Arbeitsflexibilität
Nirgends wird so viel gelogen

Umziehen für den Job? Flexibel sein für die Firma? Bei vielen Arbeitnehmern stoßen Unternehmen damit auf einen wunden Punkt. Gerade junge Leute machen immer weniger Zugeständnisse, wenn es um die eigene Karriere geht.

Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann durfte das tun. Für seine Entscheidung, der Familie Priorität in seinem Leben einzuräumen und nach Kalifornien zurückzugehen, hatten die meisten Verständnis.

So viel Verständnis schlägt den wenigsten Arbeitnehmern entgegen, wenn sie nicht wie auf Knopfdruck funktionieren und allzeit bereit sind, für die Firma mit Sack und Pack an jeden Ort der Welt umzuziehen. Dabei legen nicht mal die Manager, die von anderen Mobilität fordern, selbst Mobilität an den Tag. Auch Bayer Healthcare moniert, dass solche Weltbürger knapp sind. Bei Bayer Consumer Care zogen nur 15 von 100 Managern mit von Basel nach Deutschland.

Kompromisslosigkeit durch seinen Arbeitgeber erfuhr auch Sven Brandner*, der Abteilungsleiter eines Hamburger Softwarehauses. Eines Morgens hieß es: Das Unternehmen zieht nach München in die Räume der Mutterfirma um, um Kosten zu sparen. Brandner berief den Familienrat ein und schnell war klar: Seine Kinder wollten sich nicht von Schule und Freunden trennen. Auch die Ehefrau wollte nicht, weil sie dann ihren Job hätte aufgeben müssen. Brandner kündigte und machte sich selbstständig. Er verdient heute zwar deutlich weniger als zuvor, aber er bereut die Entscheidung nicht.

Der Hamburger ist kein Einzelfall, im Gegenteil: Für 56 Prozent der Deutschen kommt ein Umzug wegen des Jobs nicht in Frage, so jedenfalls das Ergebnis einer Onlineumfrage des Internetportals meinestadt.de.

Warum auch? Schließlich kann das Engagement in einer neuen Stadt durchaus ein Verlustgeschäft werden - auch wenn es sich zunächst anders anlässt. Die neue Firma kann morgen insolvent sein, von Investoren übernommen werden oder gar fusionieren - und schwupps stehen 1 000 Arbeitsplätze zur Debatte. Wer zuletzt kam, muss dann zuerst gehen. Ganz zu schweigen von Folgeproblemen wie Eigenheimen, die nur mit Verlust zu verkaufen sind.

Nur: Im Vorstellungsgespräch gibt das niemand so offen zu. "Bei keinem Thema wird so viel gelogen wie bei der Mobilität", weiß Michael Kramarsch, Geschäftsführer der Towers Perrin Vergütungsberatung. "Wer hypothetisch danach gefragt wird, ist zu jedem Umzug bereit. Aber wenn es dann zum Schwur kommen soll, sieht die Sache meist ganz anders aus", so Kramarsch.

Ähnliches erleben viele Unternehmen. Ex-MG-Chef Kajo Neukirchen schildert, wie er ein Werk mit 100 Mitarbeitern schloss. "Wir boten allen Stellen in einem zehn Kilometer entfernten Werk an. Kein einziger hat das Angebot angenommen. An dieser Immobilität hat sich bislang nichts geändert." Auch Ex-Beiersdorf-Chef Rolf Kunisch beklagte bereits vor Jahren, wie schwer es ist, Hamburger zum Standortwechsel zu bewegen.

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