Arbeitnehmer 50 plus
„Ich hänge dich im Marathon ab“

Frankreich kämpft gegen die Benachteiligung der Generation 50 plus: Mit Fernsehspots zur Hauptsendezeit versucht die französische Regierung die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ältere Arbeitnehmer nicht zum alten Eisen gehören. Die Gerichte greifen durch – und verhängen Strafen wegen Diskriminierung.

PARIS. Der ältere Herr mit gepflegtem Anzug lächelt leicht provozierend in die Kamera: „Ich kann dich jederzeit im Computerspiel schlagen“, sagt er. Kurz darauf erscheint eine ältere Dame und meint: „Ich hänge dich im Marathon ab.“ Der Spot des französischen Arbeitsministeriums endet schließlich mit der Frage eines weiteren Seniors: „Also, warum glaubst du eigentlich, wir seien zu alt, um mit dir zu arbeiten?“

Mit solchen Fernsehspots zur Hauptsendezeit versucht die französische Regierung, die Vorurteile in der Bevölkerung auszumerzen, dass Arbeitnehmer ab 50 Jahren zum alten Eisen gehören. Mit einer Beschäftigungsquote von knapp 38 Prozent der 55- bis 64-Jährigen zählt Frankreich zu den Schlusslichtern in der Europäischen Union. In den nächsten drei Jahren soll diese Quote auf 50 Prozent angehoben werden.

„Die Diskriminierung der Älteren ist am weitesten verbreitet und am ehesten akzeptiert“, urteilt Jean-François Amadieu, Soziologe und Leiter der unabhängigen Überwachungsstelle gegen Diskriminierung. Das soll sich nun ändern. Und dabei haben die Verfechter der Chancengleichheit der älteren Arbeitnehmer einen neuen, sehr mächtigen Verbündeten bekommen: Frankreichs Justiz. Mitte Februar verurteilte ein Gericht in Lyon das Rekrutierungsunternehmen F3S wegen der Diskriminierung älterer Arbeitnehmer zu einer Geldstrafe von 500 Euro auf Bewährung. Der Jobvermittler hatte im August 2004 eine Anzeige aufgegeben, auf die sich laut Anzeigentext nur Kandidaten „zwischen 28 und 35 Jahren“ bewerben sollten. Die Strafe fiel vergleichsweise milde aus, weil der Jobvermittler seinen Fehler eingeräumt hatte. Dennoch hat das Urteil viel Beachtung gefunden, denn es ist das erste seiner Art in Frankreich.

Auslöser der Klage war Vincent de Rocher, ehemaliger Personalmanager eines Nahrungsmittel-Unternehmens. Der 45-Jährige sucht seit mittlerweile sechs Jahren einen Job. Rocher ist Mitglied der Selbsthilfe-Vereinigung Apnée, die sich den Kampf gegen die Benachteiligung der Senior-Arbeitnehmer auf die Fahnen geschrieben hat.

„Ich bin sehr froh darüber, dass die Justiz endlich die Illegalität von Job-Annoncen mit Altersbegrenzung anerkennt“, kommentierte de Rocher das Urteil. Er hofft, dass Frankreichs Unternehmen diesen Warnschuss verstehen. De Rocher hat den Fall nicht selbst vor die Justiz gebracht, sondern über die Antidiskriminierungsbehörde Halde. Jeder kann die Halde auf den Plan rufen, wer sich wegen seines Geschlechts, Alters, der Hautfarbe oder aus einem anderen Grund benachteiligt fühlt. Insgesamt 40 Fälle hat der Verein Apnée der Antidiskriminierungsbehörde vorgetragen. Diese prüft die Beschwerden und kann in Einzelfällen selbst Sanktionen aussprechen. Und von den 40 Fällen, die die Apnée vorgebracht hatte, leitete die Halde sieben an die Justiz weiter. Doch Erfolge wie im Fall de Rocher sind leider noch die Ausnahme: „Der Großteil der Klagen wird nicht von der Justiz weiterverfolgt“, sagt Yves Barraud, Präsident von Apnée. So hat die Staatsanwaltschaft Paris keine Klage erhoben bei jenen Verdachtsfällen von Diskriminierungen, die die Hauptstadt betreffen. Nur die Staatsanwaltschaften von Lyon, Bordeaux und Niort haben ihre Fälle vor Gericht gebracht.

Was die Mitglieder der Apnée ferner nervt: Noch hat es kein Urteil mit Symbolkraft gegen einen namhaften Arbeitgeber wie die französische Staatsbahn SNCF oder die Job-Internetseite Monster.fr. gegeben.

Allen Beteiligten ist klar, dass es Jahre dauert, die Mentalität in der Wirtschaft in dieser Frage zu ändern. Schließlich hat der Staat selbst aktiv am Ausgrenzen Älterer mitgewirkt – und jahrzehntelang durch die Frühverrentung mitgeholfen, Mitarbeiter ab 50 Jahren aufs Altenteil zu schieben. Jetzt hat die Regierung die Kehrtwende verkündet – und richtete im Arbeitsministerium dafür eine Arbeitsgruppe ein.

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