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Angst essen Leistung auf

Mercedes 8 500, Siemens Business Services 2 400, Spar 1 700. Der Stellenabbau in Deutschland geht weiter – und hinterlässt bei den verbliebenen Beschäftigen Angst, Unsicherheit und Stress. Sie quält die Frage: Werde ich der womöglich Nächste sein? Das bleibt nicht ohne Folgen für das Unternehmen als ganzes: Die Mitarbeiterproduktivität sinkt.

Das Kostensenkungsprogramm – das ja eigentlich die Firma finanziell besser aufstellen sollte – führt stattdessen allzu oft zu hohen wirtschaftlichen Schäden. Durch schwindende Motivation und psychische Erkrankungen der Mitarbeiter entstehen in Deutschland jedes Jahr Verluste von 247 bis 260 Milliarden Euro, schätzt das Meinungsforschungsinstitut Gallup sogar.

Dass der Erfolg eines Unternehmens direkt mit der psychischen Gesundheit seiner Mitarbeiter zusammenhängt, hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung belegt. Die derzeitige Arbeitsplatzunsicherheit jedoch macht immer mehr Mitarbeiter krank, so das Fazit einer aktuellen Umfrage der DAK. Fast bei der Hälfte der 2 000 befragten Angestellten wurden im vergangenen Jahr Stellen abgebaut. „Arbeitnehmer aus solchen Unternehmen klagen deutlich öfter über Kopfschmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme“, berichtet Christian Vetter, Experte für betriebliche Gesundheitsförderung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido). Und: „Fast jeder Zweite aus Betrieben mit Personalabbau klagt über Lustlosigkeit und fühlt sich ausgebrannt.“

Die Angst um den Job hat zwar den Krankenstand um ein Zehntel gedrückt, wodurch nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums Arbeitgeber 2004 rund eine Milliarde Euro an Lohnfortzahlungen eingespart haben. „Doch das ist ein zweischneidiges Schwert“, warnt Vetter. „Denn letztlich werden Krankheiten verschleppt und Ängste geschürt, was direkt auf die Leistungsfähigkeit zurückschlägt.“ Alarmierend: Fehltage durch psychische Erkrankungen haben zwischen den Jahren 2000 und 2004 um 42 Prozent dramatisch zugenommen. Psychische Probleme rangieren heute an vierter Stelle bei den Gründen für Fehlzeiten. Die Auslöser dafür benennt DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher: „Veränderungen in der Arbeitswelt, der Zeitdruck, die Arbeitsverdichtung und die Arbeitsplatzunsicherheit.“

Das kann keinen Chef kalt lassen. Jedoch: „Zu wenige Unternehmen machen das bislang zum Thema“, meint Vetter. Er rät: „Wenn ein Personalabbau ansteht, sollten Chefs darauf achten, dass ihre Mitarbeiter nicht verunsichert werden. Da hilft nur eins: Transparenz schaffen.“

„Doch statt auf Offenheit trifft man oft auf Geheimniskrämerei des Managements“, klagt Bernd Rudow, Professor für Arbeitswissenschaften an der TU Merseburg. Firmen sollten sich bewusst machen: „Angst ist ein schlechter Motivator, beschädigt die Unternehmenskultur und stört das Vertrauen zwischen Management und Belegschaft.“

Laut Rudow ist es ureigene Aufgabe der Führung, bei Personalabbau rechtzeitig vorzusorgen. Er rät, mit den verbleibenden Mitarbeitern direkt ganz offen Gespräche über ihre künftige Aufgaben zu führen – und dabei deren Belastbarkeit im Blick zu haben. Denn was sich auf Neudeutsch Arbeitsverdichtung nennt, heißt nichts anderes, als dass die Zurückgebliebenen die Arbeit der Geschassten mitmachen müssen.

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