Autorin Kerber moniert die Doppelmoral
Die Hauptsache ist, auf dem Karussell drauf zu bleiben

Ein Interview mit der Autorin Bärbel Kerber, was Frauen im Job tun oder lieber lassen sollten.

Frau Kerber, darf eine Frau im Job heute erwähnen, dass sie Kinder hat?

Ehrlich gesagt, nein. Man sollte es tunlichst nicht zum Thema machen – und vor allem beim Chef gilt, lieber totschweigen: keine Kinderfotos aufstellen, keine Kinderzeichnungen an die Wand pinnen. So traurig ich es persönlich finde. Eine Mutter hat im Job immer das Stigma, dass sie auch mal kurzfristig ausfallen könnte.

Dürfen berufstätige Mütter also sicherheitshalber nie krank werden oder fehlen?

Sicherer wäre es. Mein Tipp ist jedenfalls: Wer den Job wechseln will, sollte sich vom derzeitigen oder Ex-Arbeitgeber bestätigen lassen, dass sie nie wegen ihrer Kinder gefehlt hat am Arbeitsplatz. Die Aufführung im Kindergarten, der Arzttermin – das alles sind Zwänge für eine Mutter, denen sie sich nicht entziehen kann. Nimmt sie diese absoluten Pflichttermine nicht wahr, ist sie gleich unten durch in der eigenen Familie und bei den Nachbarn – und macht sich selbst Vorwürfe als Rabenmutter. Also absolviert sie diese Termine und sitzt in der Zeitfalle. Sie ist es, die sich am späten Abend, wenn alle anderen schlafen, hinsetzt und nacharbeitet.

Und wo bleiben die neuen Väter in diesen Momenten?

Ich bin immer wieder schockiert, wie wenige der jungen Väter eine aktivere Erzieherrolle übernehmen. Dabei wäre es so wichtig: Nicht nur, um ihre Frau zu unterstützen, sondern auch um ein Signal zu setzen. Erst wenn es üblich wäre, dass auch Väter zwischen 17 und 18 Uhr Feierabend machen, um am Familienleben teilzuhaben, müssten sich Mütter nicht mehr rechtfertigen.

...aber diese aktiven Väter sind eher seltene Vögel...

Genau, und das hat folgenden denkwürdigen Effekt: Wenn sich ein Vater zum Beispiel aus dem Büro verabschiedet wegen der Einschulung, erntet der Bewunderung, welch guter Vater er ist und bekommt nahezu ein virtuelles Bundesverdienstkreuz. Keiner würde ihn deshalb als unzuverlässig im Job einstufen. Diese Doppelmoral ist schon eine der größten Fallen für berufstätige Mütter. Bei ihm würde keiner - wie bei Frauen – kommentieren: „Oje, er ist eben doch unzuverlässig, mit ihm kann man einfach nicht rechnen.“

Und diese Ungleichbehandlung und Vorwürfe wollen sich viele Mütter gar nicht erst antun und bleiben lieber gleich zu Hause?

Auch. Es schmerzt aber auch ein Fakt unseres Systems: Eine Frau, die selbst arbeiten geht, muss anschließend fast ihr ganzes Nettogehalt an eine Kinderfrau abliefern, die statt ihrer – mal schlechter mal besser – zu Hause die Stellung hält. Es kommt ihr so vor, als könne sie auch gleich die Arbeit bleiben lassen. Sie bedenkt nicht, dass sie zum Beispiel auch in die Rentenkasse einzahlt in dieser Zeit und vor allem, dass sie auf dem Karussell bleibt. Ist sie einmal draußen, kommt sie nicht mehr hinein, jedenfalls nicht bei anspruchsvollen Jobs. Dazu verändert sich darin laufend viel zu viel. Und unterschlagen wird, dass eigentlich auch die Hälfte der Betreuungskosten der Vater zu tragen hat. Gedanklich gehen die Aufwendungen eigentlich durch Zwei. Ich finde es einen Skandal, wenn man das Gehalt der Kinderfrau nicht wie eine Firma in voller Höhe steuerlich absetzen darf: Man schafft doch einen Arbeitsplatz.

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