Business Behaviour
Übertrumpfen mit Krankheiten

Ätsch, ich bin aber schneller, ich bin größer und schöner, ich kann weiter, und ich habe die bessere Note. Hassen Sie solche Dialoge auch? Wie damals in der Schulzeit? In solch eine Situation fühle ich mich immer zurückversetzt, wenn mich jemand erst ganz freundlich nach meiner Gesundheit fragt - um mich dann eilends mit einer Malaise zu übertrumpfen.

Aus dem Hinterhalt schnellt plötzlich mancher wie ein Tiger hervor und überfällt denjenigen, der ohnehin schon mit irgendeinem Wehwehchen oder den Folgen eines Sportunfalls geplagt ist, mit einer eigenen Leidensgeschichte.

Was passiert da? Kaum gibt man seinem Gegenüber das Stichwort, liefert man nolens volens eine Steilvorlage zum Angeben, angeben mit Krankheit. Dass er selbst das auch alles schon durchgemacht hat - und viel Schlimmeres noch. Doch seine unterschwellige Botschaft ist eine Frechheit, sie lautet nämlich: Stell dich nicht so an! Lass dich nicht so hängen! Ich hatte viel schlimmere Symptome, bin aber deswegen nicht zu Hause geblieben.

Bleibt die Frage, wie man am besten hierauf reagiert. Wer als so Gedemütigter gerade generös und entspannt ist, sollte dem Gegen-Jammerer das Feld überlassen. Lassen Sie ihn einfach ausreden, bis er fertig ist. Dann Themenwechsel. Nach der Stilregel: Beleidigungen, Kränkungen nimmt man nicht an. Ich meine damit kein überhebliches Drüberstehen, sondern Souveränität. Weil dem wirklich Souveränen klar ist, dass diese Verletzungen meistens nicht so gemeint sind - auch wenn man sie dennoch so empfinden muss. Denn vermutlich sind solche Ausrutscher tatsächlich unüberlegt und geschehen ohne böse Absicht. Auf alle Fälle sind sie unsensibel - und ohne jede Empathie für den anderen mit seinen Sorgen und Nöten. Denn wie?s dem Gegenüber wirklich geht, interessiert den Gegenjammerer im Grunde gar nicht. Er braucht nur ein Stichwort für seine Leidensgeschichte.

Kommt es ganz dicke und macht der Gegenjammerer quasi noch einen zweiten Aufguss, bleibt nur noch der Rückzug: "Nun muss ich aber gehen, es tut mir Leid, aber es ist viel auf meinem Schreibtisch liegen geblieben."

Das heikle Thema Krankheit kann überhaupt einen ausgesprochenen Fettnapf darstellen. Die anteilnehmende Frage "Was genau haben Sie denn?" kann in anderen Ländern richtig verletzend wirken. Asiaten - aber auch den Briten zum Beispiel - ist so viel Distanzlosigkeit schlichtweg unangenehm. Ein Besuch am Krankenbett allerdings gehört in Asien zum guten Ton. Dem Kollegen oder Mitarbeiter wünscht man gute Besserung und bietet seine Hilfe an. Aber nach Details der Krankheit zu fragen - was bei uns ehrliches Interesse bekunden würde - gilt als Eingriff in die Intimsphäre.


Möchten auch Sie eine Benimm-Frage geklärt haben? Schreiben Sie Gabriele Schlegel! Fragen und Antworten dokumentieren wir  hier.

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