Beratungen rollen Frauen den roten Teppich aus
Das Ende der Bescheidenheit

Jung-Beraterinnen sagen heute offen, dass sie beides wollen: Kind und Karriere. Ihre Arbeitgeber haben damit kein Problem. Sie rollen sogar seit ein paar Jahren Frauen den roten Teppich aus. Der Grund: Den Strategiehäusern geht sonst der Nachwuchs aus.

„Eigentlich dürfte es mich gar nicht geben“, sagt Simone Barbon* (Name der Redaktion bekannt). Die Belgierin ist verheiratet, hat ein Kind – und ist Herrin über das Qualitätsmanagement eines Großunternehmens in Hessen. Denn: Deutsche Chefetagen sind frauenfreie Zonen – nach wie vor. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ermittelte: Frauen werden hier zu Lande mit aller Gründlichkeit von der Macht fern gehalten – und halten sich selbst fern. Nur einen von 533 Vorstandssitzen der 100 umsatzstärksten Firmen besetzt eine Frau.

Dass Barbon es trotzdem schaffte, verdankt sie ihrer Herkunft. „In Belgien gelten Frauen, die zu Hause bleiben, als Profiteurinnen. Da sagen die Nachbarn: Warum schickt die ihren Mann arbeiten, die kann doch selber Geld verdienen, um das Schulgeld für die Kinder reinzuholen. Den Begriff Rabenmutter gibt es bei uns schon gar nicht“, so Barbon. Die Wirtschaftsingenieurin war so schlau, den deutschen Konzern, in dessen Finanzabteilung sie ihre ersten Berufsjahre verbrachte, zu verlassen, als sie merkte, dass sie nicht schnell genug befördert wurde.

Barbon wurde Consultant und hatte nach acht Jahren Beraterkarriere genug Selbstbewusstsein, um auf den Chefsessel zu wechseln. Ein Vorbild für die jüngste Generation ambitionierter Berufseinsteigerinnen. Denn ehrgeizig und selbstbewusst sind die Hochschulabsolventinnen heute allemal: Sie sagen offen – jedenfalls in der Beraterszene –, dass sie Kinder plus Karriere wollen. „Junge Frauen sind heute viel anspruchsvoller“, sagt Nina Wessels, Recruitingchefin bei McKinsey.

Beratungen rollen seit ein paar Jahren Frauen den roten Teppich aus. Der Grund: Den Strategiehäusern geht sonst der Nachwuchs aus. Gerade die Klientel, die für den Beraterberuf in Frage kommt, zieht es oft bereits während des Studiums ins Ausland und kehrt von dort nicht zurück. Mehr noch: „Über die Hälfte der Hochschulabsolventen sind Frauen. Diesen Talentpool auszuklammern, können wir uns nicht leisten“, so Isabella Erb-Herrmann von Booz Allen, die ihre Frauenquote bei den Junior-beratern auf 37 Prozent gesteigert hat.

Einige Jahre zu beraten kann für Frauen zum entscheidenden Karrierebeschleuniger werden. Statt sich durch Hierarchien zu kämpfen, haben sie schon früh Zugang zu Vorstandsetagen. Beste Voraussetzung dafür, mit Selbstbewusstsein einen Chefposten in der Industrie anzutreten. Zwar sind Kinder mit einem Berater-Nomadendasein schwer zu vereinbaren. Umgekehrt können die Beratungshäuser offen damit umgehen, weil sie Projektgeschäft betreiben: „Wenn eine Beraterin wegen Elternzeit ausfällt, reißt sie keine Lücke“, urteilt Erb-Herrmann. Kein Stuhl muss freigehalten werden, kein Kollege muss unter der Abwesenheit leiden und für zwei arbeiten. Wessels: „Der Vorteil ist, dass man in den Job relativ unkompliziert aus- und wieder einsteigen kann.“

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