Business Behaviour
„Jetzt wollen wir erst mal beten“

Wie halten Sie es mit der Religion? Und mit Tischgebeten bei Geschäftsessen? Ein Handelsblatt-Leser schilderte kürzlich, was ihm mit einem Geistlichen geschehen war, und wollte wissen, ob er etwas falsch gemacht hatte.

Der Jurist saß beim Mittagessen während eines Kongresses neben einem hohen kirchlichen Würdenträger. In bester Absicht wünschte er dem Geistlichen "Guten Appetit" und wollte beginnen zu essen. Doch der reagierte völlig unerwartet. Statt den Gruß zu erwidern, wies er den Wunsch seines Tischnachbarn brüsk zurück: "Jetzt wollen wir doch erst einmal dem Herrgott danken." Und sprach ein Tischgebet.

Dem so Angeherrschten war der Appetit vergangen. Er fühlte sich so, als stehe er ganz tief im Fettnapf. Dabei hatte der Jurist nichts falsch gemacht. Bis auf die Nebensächlichkeit, dass man bei offiziellen Essen keinen "Guten Appetit" wünscht. Zum einen darf auch ein hoher Geistlicher andere nicht so maßregeln. Zum anderen ging es um Religionsausübung - und damit um etwas ganz Persönliches, Privates. Hinzu kommt, dass der Geistliche nicht einmal wusste, welcher Konfession der Jurist angehörte. Oder ob er aus der Kirche ausgetreten war.

Tischgebete sind mir von offiziellen Geschäftsessen in den Vereinigten Staaten, aber auch in Jamaica vertraut. Doch in Europa kommen sie kaum vor. Die Benimmregel aber für den Geschäftskontakt lautet: Gib deinem Gegenüber - insbesondere dem Gastgeber - ein gutes Gefühl. Es ist absolut korrekt, wenn Menschen ihr eigenes Tischgebet sprechen. Aber es sollte nicht in eine Demonstration ausarten und schon gar keine Aufforderung an alle darstellen. Jede unsensible Reaktion, gerade bei den Themen Religion und Politik, kann zu einem emotional aufgeladenen Tischgespräch führen. Und das ist ein Albtraum für jeden Gastgeber und eine Bankrotterklärung an die Idee eines Geschäftsessens zur Kontaktpflege. Deshalb bestimmen die Interessen des Gastgebers den Ton, und jeder höfliche Gast wird sich daran halten.

Wie der Jurist am besten aus der Situation herausgekommen wäre? Indem er die Bemerkung des Geistlichen überhört hätte und die Gesprächsvorlage gar nicht erst annimmt. Contenance ist angesagt sowie der elegante Übergang zu einem professionellen Gespräch. Wer dies ohne Unterton oder abwertende Mimik beherrscht, ist auch international ein perfekter Firmenrepräsentant. Und so kann auch ein Gastgeber oder Miteingeladener zur Rettung beitragen - durch Themawechsel.

Darf ich in Meetings mein Gegenüber unterbrechen? Wen muss ich im Mailverkehr auf "cc" setzen, wenn ich ein neues Projekt angehe? Unsere Business-Behaviour-Expertin Gabriele Schlegel antwortet auf Ihre ganz persönlichen Fragen und gibt Tipps - schreiben Sie ihr:  hb.behaviour@vhb.de.

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