Advokaten rücken selbst ernannten Spezialisten zu Leibe
Anwaltschaft will Fachanwaltstitel ausbauen

Die deutschen Anwälte wollen noch in diesem Jahr weitere Fachanwaltsbezeichnungen einführen - unter anderem zum Baurecht, Medizinrecht, Mietrecht, Verkehrsrecht und Wettbewerbsrecht. Außerdem soll die jährliche Fortbildungspflicht der Fachanwälte von zehn auf zwanzig Stunden verdoppelt werden. Das erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der für die Einführung neuer Fachanwaltstitel zuständigen Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer.

HB GARMISCH. Damit reagieren die Anwaltsfunktionäre auf die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG), wonach sich ein Rechtsanwalt zumindest in Rechtsgebieten, für die kein Fachanwaltstitel besteht, als Spezialist bezeichnen darf. Da es bislang nur für acht Rechtsgebiete Fachanwälte gibt, fürchten die Funktionäre, dass das Ansehen der Fachanwälte durch selbst ernannte Spezialisten untergraben werden könnte. Dem will man durch eine rasche Erweiterung der Fachanwaltstitel und eine qualitative Aufwertung der Marke "Fachanwalt" zuvor kommen.

Gewinner dieser Entwicklung sind private und gewerbliche Rechtsuchende, denen künftig die Auswahl des für ihr Rechtsproblem geeigneten Anwalts erleichtert wird. Denn Fachanwalt darf sich nur nennen, wer in dem betreffenden Rechtsgebiet eine bestimmte Anzahl an bearbeiteten Fällen nachweisen kann, einen theoretischen Fachanwaltslehrgang besucht und die Abschlussprüfung bestanden hat.

"Die Satzungsversammlung muss die Fachanwaltstitel endlich massiv ausbauen", fordert der Freiburger Rechtsanwalt Michael Kleine-Cosack, selbst Mitglied der Satzungsversammlung und 1987 maßgeblich daran beteiligt, dass das damalige Standesrecht der Anwälte vom BVerfG gekippt worden war. Der Anwalt befürchtet, dass sonst das Bundesjustizministerium selbst im Wege der Verordnungsweg neue Fachanwälte bestimmen könnte. Darüber werde in Berlin schon nachgedacht, sagt Kleine-Cosack.

Die Satzungsversammlung ist das Parlament der Anwaltschaft. Es besteht aus den gewählten Mitgliedern und den Präsidenten der regionalen Rechtsanwaltskammern sowie dem Präsidenten der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Seine Aufgabe ist es, die Berufsordnung der Rechtsanwälte als Satzung zu erlassen und fortzuschreiben. Dazu gehört auch die Einführung der geplanten neuen Fachanwaltstitel, die der zuständige Ausschuss dem Anwaltsparlament auf der nächsten Sitzung am 22. November 2004 vorschlagen will.

Seit Anfang der 90er Jahre konnten sich die Anwälte nur auf acht Fachanwaltstitel einigen - und zwar zum Arbeitsrecht, Familienrecht, Insolvenzrecht, Sozialrecht, Steuerrecht, Strafrecht, Versicherungsrecht und Verwaltungsrecht. Verglichen mit den Ärzten, die mittlerweile über 30 verschiedene Facharztrichtungen anbieten, die von der Bevölkerung auch angenommen werden, hinkt die Anwaltschaft weit hinterher. "Wir reagieren immer nur statt zu agieren", beklagt Hubert van Bühren, Vorstandsmitglied der Rechtsanwaltskammer Köln und Mitglied der Satzungsversammlung.

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