Auch Prominente werden systematisch demontiert
Terror am Arbeitsplatz nimmt zu

Die Wirtschaftskrise hat einen neuen Trend: Kollegen quälen. Sobald der Rauswurfhammer kreist und sich durch Fusionen zusammengewürfelte Teams im Büro drängeln, schlägt die Stunde der Machtspiele. Ausgrenzung, Sabotage und sogar Erpressung machen Arbeitnehmern das Berufsleben zur Hölle. 1,5 Millionen Mobbing-Opfer zählt der Deutsche Gewerkschaftsbund derzeit. Jeder Neunte erlebt im Laufe des Arbeitslebens systematische Schikanen.
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DÜSSELDORF. Und der Terror nimmt zu. "Seit zwei Jahren beobachten alle Beratungsstellen das gleiche Phänomen: Es wird immer mehr gemobbt", sagt Wolfgang Weis, Vorsitzender der Initiative gegen psychosozialen Stress und Mobbing in Gießen. 1 300 Menschen suchten 2002 Hilfe bei der gemeinnützigen Einrichtung - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Auch die Intensität der Attacken habe zugenommen, so Weis: "Wenn sich die Leute an uns wenden, leiden sie oft schon an psychosomatischen Krankheiten." Eine Studie des TÜV Rheinland ergab: 20 Prozent aller Suizide sind eine Folge von Schikanen im Job.

Mobbing gibt es schon so lange, wie Menschen miteinander leben und arbeiten. Doch seinen Namen bekam das Phänomen in Deutschland erst 1993 - vor genau zehn Jahren. Damals veröffentlichte der schwedische Arbeitspsychologe Heinz Leymann seine Studie zum gezielten Psychoterror am Arbeitsplatz erstmals auf Deutsch.

Zehn Jahre Mobbing in Deutschland - ein trauriges Jubiläum. Auch die Wirtschaft schaut mit Sorge auf die Angriffslust ihrer Angestellten. Die Kosten durch Leistungsabfall, Krankheit, Abfindungen und Suche neuer Mitarbeiter summieren sich leicht auf ein Jahresgehalt des Opfers. Bis zu 50 Milliarden Euro gehen deutschen Unternehmen dadurch jährlich verloren.

Zu gut, zu alt, zu unbequem: Simple Gründe sind es oft, die Menschen zum Mobbing-Opfer machen. Und keineswegs trifft es nur schwache Außenseiter. Auch Erfolgreiche und selbst Prominente werden systematisch demontiert.

Clara Furse, Chefin der Londoner Börse, bekam den Neid der Konkurrenz online zu spüren: Ein Ex-Börsenmakler lancierte per E-Mail und Internet bösartige Gerüchte über ihr Privatleben und ihre Management-Fähigkeiten. Sprint-Legende Merlene Ottey wurde von jüngeren Kolleginnen aus dem Jamaika-Team gemobbt. Sie startet jetzt für Slowenien - als Einzelkämpferin. Oskar Lafontaine, der starke Mann neben Gerhard Schröder, wurde von Parteigenossen kaltgestellt. Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen flüchtete nach fortgesetzten Schikanen des Technischen Direktors bei Williams zu einem anderen Rennstall.

Wie schnell schon eine harmlose Meinungsverschiedenheit in Psychoterror umschlagen kann, zeigt der Fall Sigrid Löffler, die von Marcel Reich-Ranicki mit verbalen Tiefschlägen aus dem "Literarischen Quartett" gedrängt wurde. Oder auch Schalkes Manager Rudi Assauer, dem Trainer Rolf Schafstall einst sogar den Zugang zum Trainingslager verbot. Um so wichtiger ist es, dass die Betroffenen rasch reagieren.

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