Ausstieg aus dem Beruf
Bloß raus hier

Viele Manager entdecken erst in einer Sinnkrise ihre wahre Leidenschaft und beginnen dann noch einmal von vorne: Sie verlassen ihren sicheren Posten und machen ihr Hobby zum Beruf. Der Jobwechsel birgt Risiken, aber macht glücklicher. Wie der Umstieg gelingt.
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Es trifft viele. Früher oder später, mit 25, 35 oder 45 Jahren, manchmal auch erst mit 55. Andreas Dürr ist Mitte 30, als es ihn erwischt. Plötzlich geistern Fragen in seinem Kopf herum, die er sich vorher nie gestellt hat: Macht es wirklich Sinn, jeden Morgen für diesen Job aufzustehen? Füllt diese Arbeit mein Leben auf Dauer aus? Soll es das sein, was in meinem Leben Spaß und Erfüllung bringt?

Dürr ist zu dem Zeitpunkt Firmenkundenberater bei der Deutschen Kreditbank (DKB). Er prüft Bilanzen, füllt Formulare aus und gewährt Kredite. Er leitet ein Team mit vier Mitarbeitern. Das macht er seit Jahren, tagein, tagaus. An diesem Tag ist das anders: Es macht Klick und ihn überkommt das Gefühl, dass sich etwas ändern muss. Jetzt. Sofort. So darf es nicht weitergehen! Er geht in ein Berufsfindungsseminar, stellt sich seiner quälenden Unlust und fasst am Ende eine folgenschwere Entscheidung: Er macht sein Hobby zum Beruf: Drachenbootrennen organisieren. "Es war die beste Entscheidung meines Lebens", sagt der heute 40-Jährige.

Erst in einer Sinnkrise entdecken viele Menschen, was sie wirklich antreibt. Sie zweifeln an den Inhalten im Job, haben immer weniger Lust an der Arbeit oder sind frustriert von der Dauerbevormundung durch den Vorgesetzten. Der Wunsch nach Veränderung wächst unaufhörlich. Anders als Dürr wagen aber nur wenige den Schritt raus aus der Routine und rein in einen neuen Beruf, ein neues Unternehmen - vielleicht sogar das eigene. Sie hadern lieber weiter mit sich, statt ihrer Leidenschaft auf die Sprünge zu helfen.

Die unterschwellige Unlust an der Arbeit ist längst ein Massenphänomen. Privattelefonate im Büro, Dienst nach Vorschrift oder Jammern über die berufliche Situation – all das sind Symptome einer inneren Kündigung. Nur eine Minderheit ist vollkommen zufrieden mit ihrem Job, ergab eine Studie des Geva-Instituts. Liegen die Deutschen im Arbeitszufriedenheitsindex weltweit gesehen zwar relativ weit oben, beklagen sie vor allem beim persönlichen Handlungs- und Entscheidungsspielraum Defizite. Jeder Dritte bewertet seine Freiheiten im Job neutral oder negativ.

Den Motivationsknick erleben Fach- und Führungskräfte inzwischen "immer früher", sagt Michael Kast- ner, Organisationspsychologe an der Universität Dortmund. Heute gelten Mitarbeiter mit 50 schon als "alt", deshalb seien Zweifel mit Anfang 30 "völlig normal", sagt Kastner, ein Experte für Work-Life-Balance, der etliche Führungskräfte schon durch persönliche Krisen gesteuert hat. Orientierungslosigkeit, Sinnleere und die immer gleichen Arbeitsrituale drosseln den eigenen Antrieb und führen auf Dauer zu Frust.

Auch Dauerstress sorgt dafür, dass solche Warnsignale verdrängt werden. Im Extremfall droht ein Burnout. Ist der ärztlich diagnostiziert, können Geschädigte gar Ansprüche aus der Berufsunfähigkeitsversicherung geltend machen, wie das Landgericht München in einem Präzedenzfall entschied. Nur: Die wenigsten Gestressten ziehen rechtzeitig die Leine. Der Glaube, nicht anders zu können, lasse "die Menschen im Hamsterrad eher nur noch schneller laufen", sagt Kastner.

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