Business Behaviour
Auch der Gutsherr muss ab und an über seine Felder reiten

Heute hat niemand mehr Zeit. Wo früher Kollegen auch schon mal kurz miteinander schwätzten, ist heute dafür kein Raum mehr - schon gar nicht mit Vorgesetzten. Dass darunter Arbeitsmoral und Loyalität leiden, wenn sich der Chef nicht mal um ein flüchtiges Grußwort bemüht, verkennen die meisten.

Die Werberin hörte gerade noch, wie am anderen Ende der Leitung jemand zwar den Hörer abnahm, aber mehr als ihren Namen wurde sie nicht mehr los. Es wurde gleich wieder eingehängt. Die Täterin war eine Abteilungsleiterin, die gerade schwer beschäftigt war. Ihre Marotte: Sie nahm immer nur kurz den Hörer hoch, um zu erfahren, ob nicht doch vielleicht ein Kunde oder ein anderer externer Anrufer am Apparat war. War es ein Kollege, hängte sie kurzerhand wortlos ein und setzte - ganz egoistisch - auf dessen Nachsicht für die Grobheit. Nur dieses Mal hatte sich die Chefin verrechnet: Die Kollegin hatte nämlich tatsächlich den dicksten Kunden der ganzen Agentur unterm Knöpfchen, der die Dame sprechen wollte. Dumm nur, dass die Kollegin jetzt deutlich erkennbar nach Ausflüchten suchen musste.

Die Situation jedenfalls ist typisch: Heute hat niemand mehr Zeit. Wo früher Kollegen auch schon mal kurz miteinander schwätzten, ist heute dafür kein Raum mehr. Eine After-Work-Party oder ein Kennenlern-Seminar können das nicht kompensieren. Wer mich das ganze Jahr über ignoriert, den mag ich auch bei dieser Gelegenheit nicht sprechen. Denn hetzen die Vorgesetzten nur von Termin zu Termin - freilich mit wichtigen externen Menschen - und umgeben sich auch beim Essen in der Kantine nur mit ihrer Ebene, dann ist es fast zwangsläufig, dass sich die Mitarbeiter innerlich verabschieden. Nach dem Motto: Warum soll ich mich für den Laden noch einsetzen, wenn ich dem Chef nicht mal einen Gruß und ein paar Worte wert bin. Menschlich nachvollziehbar ist es allemal.

In Unternehmen, in denen der Senior-Chef selbst noch präsent ist und öfter mal die Runde durch die Büros dreht, bleiben die Mitarbeiter loyal. Auch Michael Otto, Chef des Otto-Versands, der größten Versandhausgruppe der Welt immerhin, geht regelmäßig durch die Zentrale, und die Mitarbeiter schwärmten mir davon vor.

Ein guter alter Freund vor mir nennt das so: "Das ist wie bei einem Gutsherren, auch der muss ab und zu selbst über die Felder reiten und sich den Bauern zeigen." Doch gerade hier liegt ein dickes Missverständnis: Jeder Chef rühmt sich heute so: "Meine Tür steht für meine Mitarbeiter immer offen." Sie selbst mögen es zwar so empfinden, aber de facto ist das nur in den seltensten Fällen so. Meist sitzt doch eine Vorzimmerdame als Zerberus davor, oder nach den ersten ambitionierten Tagen bleibt die Tür zunehmend geschlossen. Und wer ihn treffen will, muss ihm im Waschraum auflauern. Als Mann jedenfalls.

Gabriele Schlegel ist Dozentin für Business Behaviour an der FH Bonn-Rhein-Sieg

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