Ausblick auf 2005
Ethik hat es in den Unternehmen schwer

Abhilfe schafft ein umfassendes Wertemanagement in den einzelnen Unternehmen, aber auch in den Branchen.

HB DÜSSELDORF. Der Ruf nach moralisch einwandfreiem Verhalten von Unternehmen und denen, die sie führen, wird auch 2005 nicht verstummen. Die Erinnerung an die viel zitierten Bilanzskandale und die so empfundene „Raffgier der Manager“ ist noch frisch, und es wird wohl auch im neuen Jahr nicht an Ereignissen mangeln, die dem Gerechtigkeitsgefühl widersprechen.

Auch steht die Aufarbeitung von Altfällen an. Zum Beispiel der von Michael Kölmel, Chef des Filmrechtehändlers Kinowelt, der im Juli 2004 wegen Untreue in vier Fällen sowie Insolvenzverschleppung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt worden ist. Der Richter attestierte dem ehemaligen Star des Neuen Marktes, er sei ein „gewisser Abenteurer“ gewesen, der eine „Art Monopoly-Spiel“ betrieben habe. Ob Aktionäre, Mitarbeiter und Öffentlichkeit dieses Urteil teilen, wenn demnächst die Revision des Verfahrens ansteht?

Am besten für alle Beteiligten ist es, wenn die Akteure versuchen, Fehlverhalten schon im Ansatz zu verhindern. Ein Beispiel bietet die bayerische Bauwirtschaft, die sich seit langem dem Vorwurf der Korruptionsanfälligkeit ausgesetzt sieht. Vor sechs Jahren hatte sie aus diesem Grund beim Ansehen einen Tiefpunkt erreicht: „Der Leidensdruck war groß, hie und da standen die Staatsanwälte vor der Tür“, sagt Joachim Fetzer, ein Immobilienmanager, der sich beim Zentrum für Wirtschaftsethik engagiert.

Impulse außerhalb der Branche

Zunächst stark belächelt, hätten die Bayern daraufhin ein Ethikmanagement für die Bauwirtschaft aufgesetzt, das nicht nur das nutzlose Versprechen voraussetze, auf Bestechungen zu verzichten, sondern überprüfbare Vorbeugungsmaßnahmen fordert. Hierzu gehören unter anderem Schulungen der Mitarbeiter, die Androhung der Entlassung durch Aufnahme des Bestechungsverbots in den Arbeitsvertrag, der Einsatz der Revisionsabteilung, das Mehraugenprinzip sowie Strafklauseln in Lieferanten- und Kundenverträgen.

„Wer unser Zertifikat haben will, verpflichtet sich, keine Rechtsverstöße mehr zuzulassen und das Wertemanagement zur Chefsache im Unternehmen zu machen“, sagt Detlef Lupp, Leiter der Rechtsabteilung im bayerischen Bauindustrieverband. Die Kriterien, die den Vorbeugemaßnahmen gegen Korruption zu Grunde liegen, seien mit der Hilfe von Wissenschaftlern erarbeitet worden. Unternehmen, die glauben, den Ansprüchen zu genügen, werden von einem externen Gutachter besucht, dessen Urteil dann von einem unabhängigen Zertifizierungsausschuss bestätigt werden muss. Es gilt zunächst für ein Jahr, danach wird die Zertifizierung alle drei Jahre wiederholt. Der bayerischen Initiative haben sich inzwischen Bau-Unternehmen aus anderen Bundesländern angeschlossen.

Es gibt auch Impulse außerhalb der Branche: Netzwerker Fetzer berichtet, dass auch „einer der größten Auftraggeber der Bauwirtschaft“, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG, ein Wertemanagement betreibt. „Wir werden in den nächsten Jahren 3,4 Mrd. Euro in unser Ausbauprogramm investieren“, sagt Fraport-Sprecher Klaus Busch. Da sei die Gefahr groß, dass Bauunternehmen versuchten, durch die Bestechung von Flughafenmitarbeitern an Aufträge zu kommen. Käme es – wie leider in der Vergangenheit geschehen – zu rechtswidrigem Handeln, trüge der Flughafen den Schaden: Der Bestechende setzt dem betrogenen Unternehmen seine „nützlichen Aufwendungen“ in versteckter Form auf die Rechnung. Schon aus diesem Grund sollen Täter fristlos gekündigt werden: „Das wird rigoros umgesetzt“, sagt Busch.

„Wertemanagement ist aber bei weitem nicht nur der Kampf gegen die Korruption“, sagt Fetzer. Vielmehr gehörten auch das Verhalten als Arbeitgeber, die Personalpolitik, die Kontrolle der Lieferanten, die auf Kinderarbeit verzichten und nachhaltig produzieren sollen, oder auch der Umweltschutz dazu. Im internationalen Vergleich sei die deutsche Wirtschaft „ein bisschen spät dran“ mit ihren Bemühungen, ein verlässliches Wertemanagement einzurichten.

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