Business Behaviour
Vermintes Terrain

Darf ich meinen Chef kritisieren?" Oder: "Darf ich ihn auf seine Unzulänglichkeiten aufmerksam machen?" Diese Fragen stellte eine Handelsblatt-Leserin kürzlich. Etwa, wenn er ungerecht ist zu einer Mitarbeiterin. Oder dass er seine Präsentationen immer hoffnungslos überzieht, bis auch der Letzte gähnt. Ob sie ihm das unter vier Augen sagen dürfe?

Mein Tipp: Doch, so viel Mut darf es schon sein, doch mit ein paar Besonderheiten und nicht wie unter Kollegen. Ein Gespräch sollte nur unter vier Augen stattfinden und nicht mit anderen Kollegen im Vorfeld besprochen werden. Laufen Sie auf keinen Fall mit einem DIN-A4-Blatt und einer ganzen Latte von Verfehlungen bei dem Chef auf wie ein Racheengel. Dann fühlt sich der Vorgesetzte lediglich so, als werde er schon seit Monaten permanent und heimlich belauert.

Zur Debatte stehen sollten nur die ganz konkreten Vorfälle - mehr nicht. Diffuse Vorwürfe von "miesem Betriebsklima" helfen nicht weiter. Die Fakten müssen auf den Tisch, aber bitte klar getrennt von der Person besprochen werden. Und wie viel Kritik ein Chef aushält, das ist eine Sache des Feingefühls. Klar ist, dass es ebenso supersensible Typen gibt, die Kritik immer schwer persönlich nehmen, und andere, die geradezu dickfellig sind. Die Devise "Der Chef bekommt Schmerzensgeld für seinen Job" mag stimmen - doch trotzdem ist Vorsicht angesagt. Im Zweifelsfall würde ich lieber den Rückzug antreten, statt Recht zu behalten.

Denn es kann noch dicker kommen: Gerüffelt werden vom Vorgesetzten ist das eine. Aber gerüffelt werden für etwas, was man in Wirklichkeit richtig gemacht hat, das ist bitter. Wenn der Chef, sich irrend, seinem Mitarbeiter einen vermeintlichen Fehler vorhält, etwa bei den Aussagen, dass die Schweiz nicht zur EU gehöre oder dass in Großbritannien nicht mit dem Euro gezahlt werde. Die richtige Antwort wäre leicht zu finden. Doch der Vorgesetzte hat Wissenslücken - und ist felsenfest von seinem Irrglauben überzeugt.

Knifflige Lage: Wer sich direkt wehrt, behält vielleicht in dem Moment Recht - muss es aber die nächsten Jahre büßen. Niemand verliert gerne sein Gesicht und schon gar kein Chef vor einem Rangniedrigeren. Wichtig ist, auch wenn man zu Unrecht beschuldigt wird: sachlich bleiben. Das bringt Respekt ein. Am besten ist eine Redewendung wie "Können wir die Fakten bitte noch einmal rekonstruieren" oder "Ich sehe das anders und möchte das gerne klarstellen." Auf keinen Fall aber den Chef konfrontieren mit Anschuldigungen: "Sie haben das falsch dargestellt." Dann ist die Tür zugeschlagen - und öffnet sich nicht wieder.

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