Business Behaviour: Gestern noch Kollege, heute Chef.
Heute Du, morgen Sie?

Für politische Beamte gehört es zum Alltag: Bei Regierungs- oder Ministerwechseln wird schnell mal ein jüngerer Kollege zum Vorgesetzten. Da ist Souveränität gefragt, um damit umgehen zu können. Vor allem, weil die meisten Beförderten natürlich glauben, dass ausschließlich ihre Kompetenz Grundlage für die Personalentscheidung war. Die Kollegen, nicht frei von Neid, tippen demgegenüber - auch natürlich - eher auf Vitamin B oder das richtige Parteibuch.

In der Industrie gelten diese Ausreden nicht. Übergangene müssen zusehen, wie sie die Lage meistern - oder die Firma wechseln. Jedenfalls ist diese neue Situation für beide Seiten schwer.

Allerdings: Um Harmonie allein kann es nicht gehen. Denn es kommt der Tag, an dem sich gegenüber den ehemaligen Kollegen die blanke Autorität durchsetzen können muss. Der Tag, an dem der Übergangene einsehen muss, dass er endgültig den Kürzeren gezogen hat und er die neue Lage akzeptieren und kooperativ sein muss.

Ich rate dem neuen Chef zu offenen Gesprächen und konkreten, nachvollziehbaren Vorgaben für die Mitarbeiter - und zwar schon rechtzeitig. Am besten von Beginn an klare Positionen vertreten und gleichwohl Gesprächsbereitschaft signalisieren. Wer von Anfang an konsequent bleibt, hat später nicht die Sorge, wie er ein zu lockeres Verhalten zurückschrauben kann. Die Kollegen sollen spüren, dass die Wertschätzung ihnen gegenüber authentisch ist - auch wenn Sie sie ja bereits intensiver kennen, als es ein fremder neuer Chef täte. Sie müssen aber auch erkennen, dass etwas mehr Distanz notwendig wird.

Besonders problematisch für beide Seiten ist es, wenn man sich bislang duzt. Darf es so bleiben? Wie wirkt es auf Fremde? Und vor allen Dingen: Wie wirkt es auf die Kollegen? Oder wie wirkt es in drei Jahren, wenn der Chef sich nur noch mit ein, zwei Leuten duzt und mit allen anderen nicht? Der Mitarbeiter sollte jedenfalls nachfragen, ob es zumindest in Gegenwart von Kunden oder in anderen offiziellen Besprechungen besser ist, zum Sie zu wechseln. Das signalisiert nicht nur eine professionelle Haltung, sondern der neue Chef wird diese Gesten wertschätzen. Wer als Chef natürliche Autorität hat, wird ohnehin souverän reagieren und das Angebot, zum ständigen Sie zurückzukehren, nicht annehmen. Und umgekehrt muss der Ex-Kollege selbst merken, wo die neuen Grenzen sind.

Das Du kann ohne weiteres bleiben - wenn die alten Kollegen daraus keine Sonderrechte folgern. Wenn sie trotz des Vornamens und gerade deshalb sogar respektvollen Abstand halten. Und vor allem nicht auf die Idee kommen, diesen Chef anders als einen anderen, fremderen Chef zu behandeln. E-Mail-Witze schicken ist fortan tabu. Ein Gerücht, das man sich unter Kollegen in der Teeküche erzählt, darf demselben Mann in der neuen Chef-Rolle nun nicht mehr erzählt werden. Hätten Sie dem Kollegen früher mitgeteilt, wenn Sie diese oder jene Entscheidung anzweifeln oder diskussionswürdig finden? Ist er erst mal der Chef, geht das nicht mehr so einfach. Jedenfalls nicht, so lange Sie nicht ausdrücklich dazu aufgefordert werden. Und selbst dann ist deutlich mehr Vorsicht beim Formulieren angesagt als früher.

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