Auswanderer
Die neuen Gastarbeiter

Deutschland, ein Land der Auswanderer? Ein Blick in die offizielle Statistik erweckt diesen Eindruck: Im vergangenen Jahr verließen mehr als 150 000 Deutsche dieses Land – so viel wie nie zuvor seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen Mitte der 50er-Jahre. Und der Trend setzt sich fort: Allein im ersten Halbjahr 2005 kehrten weitere 78 400 Deutsche ihrer Heimat den Rücken.

DÜSSELDORF. Dass Menschen im Ausland Arbeit suchen, ist auch hier zu Lande nicht neu. „Neu ist aber, dass dieser Trend erheblich zunimmt und wir mittlerweile eine beachtliche Abwanderung aus Deutschland feststellen“, sagt Hilmar Schneider vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das hat aus Sicht des Arbeitsmarktexperten vor allem zwei Gründe: einerseits die hohe Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende fehlende Beschäftigungsperspektive in Deutschland, andererseits die Unzufriedenheit innerhalb mancher Berufsgruppen.

Keine Beschäftigungsperspektive – das gilt beispielsweise für viele arbeitslose Bauarbeiter: Im November waren allein knapp 100 000 Maurer und Betonbauer ohne Arbeit, mehr als 40 000 Zimmerer, Dachdecker und Gerüstbauer und weit über 50 000 Bauhilfsarbeiter. Im Ausland werden sie dagegen mit Handkuss genommen: „Möchten Sie in Norwegen arbeiten?“ heißt es auf der offiziellen Internetseite Norwegens in Deutschland. „Im September 2005 registrierte das norwegische Arbeitsamt, Aetat, rund 19 000 freie Stellen in Norwegen“, steht da. Es bestehe ein großer Bedarf an Handwerkern in der Baubranche. Die meisten freien Stellen aber gebe es im Gesundheitssektor. Besonders Fachärzte und Zahnärzte seien gefragt.

Auch das dürfte deutsche Arbeitnehmer interessieren. Denn für manchen Akademiker gilt der Trend, im Ausland nach Arbeit zu suchen, ebenso wie für geringer Qualifizierte. Anders als im Bausektor liegt der Anstoß, Deutschland den Rücken zu kehren, für Arbeitnehmer im Gesundheitssektor laut IZA-Experte Schneider aber woanders: Die Bedingungen für Ärzte seien im Ausland, etwa in Großbritannien oder Skandinavien, deutlich besser als hier zu Lande. Auch Deutschland braucht Ärzte – das zeigen Meldungen aus Ostdeutschland. Aber es fehlt an Anreizen, sich dort niederzulassen. Um dieses Dilemma zu lösen, ist nach Ansicht von Schneider die Politik in der Verantwortung. „Es kann nicht im Interesse des Staates sein, dass er in die Ausbildung investiert, aber andere den Ertrag ernten“, sagt der Ökonom.

Mangel an Stellen ist auch aus Sicht von Stefanie Wahl, Geschäftsführerin des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG Bonn), nicht ausschlaggebend dafür, dass es viele deutsche Arbeitssuchende in die österreichische und schweizerische Gastronomie zieht. Offenbar sei das Image von Kellnern, Köchen oder Zimmermädchen in den Nachbarländern besser als hier zu Lande. „Der Trend, in den attraktiveren Gegenden Jobs zu suchen, ist zunehmend beobachtbar – wenn er sich auch nicht anhand offizieller Statistiken belegen lässt“, sagt Wahl. Besonders beliebt sind bei den deutschen Abwanderern offenbar die Schweiz, Österreich und Großbritannien, berichtete die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit.

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