Business Behaviour
„Alle doof – außer ich“

Missverständnisse und Streitigkeiten ließen sich vermeiden. Wenn man erst genau hinsehen oder zuerst nachfragen würde und danach erst handeln. Vor allem im Job gäbe es weniger gebrochene Motivation, weniger innere Kündigungen.

Aus, Sie sitzen plötzlich im Dunkeln. In der Toilette in Ihrem Unternehmen. Da hat ein ganz Schlauer im Vorraum des WCs Licht gesehen - und es kurzerhand ausgeknipst. Wohlmeinend, um Strom zu sparen. Auf die Idee, dass hinter der nächsten Tür und ohne jedes Fenster jemand sein könnte, kommen offenbar etliche nicht. Der Vorfall wiederholt sich immer wieder, berichten Kollegen. So bleibt Ihnen nur übrig, sich vorsichtig herauszutasten - nachdem Sie sich im Dunklen wieder angezogen haben. Der Übeltäter ist längst um die Ecke. Dieser Vorfall zeigt aber vor allem, wie wenig Selbstzweifel viele Mitmenschen plagen. Wie unangefochten - und im Ergebnis rücksichtslos - sie durch die Welt gehen. Die vier kleinen Worte "Ist hier noch jemand?" hätten gereicht. Der Grundgedanke dahinter ist nämlich - bitte verzeihen Sie den Spruch - "alle doof, außer ich".

Dabei wäre es so einfach, wenn jeder die Reihenfolge beherzigen würde: Erst genau hingucken oder zuerst nachfragen und danach erst handeln oder meckern oder was auch immer. Ein kleines bisschen Vertrauen, dass auch andere Leute sich etwas bei ihrem Tun denken, wäre angemessen. Die Folge wären weniger Missverständnisse und Streitigkeiten. Vor allem im Job gäbe es weniger gebrochene Motivation, weniger innere Kündigungen.

Zu derselben Kategorie - mangelnde Distanz - gehören nämlich auch diese: Vorgesetzte oder Kollegen, die erst brüllen, erst schimpfen oder gleich abmahnen - ohne nur einmal nachzufragen, was sich der Mitarbeiter gedacht hat bei seinem - vermeintlichen - Fehlverhalten. So rief einen befreundeter Werber seine Chefin am Vorabend eines Feiertags gegen 21.30 Uhr zu Hause an. Ohne Vorrede wurde sie lautstark: Was er sich einfallen ließe, sie mit einer so unfertigen Arbeit sitzen zu lassen und, und, und. Fünf lange Minuten lang. Bis auch die Chefin mal Luft holte und er wenigstens die eine Frage loswerden konnte: Wie sie darauf käme, dass er am übernächsten Tag nicht seine Arbeit beenden wolle? Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann: "Wieso, ich denke, du hast Urlaub?" Nein, falsch, hatte er nicht.

Sie entschuldigte sich zwei Tage später, aber die unnötige Verletzung tat weh. Nicht nur, dass die Chefin sich von ihrer eigenen Nervosität hatte hinreißen lassen. Sie hatte ihm gezeigt, was sie ihm zutraute: verantwortungsloses Handeln ohne Pflichtbewusstsein. Statt einfach erst zu fragen, wie seine Planung aussähe, wo das Projekt jetzt noch nicht fertig sei. Führungskräfte brauchen Disziplin zu sachlicher Kritik - dann funktioniert?s auch mit dem Vorbildsein.

Gabriele Schlegel ist Dozentin für Business Behaviour an der FH Bonn-Rhein-Sieg

Darf ich in Meetings mein Gegenüber unterbrechen? Wen muss ich im Mailverkehr auf "cc" setzen, wenn ich ein neues Projekt angehe? Unsere Business-Behaviour-Expertin Gabriele Schlegel antwortet auf Ihre ganz persönlichen Fragen und gibt Tipps - schreiben Sie ihr:  hb.behaviour@vhb.de.

Business Behaviour gibt es jetzt auch als Buch: Redline Verlag, 15,90 Euro. Zu bestellen unter: www.handelsblatt-shop.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%