Ausgezeichnete Hochschule
Neuer Geist im Schloss

Mannheim ist die beste Wirtschaftsuni Deutschlands - dank wenig Bürokratie und enger Zusammenarbeit mit Unternehmen.
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Knapp, klar, kalkuliert. Im Büro von Hans-Wolfgang Arndt weiß der Besucher sofort, woran er ist. Auf 60 Quadratmetern vier rote Designersessel, ein Schreib- und ein Konferenztisch, an den Wänden moderne Kunst. Mehr nicht. "Wir haben", sagt der Rektor der Uni Mannheim, "kürzlich renoviert und viel alten Plunder rausgeworfen."

Das hat Programmcharakter. Denn Arndt sieht sich als Reformer, als Macher, der mit akademischen Traditionen bricht und seine Hochschule fit macht für die Zukunft. Kein Gelehrter alten Schlages, eher der Vorstandschef eines Unternehmens mit dem Produkt Bildung. Das prägt auch Arndts Sprache: "Wettbewerb" ist ein Wort, das der Unirektor gerne verwendet, "Leistung" ein anderes, "Spitzenposition" ein drittes. Von Letzterer allerdings, daran lässt er keinen Zweifel, sind sämtliche deutschen Hochschulen weit entfernt. "International", so Arndt, "sind wir bedeutungslos."

Dabei zählt die mit 12 000 Studenten relativ kleine Uni in einigen Fächern seit Jahren zu den angesehensten deutschen Ausbildungsstätten. Dank zahlreicher emsig vorangetriebener Reformprojekte gilt Mannheim als modern, innovativ und international - ein Modell für andere Hochschulen, die einen Ausweg aus Mittelmaß und Finanzkrise suchen.

Doch das ist Arndt nicht genug, sein Team will mehr: "Manche meinen immer noch, dass der Wind an der Uni nicht so rau weht", sagt er. Ginge es nach ihm und seinen Professorenkollegen, würde aus dem Wind ein Sturm, der überflüssigen Ballast wegweht und am Ende eine Uni übrig lässt, die nicht mehr viel mit der Alma Mater von heute gemeinsam hat.

BWL ist der größte Fachbereich der Uni

Im Mittelpunkt der Bemühungen stehen die Wirtschaftswissenschaften, die Mannheimer Prestigedisziplin. Mit knapp 4500 Studenten ist BWL der mit Abstand größte Fachbereich der Uni, die feudal im Kurfürstlichen Schloss residiert. Hier hat die Uni bei Personalchefs den besten Ruf aller deutschen Hochschulen (WirtschaftsWoche 8/2003) und genießt auch bei der Konkurrenz hohes Ansehen. "Ein hervorragendes BWL-Studium", bescheinigt etwa Professor Manfred Timmermann, Rektor der privaten European Business School (ebs) in Oestrich-Winkel, den Mannheimern.

Dass die Wirtschaftswissenschaftler so gut dastehen, ist kein Glücksfall. Hier lehren renommierte Professoren wie der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz, der Vorsitzende der Monopolkommission Martin Hellwig oder Marketingstar Christian Homburg. Die Macher orientieren sich an internationalen Maßstäben. So hat sich Mannheim als erste deutsche BWL-Fakultät von der amerikanischen Association to Advance Collegiate Schools of Business (AACSB) akkreditieren lassen.

"Dadurch sind wir für ausländische Studenten deutlich attraktiver geworden", sagt Professor Martin Schader, Dekan der BWL-Fakultät. Nicht nur das: Bei den regelmäßigen Treffen mit Business-School-Vertretern aus aller Welt holen sich die Mannheimer neue Ideen. So setzt die Uni in ihrem MBA-Programm auf internationale Partner. Den "European MBA" bietet sie gemeinsam mit der Warwick Business School und der französischen ESSEC an. Das einjährige Studium kostet 15 000 Euro, auf jeden Platz kamen im vergangenen Jahr 13 Bewerber.

Auch im regulären Diplomstudium hat die Uni einiges zu bieten. Das Angebot ist breit, die Studenten können zwischen 17 Spezialisierungen wählen, mit 80 ausländischen Hochschulen bestehen Partnerprogramme. Auch die Bibliothek kommt den Bedürfnissen ihrer Nutzer entgegen: Sie ist mit aktuellen Büchern gut bestückt und hat auch sonntags geöffnet.

Entscheidungswege sind kurz

Ein besonderes Angebot ist das BWL-Studium mit interkulturellem Schwerpunkt. Wer sich dafür entscheidet, lernt nicht nur, wie man Bilanzen liest und Produkte an den Mann bringt, sondern hat auch Unterricht in Sprache, Geschichte und Kultur eines Landes seiner Wahl. Das lohnt sich später. Schader: "Die Absolventen kommen bei den Unternehmen gut an."

Über deren weiteren Lebensweg ist der Dekan gut informiert. Dafür sorgt AbsolventUM, mit inzwischen 3500 Mitgliedern eines der größten deutschen Alumninetze. Bei den regelmäßigen Treffen vermitteln die Ehemaligen Kontakte und Jobs, Studenten kommen über die Organsiation leicht an Praktika. Von den Mitgliedsbeiträgen der Exstudenten profitiert die Uni genauso wie vom Marketing der Organisation. Für 400 Euro vertreibt AbsolventUM eine CD-ROM mit Daten der aktuellen Uniabgänger, die in den Recruitingabteilungen vieler Unternehmen Pflichtlektüre ist.

Dass in Mannheim solche Projekte leicht ins Rollen gebracht werden, liegt an den kurzen Entscheidungswegen der Uni, die ihre Organisationsstruktur in den vergangenen Jahren vereinfacht hat. Jede Abteilung hat außerdem klare, in Zahlen gegossene Ziele. Eine kürzlich umgesetzte Vorgabe war etwa, dass Studenten ihre Dozenten und deren Lehrveranstaltungen bewerten - Kundennähe an der Hochschule.

Vor allem bei Unternehmen kommt das Mannheimer Konzept gut an. Prominente Wirtschaftsführer referieren hier regelmäßig über aktuelle Themen, Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel ist seit zweieinhalb Jahren Honorarprofessor in Mannheim. Jeden Mittwoch um 13.45 Uhr bittet er im laufenden Sommersemester zur Vorlesung über "Management in einer globalisierten Welt".

Unternehmen engagieren sich

Bei der Partnerschaft mit Konzernen springt auch Zählbares heraus: Zwar pflastern schmutziggraue Linoleumfliesen den Schlossfußboden, aber schon die Infoschaukästen an den Wänden darüber tragen die Sponsorenlogos einer Unternehmensberatung und einer Jobbörse. Der IT-Personalvermittler Ascena hat schmucke Sitzschnecken ins Foyer gestellt, auf die sich Studenten mit ihren Laptops zum Surfen und Büffeln zurückziehen können. Via Wireless-LAN ist der Zugang zum Internet auf dem gesamten Campus problemlos möglich.

Auch die Renovierung zahlreicher Hörsäle haben Unternehmen finanziert. Dafür durften sie dann bei der Gestaltung mitreden: Der von MLP etwa ist himmelblau - er wurde fertig, bevor der Aktienkurs ins Bodenlose stürzte. Im Röchling-Hörsaal sollen Bretter, die über die Decke von einer Wand zur anderen laufen, die Verbundenheit von Lehre und Praxis zeigen. Technisch sind die Räume alle auf dem neuesten Stand, mit Beamer für die Projektion der Schaubilder vom Laptop an die Wand.

Den bisher größten Förderbatzen steuerte im Februar Hasso Plattner bei. Der SAP-Gründer machte für die Schlossuni zehn Millionen Euro locker. Damit wird der Mittelbau des noch vor Versailles größten Barockschlosses Europas um zwei Etagen aufgestockt. Wenn die neuen Räume 2007 fertig sind, ziehen dort die geisteswissenschaftlichen Bibliotheken ein.

Die Unternehmen profitieren von ihrem Engagement durch Kontakte zu künftigen Führungskräften, die gut in ihr Anforderungsprofil passen. Der Praxisbezug wird ständig ausgebaut, so soll die Prüfungsordnung in wenigen Jahren jeden Studenten verpflichten, für ein Jahr ins Ausland zu gehen. Und ökonomische Inhalte werden immer wichtiger. Selbst in den Kulturwissenschaften sollen sie künftig auf dem Lehrplan stehen.

Konzentration auf das "Kerngeschäft"

Die Wirtschaftsfakultät ist das Zugpferd, alles andere wird dem untergeordnet. Was nicht mehr ins Konzept passt, kommt weg. Die Uni macht gerade die Geografie dicht, in der Slawistik gibt es in Zukunft nur noch zwei wirtschaftsnahe statt bisher fünf Studiengänge. Am liebsten würde die Hochschulleitung auch noch die Zahl der Studenten radikal verringern, sich auf die Aus- und Fortbildung von Spitzenkräften konzentrieren und die gewöhnliche Berufsqualifikation den Fachhochschulen überlassen. Noch stehen Gesetze diesen Plänen im Weg, doch die anstehende Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge deutet bereits in diese Richtung.

Manchen Studenten ist dass Konzept allerdings zu radikal: Der Mannheimer AStA etwa hält davon überhaupt nichts. "Das Ziel ist eine elitäre Wirtschaftsuni, die alle anderen Fächer degradiert", sagt die AStA-Vorsitzende Jenniffer Strehl, "Arndt setzt Beschlüsse oft so schnell durch, dass wir kaum reagieren können."

Was die Studentenvertreter empört, erntet von berufener Seite viel Applaus. So hat das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) die Uni Mannheim in diesem Jahr zur "Best Practice"-Universität für vorbildliche Reformen gekürt. Der Hochschule sei es gelungen, "sich ein Profil zu geben, das bundesweit nicht nur wahrgenommen, sondern auch anerkannt wird".

Gleich vor dem Hörsaal, in den die Erstsemester zur Einführungsveranstaltung BWL strömen, hat Hewlett-Packard einen Stand mit Infomaterial aufgebaut. Der HP-Repräsentant in marineblauem Hemd und knallgelber Krawatte ist nicht lange allein. Studentinnen mit Sonnenbrillen im blonden Haar und ihre Kommilitonen mit Pullovern über den Schultern, scharen sich um ihn, stellen interessierte Fragen. Berührungsängste gibt es nicht. Warum auch? Wer von der ZVS zum BWL-Studium nach Mannheim geschickt wird, hat sein Abi schließlich mit mindestens 1,4 gemacht und will weiter vorne bleiben. Auch das: knapp, klar, kalkuliert.

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