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Anstandskurse für Manager in spe

Jessica Rebbe hatte ein gutes Gefühl. Das Bewerbungsgespräch mit dem Personalchef von Wal-Mart war prima gelaufen. Der Job in der Marketing-Abteilung des US- Unternehmens schien gesichert. Jetzt musste die junge Betriebswirtin aus Los Angeles nur noch das 30-seitige Ethik-Pamphlet der Firma studieren und unterschreiben. Eine 30-seitige Ethik-Fibel für Berufsanfänger? Durchaus keine Seltenheit.

HB LOS ANGELES. Seit den Betrugsskandalen um Enron, Worldcom und Martha Stewart spielt im Land der Vielarbeiter die Frage der Ethik im Berufsalltag eine fast ebenso große Rolle wie die der Gehaltsvorstellungen. „Ethik in der Geschäftswelt ist heute wichtiger denn je“, bestätigt Robert Brent, Professor für Business Ethics an der University of Southern California in Los Angeles.

Wohl deshalb ist das Thema Ethik – laut Aristoteles „die Tugend, etwas Gutes erreichen zu wollen“ – heute der Renner bei den amerikanischen Studenten. Überall im Lande werden Ethik-Seminare angeboten. „Und sind meist bis auf den letzten Platz ausgebucht“, berichtet Brent.

„Drei Jahre lang habe ich vergeblich versucht, Ethik im Lehrplan durchzudrücken. Dann flogen die Skandale von Enron und Tyco auf, und plötzlich kann ich so viele Seminare geben, wie ich möchte“, freut sich Bernard Curtis, Philosophie- Professor an der UC Irvine.

Sogar in den Sommerferien platzt sein Hörsaal aus allen Nähten. Das Thema „ Ethik am Arbeitsplatz, Dilemma und Entscheidung“, lockt angehende Akademiker aus unterschiedlichen Bereichen an. „Mein Kursus wird nicht nur von Betriebswirten, sondern auch von Literaturwissenschaftlern, Mathematikern und Medizinern besucht“, berichtet Curtis. Seine Vermutung, warum Ethik plötzlich eine Art Renaissance erlebt: „Jeder Projektmanager wird früher oder später mit einem ethischen Dilemma konfrontiert. Und die jungen Leute wollen wissen, wie sie die richtigen Entscheidungen treffen können.“

Was aber ist eine ethisch richtige Entscheidung? Und wie bringt ein Professor zukünftigen Führungskräften ein ethisches Verantwortungsgefühl bei? „Die meisten Menschen verwechseln Ethik mit Moral“, sagt Curtis und fährt fort: „Ich versuche den Studenten beizubringen, dass Ethik auf vier Prinzipien aufbaut: Gleichheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Unvoreingenommenheit im Umgang mit anderen.“

Curtis fokussiert seine Vorlesungen dabei auf den Umgang mit anderen. Denn eine ethische Entscheidung bringe immer auch Verantwortung Dritten gegenüber mit sich.

Auch Ethik-Professor Brent stützt sich in seinen Seminaren auf diese These. „Die Studenten sollen erkennen, dass ihre eigenen Entscheidungen – sei es im privaten oder im beruflichen Bereich – immer auch einen Einfluss auf das Umfeld haben. Das können zum Beispiel Aktionäre einer Firma, Angestellte oder auch Subunternehmen sein, die auf die ethisch vertretbare Entscheidungsfähigkeit eines Managers angewiesen sind.

Robert Brent ist davon überzeugt, dass eine fortführende Diskussion mit – wie er es nennt – den „Teilhabern“ an einer Entscheidung, immer auch eine bessere Lösung des Problems herbeiführt. „Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass Ethik viel früher als erst im College gelehrt werden sollte. Immerhin sprechen wir hier über das Fundament von Richtig und Falsch. Eigentlich ein Thema, das schon mit Kindern im Familienkreis erörtert werden sollte.“

Paul Bellgraph, Immobilienmakler in Los Angeles, hat beim „Business Ethics“-Kurs vor allem eines gelernt – „mit meinen Entscheidungen sorgfältiger umzugehen“. So ist es ihm heute wichtiger, vor einem Immobilien-Geschäft dem Kunden alle Informationen zukommen zu lassen, „auch jene, die sich eventuell negativ auf die Verhandlungen auswirken“. „Ich verdiene vielleicht nicht so viel wie ich könnte. Aber ich bin überzeugt, dass man auf lange Sicht erfolgreicher ist, wenn man ethisch verantwortungsvoll handelt“, sagt der 34-Jährige.

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