaben.

Die Business Schools sind ja nicht ganz "unschuldig" an der Finanzkrise. Viele Tuck-MBA-Absolventen sind in die Finanzindustrie gegangen und auch manche der heute umstrittenen Finanzinstrumente wurden hier angedacht. Gibt es so etwas wie Selbstzweifel oder Mea culpa-Äußerungen an Tuck ?

Den Business Schools eine Mitschuld zuzuschreiben, greift meines Erachtens zu kurz. Die Schulen haben lediglich Absolventen an Wall Street geschickt. Dort wurden dann die Derivate ersonnen, die u.a. zu dieser Krise geführt haben. Insofern wird z.B. eher darüber diskutiert wie es sein konnte, dass die Risk Management-Modelle der Marktteilnehmer und Rating-Agenturen keine negative Entwicklung der Immobilienpreise kannten.

Nun wird an der Wall Street gerade einmal wieder entlassen, und damit verdüstern sich auch die Job-Perspektiven für alle MBA-Studenten, gerade auch für die, die in's Investment Banking/die Finanzindustrie wollten. Wie ist da die Stimmung unter Ihren Kommilitonen?

Viele meiner Kommilitonen, die ins Banking wollten sind nun auf andere Branchen umgesattelt. Diese Herdenmentalität führt nun dazu, dass diejenigen, die weiterhin auf Banking gesetzt haben, eine beachtliche Zahl an Interviews bekommen haben. Allerdings sind dies vor allem Kommilitonen mit vorheriger Erfahrung in der Finanzbranche. Die verbliebenen Banken rekrutieren weiterhin an Tuck, auch wenn sie natürlich nicht mehr so viele Angebote für summer internships (Sommerpraktika) mitbringen.

Interview: Christoph Mohr

Bastian Latt (29) macht gegenwärtig an der Tuck School of Business am Dartmouth College seinen MBA. Latt studierte BWL an der FH München und arbeitete dann bei Siemens und BenQ mobile und war zuletzt bei AutoScout24 im Marketing tätig.

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