Interview mit Steffen Leistner
Der Mythos lebt

Ein MBA-Studium an der Harvard Business School erweist sich für viele als der definitive Karriere-Kick. Steffen Leistner, heute Vice President/Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, machte von 1991 bis 1993 seinen MBA an der Harvard Business School.

Rückblickend betrachtet: Wo standen Sie job-/karrieremäßig, als Sie sich entschlossen, einen MBA zu machen?

Steffen Leistner: Ich war damals Leiter Strategie im Kali Kombinat Sondershausen (damals DDR). Unmittelbar als Folge der Wende wurde meine weitere Karriere in diesem Unternehmen nach der Übernahme durch die Treuhand "beendet". Ich entschloss mich, diesen Umstand zu nutzen und mich weiterzubilden.

Hatten Sie vor oder bei Antritt des MBA-Studiums eine klare Karriere-Perspektive?

Klar war mir nur, dass sich etwas dramatisch ändern musste. Zum einen wollte ich den Industriezweig nach insgesamt zehn Jahren im Bergbau wechseln. Zum Zweiten hatte ich in einigen Feldern wie Marketing oder Kapitalmärkte erhebliche Wissenslücken bedingt durch das System, in dem ich aufwuchs. Der MBA sollte mir helfen, diese zu schließen, und mir gleichzeitig neue Karrieremöglichkeiten eröffnen. Was das genau sein sollte, wusste ich jedoch noch nicht. Hätte mir im Vorfeld jemand gesagt, du wirst Berater, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Mit Consulting konnte ich damals nichts anfangen.

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Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Die Wissenslücken konnte ich sehr gut schließen. Des Weiteren fand ich durch Gespräche, Foren etc. Zugang zu völlig neuen Zukunftsvisionen, wie beispielsweise dem Management Consulting oder dem Non-profit-Bereich. Die Unternehmensberatung selbst bot mir exzellente Möglichkeiten, neue Industrien kennen zu lernen und mich in einer von ihnen rasch zu entwickeln. Die Garantie von Booz Allen Hamilton, mich in der Telekommunikation engagieren zu können, überzeugte mich damals wie heute. Völlig neu war für mich auch die Erkenntnis, dass ich nach Abschluss des MBAs an der HBS quasi auf einen Schlag nicht mehr primär "Ossi" war und von so manchem mit Skepsis betrachtet wurde, sondern Harvard-Absolvent, dem sich so ziemlich alle Türen öffneten. 1993 musste man sich nicht bewerben, man wurde umworben.

Hat sich der MBA job- und karrieremäßig gelohnt?

Ja, auf alle Fälle. Zum einen hat der MBA den Einstieg in eine Top-Management-Beratung deutlich erleichtert. Außerdem hat mir das dort erlernte "Handwerkszeug" geholfen, eine erfolgreiche Karriere im Consulting zu machen. Es gibt auch Dinge, die kommen erst jetzt, über ein Jahrzehnt nach meinem Abschluss, so richtig zum Tragen: das phantastische Alumni-Netzwerk beispielsweise.

Was haben Sie an der Harvard Business School gelernt, was Sie beruflich heute verwenden können?

In erster Linie wurde der Gemeinsinn geschult - aber auch die Anwendung von Wissen. Das hing schon damit zusammen, dass man mit über 800 aus der Managementpraxis entwickelten Fallstudien nach zwei Jahren Studium fast mit einer "Case-Brille" durchs professionelle Leben läuft, oftmals einen Vergleich zitieren kann oder aber sehr geübt darin ist, die entscheidenden Fragen zu stellen.

Durch die Wahlmöglichkeit bei ca. 60 Prozent der Fachgebiete habe ich sehr gezielt meine größten Wissenslücken etwa im Marketingbereich schließen können, ohne natürlich zu behaupten, dass ich mich nach einigen Kursen zum "Guru" entwickelt hätte. Das ist auch nicht der Zweck des MBA-Studiums. Vielmehr ist die Vermittlung von praxisnahem Managementwissen der Kernpunkt - und das ist hervorragend gelungen.

Wie wichtig ist das Alumni-Netzwerk Ihrer Schule für Sie?

Es ist im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Heute, zehn Jahre nach dem Abschluss, wo fast jeder Absolvent an wichtigen Entscheiderpositionen in der Hierarchie angelangt ist, wo es manchmal auch "sehr einsam" wird, suchen viele Executives Verbindungen zu "alten Vertrauten". Allein aus meiner Sektion arbeite ich bereits mit fünf ehemaligen Mitstudenten zusammen. Ich kann mich in jedem Erdteil bewegen und treffe auf Harvard Alumnis, die mir offen gegenüber stehen und mir helfen.

Manchmal sind es nur kleine Begebenheiten, wie ein Beispiel zeigt: Die Erteilung meines US-Visums gestaltete sich sehr schwierig. Erst als der Vorgesetzte im US-Konsulat hinzugezogen wurde und feststellte, dass wir beide Harvard-Alumnis sind, wurde mir ohne weitere Fragen das Visum erteilt. Man sieht: Eine gemeinsame Vergangenheit kann Türen öffnen!

Wie nützlich sind diese Kontakte für Sie heute beruflich?

Für mich sind diese Kontakte unglaublich nützlich. Bei zwei meiner Klienten arbeite ich sehr eng mit Alumnis zusammen. Uns verbinden der Mobilfunk und die Herausforderungen, die damit verknüpft sind. Für uns ist es eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich auszutauschen und den gegenseitigen Erfolg zu fördern.

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