Arbeitsmarkt
Topmanager entdecken den Einzelhandel

Das Image deutscher Einzelhandelsketten als Arbeitgeber gilt als schlecht - doch bei Führungskräften ist das Gegenteil der Fall. Personalexperten berichten in der Wirtschaftskrise über einen ungewöhnlichen Bewerber-Ansturm in der Branche. Ein besonders Plus ist die Krisensicherheit des Handels im Vergleich mit anderen Branchen.
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BAD HOMBURG. Fristlose Kündigung wegen unterschlagener 1,30 Euro Flaschenpfand bei Kaiser?s, heimliche Videoüberwachungen in Lidl-Filialbetrieben, angeblicher Missbrauch von Krankendaten bei der Drogeriekette Müller - das Image deutscher Einzelhandelsketten als Arbeitgeber eignet sich wohl eher, Führungskräfte in die Flucht treiben. Auch die langen Arbeitszeiten - gerne an sechs Tagen in der Woche - steigern kaum die Attraktivität der Branche.

Doch der Schein trügt. Seitdem der Handel im Vergleich zur Automobil- oder Maschinenbaubranche als einigermaßen krisensicher gilt, beobachten Recruiting-Experten unter Hochschulabsolventen einen Sinneswandel. Jens Kettler, Geschäftsbereichsleiter in der Hamburger Edeka-Zentrale, kann das bestätigen. "Bei uns gingen in diesem Jahr 900 Bewerbungen von Hochschulabsolventen ein", berichtete der Personalmanager in einer Expertenrunde des Handelsblatts. "Wir merken, dass ein Imagewandel kommt."

Bislang stand es um die Anziehungskraft deutscher Einzelhandelsketten eher schlecht. Unter den Top-20 beim Arbeitgeber-Ranking der Handelsblatt-Zeitschrift "Junge Karriere", das zuletzt Firmen anführten wie Braun Melsungen, ADAC oder die Bausparkasse Schwäbisch-Hall, fehlten in diesem Frühjahr Unternehmen aus dem Handel gänzlich. Auch im Jahr zuvor rangierten sie unter "ferner liefen". Das aber könnte sich bald ändern: Überraschend holen vor allem die Lebensmittelhändler in der Arbeitnehmergunst auf, die in der Öffentlichkeit bislang eher in zweifelhaftem Ruf standen. "Bei Aldi gab es in diesem Jahr so viele Bewerber wie noch nie", berichtet Thomas Hainke-Hentschel von der Personalberatung Boyden.

Beim "Deutschen Absolventenbarometer" des Berliner Trendence-Instituts, das 23 000 Studenten nach den bevorzugten Arbeitgebern befragte, rutschte Aldi Süd im vergangenen Jahr um 15 Ränge nach oben auf Platz 30. Auch Wettbewerber Rewe machte 20 Plätze gut - auch wenn der Kölner Konzern immer noch 77 Konkurrenzarbeitgeber vor sich hat. Selbst der Discounter Lidl, regelmäßig im Kreuzfeuer der Gewerkschaft Verdi, steht bei den Jobsuchenden hoch im Kurs. "Der Aldi-Verfolger gilt als perspektivenreiches Unternehmen", berichtet Hainke-Hentschel. Die Konzernzentrale in Neckarsulm profitiere vom Niedergang der Kaufhäusern Hertie, Woolworth oder Karstadt. Lidl habe damit die Chance, professionelle IT- oder Logistikexperten von den maroden Firmen abzuwerben. Was aus Sicht der Personalberater den Handel für Führungskräfte interessant macht? "Die Freiheitsgrade für Manager sind dort meist größer als in der Industrie", sagt Boyden-Geschäftsführer Dirk Friederich. Im Vergleich zu früher würden auch die Gehälter in der Branche immer interessanter. Ein Verkaufsleiter bei Aldi, von denen der Discountkönig allein in Deutschland an die 100 beschäftigt, komme rasch auf ein Jahresgehalt von 150 000 Euro, bestätigt Dieter Brandes. Der Hamburger Unternehmensberater, der auch für ausländische Discounter wie Biedronka (Polen), Jeronimo Martins (Portugal) oder Bim (Türkei) Verkaufskonzepte entworfen hat, muss es wissen: Lange Jahre leitete er selbst als Geschäftsführer die Billigkette Aldi Nord.

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