Business Behaviour
Eine Hand kann nicht klatschen

Die 30-jährige Mitarbeiterin eines Münchener Beraters berichtete mir entsetzt: Zum ersten Mal war sie ernsthaft krank gewesen und das wochenlang. Doch in der ganzen Zeit rief ihr Chef sie nicht einmal an. Was wäre die Spielregel gewesen?

Zum ersten Mal in ihrem Arbeitsleben war die 30-jährige Mitarbeiterin sechs Wochen krank gewesen, ernsthaft und Besorgnis erregend. Doch in der ganzen Zeit rief ihr Chef sie nicht einmal an. Sicher, jeder hetzt durch den Arbeitstag, und sie hatte Verständnis dafür. Damit konnte sie leben, zur Not. Doch dann kam vier Tage vor ihrer Rückkehr eine Mail ihres Chefs - ohne einen Satz der Anteilnahme, nur mit Anweisungen für die nächste Woche. Das verletzte die Beraterin umso mehr. Machte ihr das Stillschweigen ihres Chefs erst deutlich, dass sie als Mensch so gar nicht wahrgenommen wurde.

Was wäre die Spielregel gewesen? Der Chef hätte wenigstens einmal anrufen müssen, um nach ihrem Wohlbefinden zu fragen und zumindest einen Blumenstrauß schicken sollen. Zum Vergleich: Führungskräfte, die von ihrem Unternehmen nach Asien geschickt werden, müssen deutlich mehr Einsatz gegenüber ihren Mitarbeitern zeigen. Jedenfalls wenn ihnen ernsthaft am Erfolg ihrer Firma vor Ort gelegen ist. Sie müssen sich nicht nur an das Krankenbett ihrer Mitarbeiter bemühen, sondern sogar an das von erkrankten Angehörigen ihrer Mitarbeiter. Auch den Weg in ein Krankenhaus müssen sie antreten, wenn sie nicht die Loyalität ihrer Leute verlieren wollen. Was am Krankenbett dann stattfinden soll? Nach Details der Krankheit zu fragen ist Tabu, Distanz wahren ist die Devise sowie Anteilnahme zeigen und Hilfe anbieten.

Asiaten untereinander verhalten sich bei Krankheitsfällen so, wie es sich auch viele hier wünschen würden: Die Kollegen bekochten Erkrankte, bringen kleine Geschenke und wechseln sich mit Besuchen ab. Führungskräfte sollten nicht jedermanns Liebling sein und auch nicht für alles Verständnis haben, aber in Ausnahmefällen müssen sie auf der persönlichen Ebene reagieren: bei ernsthaften Krankheiten, Geburten und Todesfällen in der Familie. Dann muss die Firma Anteilnahme zeigen, damit das Wir-Gefühl glaubhaft ist. Manager mit diesem Feingefühl haben Anspruch auf kooperative Mitarbeiter, die den Führungskräften Respekt und professionelle Distanz entgegenbringen. Geschäftliche Umgangsformen müssen von beiden Seiten erfolgen. Ein ägyptisches Sprichwort sagt "Eine Hand kann nicht klatschen", ebenso wenig ist nur eine Seite für das Arbeitsklima verantwortlich. Die Signale für den Umgangsstil müssen allerdings von der Führungsspitze kommen.

Redaktion: Claudia Tödtmann

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