Business-Lunch
„Herr Ober, der Wein korkt“

Wein ist ein Trendthema geworden: Um beim Business-Lunch nicht als Versager dazustehen, eignen sich Führungskräfte in Seminaren Wissen an. Unangenehm wird es allerdings, wenn die neu gewonnene Begeisterung dann später beim Geschäftsessen in Besserwisserei umschlägt.

DÜSSELDORF. Die Gäste hatten sich schon auf das Abendessen im Spitzenrestaurant gefreut. Wie jedes Mal hatte der Gastgeber, ein Unternehmer, die erste Flasche mit der Begründung "Der Wein korkt" zurückgehen lassen. Um sich vor Publikum als Connaisseur zu profilieren. Nach dem ersten Schluck Weißwein aus der neuen Flasche meinte er "Wunderbar. Wie schön, dass die Franken jetzt auch den Barrique-Ausbau entdeckt haben." Der Kellner schenkte die übrigen Gläser voll, und die Gäste mussten wohl oder übel den Wein trinken - und der hatte jetzt tatsächlich Korkgeschmack. Den aber hielt der Möchtegern-Weinkenner für Barrique-Aroma, erzählt Sommelier Marcus del Monego.

"Wer heute eine gewisse berufliche Position erreicht hat, von dem wird erwartet, dass er sich in Sachen Wein einigermaßen auskennt", stellt der bislang einzige deutsche Sommelier-Weltmeister fest. "Und es ist unmöglich, nicht zu erkennen, ob ein Wein korkt, oxidiert ist oder sonst einen Malus hat", meint der Mitinhaber des Essener Weinberatungsunternehmens Caveco.

Vielleicht sind es die Urlaube in Spanien, Italien oder Frankreich und die zahlreichen Kochsendungen, die mittlerweile im Fernsehen flimmern: Wein ist ein Trendthema geworden.

Dementsprechend attestieren Fachleute den Deutschen ein gutes Wissensniveau in Sachen Wein. Allerdings reichen theoretische Kenntnisse über Hauptanbaugebiete in Deutschland oder Frankreich nicht aus, um auf dem sozialen Parkett eine gute Figur zu machen.

"Welcher Wein zu welchem Essen? Schon bei dieser Frage müssen viele passen", beobachtet Christian Frens, Geschäftsführer der Agentur Sommelier Consult. Der Umgang mit Wein kann sich gerade bei beruflichen Zusammenkünften als vermintes Feld erweisen, in dem so mancher Sprengsatz unerwartet explodiert. Zum Beispiel, wenn ausländische Geschäftspartner zu Besuch sind. "Wer Chinesen bewirtet, sollte den teuersten Wein auf der Karte bestellen. Denn Gesten, die etwas Besonderes aussagen und auch kosten, signalisieren dort, dass man den anderen besonders respektiert", rät Gabriele Schlegel, Dozentin für Business Behaviour an der FH Bonn-Rhein-Sieg. Wer das nicht weiß und zum guten, aber günstigeren Wein aus der Pfalz greift, verspielt in solchen Momenten eventuell wichtige Sympathien. Deshalb werden Wein- und Genussseminare in manchen Unternehmen auch als Mitarbeiterschulung angesehen. Damit Manager bei Geschäftsessen mit hochkarätigen Partnern und Kunden auch bestehen können.

Claudia Stern, Inhaberin des Kölner Restaurants Vintage und Anbieterin von Weinseminaren, weiht bereits seit zehn Jahren Geschäftsleute und Manager - zum Beispiel von McKinsey oder der Credit Suisse Group - in die Feinheiten rund um Reben, Trauben und Genuss ein. Sie bringt ihnen bei, dass beim Arbeitsessen Wein auch glasweise bestellt werden kann. Damit jeder so wenig trinken kann, wie er mag, und zu jedem Gang etwas anderes aussuchen kann. Oder: Dass zum Business-Lunch keine gehaltvollen Weine gehören.

Sie coacht schon mal Führungskräfte für ein wichtiges bevorstehendes Essen mit Vorständen. Stern beobachtet: "Die Klientel hat sich sehr verjüngt." Gerade mit der Weinkarte tun sich viele vermeintliche Connaisseurs schwer. Die Klagen zweier befreundeter Banker, wie sie denn bitte schön bei Geschäftsessen schnell und richtig aus über 200 Weinen auswählen sollten, brachte Michael Strohmayer vom Institut für Önologie und Sensorik in Freyburg/Unstrut auf eine Idee. Künftig bringt der Weinbauingenieur Interessierten bei, wie man Weinkarten richtig liest. "Wenn Sie zum Beispiel wissen, dass einem Pouilly-Fumé, Sancerre, Entre-Deux-Mers und Bordeaux Blanc als Hauptrebsorte immer ein Sauvignon Blanc zu Grunde liegt, dann reduziert sich auch das umfangreichste Angebot schnell."

Unangenehm wird es allerdings, wenn die neu gewonnene Begeisterung dann später beim Geschäftsessen in Besserwisserei umschlägt. "Es gibt viele deutsche Weinfreaks, die mit ihren Kenntnissen prahlen und den anderen damit auf die Nerven gehen", beobachtet Gabriele Schlegel. Deshalb lautet ihre Empfehlung an alle, die ihr Wissen über Riesling, Burgunder und Co. sinnvoll einsetzen wollen: "Bleiben Sie auf jeden Fall locker. Wein soll Spaß machen, aber keinesfalls zum pädagogischen Element werden."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%